Mathias Gnädinger
«Da gibt es keine Schlusspointe, keine Abdankung - nichts»

Im Spielfilm-Debüt von Lorenz Keiser «Länger Leben» spielt Mathias Gnädinger einen leberkranken Pensionär. Im Interview erzählt er, warum seine eigenen Gebrechen fast immer Thema auf der Leinwand sind.

Sven Zaugg
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Schauspieler Mathias Gnädinger (Archiv)

Schauspieler Mathias Gnädinger (Archiv)

Keystone

Herr Gnädinger, Ihre Rollen sind geprägt von Ihren realen körperlichen Beschwerden. Im Drama «Ricordare Anna» ist es das Herz, in der aktuellen Komödie die Leber. Werden wir den Gnädinger nur noch als kranken Mann zu sehen bekommen?

Mathias Gnädinger: Die Regisseure und Drehbuchautoren wissen natürlich um meine Beschwerden. Aber ich bin ja nicht superkrank. Hansjörg Schneider beispielsweise (Autor der Hunkeler-Romane, Anm. d. Red.) nimmt Rücksicht auf meine Rückenbeschwerden. Darum fängt der Hunkeler jetzt an zu hinken. Also ja, mein Körper fliesst in die Rollen mit ein. Das ist für mich kein Problem. Organhandel ist ein ernstes Thema.

Wird die Satire «Länger Leben» dem gerecht?

Die Satire macht ernstzunehmende Themen wie Organhandel zugänglich. Deshalb ja, der Film wird dieser Sache gerecht. Bei mir selbst ist Organhandel kein Thema - weil meine Leber, sagen wir mal, nicht die gesündeste ist. Mein Herz tickt auch nicht mehr ganz richtig. Meine Innereien kann - oder besser gesagt darf - man nicht mehr verpflanzen.

Wie gehen Sie mit Ihrer eigenen Gesundheit um?

Ich habe eben das Buch von Christoph Schlingensief gelesen. Ein Buch, das mich schwer beeindruckt hat. Wie er mit seiner Krankheit - dem Krebs - umgeht, wie er in ein Zwiegespräch mit Gott und Jesus tritt. Wie er die Liebe zu seiner Frau Aino Laberenz beschreibt - wirklich sehr bewegend. Am Schluss des Buches wird ihm klar, dass er mit grosser Wahrscheinlichkeit sterben muss. Dann ist fertig . . . Da gibt es keine Schlusspointe, keine Abdankung - nichts. Es ist halt so, wie es ist. Offensichtlich ist das Buch dem Tod sehr nah und das hat mich angesichts meines fortgeschrittenen Alters zum Nachdenken gebracht.

Haben Sie kein Problem damit, dass Ihre persönlichen Beschwerden auf der Leinwand fast immer ein Thema sind?

Nein. Nehmen wir den Ruedi in «Lüthi und Blanc - der hat ja eigentlich gar keine Gebrechen». Der ist einfach ein Riesentrottel. Auch das kann ich spielen. Es geht also nicht immer um den kranken Gnädinger.

Sie sind ein Volksschauspieler, so sagt man. Alle kennen den Hunkeler, den Ruedi aus «Lüthi und Blanc». Die Menschen identifizieren sich mit Ihren Rollen - vor allem mit derjenigen des knorrigen Schweizers. Weshalb ist dem so?

Hunkeler ist zwar ein richtiger Schweizer - aber eben ein linker Schweizer. Er besitzt ein Häuschen im Elsass und geht gerne in den Schwarzwald. Er ist für mich das Gegenteil eines Blocher-Schweizers. Auch der Gnädinger ist ein Linker, ein einfacher Typ. Vielleicht ist das das Schweizerische. Die Leute mögen mich, weil ich ehrlich bin, weil ich sage, was ich denke. Mehr ist nicht dabei. Da gibt es nichts zu deuteln.

Sie sagten einmal, ohne Alkohol hätten Sie keinen Mut, Sie fühlten sich nüchtern nicht wohl in grosser Gesellschaft. Woher kommt dieses geringe Selbstvertrauen?

Ich fühle mich in grosser Gesellschaft nie wohl. Aber wenn ich trinke, denke ich nicht gross über das nach, was ich sage. Ich schnorre halt «e bizeli meh». Vielleicht hat das gar nichts mit Selbstvertrauen zu tun. Ach, ich bin einfach ein Einzelgänger. Dabei und trotzdem nicht dabei sein, das bin ich. Als Schauspieler ist man auf der Bühne ziemlich allein - doch man hat das Ensemble um sich, fühlt sich dadurch beschützt.

Trotzdem wollen, ja müssen Sie auf der Bühne oder vor der Kamera stehen, um geliebt zu werden. Auch ein Satz von Ihnen.

Das ist immer noch so! Aber man wird auch beurteilt. Ich erinnere mich, als ich einst für Dario Fo auf der Bühne in Mannheim stand. Ich spielte den Papst Bonifaz den VIII. - ein Sauhund sondergleichen. Dem Publikum gefiel das Stück überhaupt nicht. Es gab da diese Szene, wo der Jesus dem Papst - also mir - das Kreuz übergibt und meint, «so, jetzt darfst du das Ding tragen, du bist ja schliesslich der Papst». Das Publikum war empört, es protestierte. Ich hörte also auf zu spielen, ging zum Bühnenrand und erzählte dem Publikum, welch ein Lumpenseckel dieser Papst gewesen war. Das Publikum begriff - wir spielten weiter. Das brauchte Mut.

Welche Rolle wollen Sie unbedingt noch spielen?

Ich gehe nun auf die 70 zu. Wir machen sicher noch einen Hunkeler. Der nächste kommt ja bereits im Januar. Vielleicht möchte ich . . . Genau! Noch den King Lear spielen. Aber dazu müsste ich etwa 90 werden. Es gibt aber auch Rollen für ältere Herren. Wenn man einen solchen braucht, könnt ich mich vielleicht dafür erwärmen. Meine Frau, Ursula, findet sowieso, dass mich das Spielen am Leben hält. Da hat sie wohl recht.

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