Literaturverfilmung
Charlotte Roche findet «Feuchtgebiete» als Film sexyer als das Buch

Literaturverfilmung Charlotte Roche sorgte mit ihrem expliziten, teilweise autobiografischen Debütroman «Feuchtgebiete» für Furore. Jetzt kommt die Verfilmung in die Kinos.

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Carla Juri in einer Szene aus «Feuchtgebiete».
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Szenen aus dem Film «Feuchtgebiete»
Hauptdarstellerin Carla Juri in einer Szene aus «Feuchtgebiete».
Szene aus der Romanverfilmung «Feuchtgebiete»
Autorin Charlotte Roche.

Carla Juri in einer Szene aus «Feuchtgebiete».

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2008 wurde «Feuchtgebiete» zum Skandalbuch auserkoren. Dem Film scheint nun mehr Neugier als Skepsis entgegenzukommen. Haben wir uns in den fünf Jahren weiterentwickelt?Charlotte Roche: Das liegt, glaube ich, am Unterschied zwischen Film- und Literaturkritik. Das Buch wurde damals nur von Kritikern zu einer Provokation aufgebauscht; von den Lesern habe ich mich total gut verstanden gefühlt. In Deutschland werden Bücher sehr, sehr ernst genommen, und wenn sie ein Buch nicht gut finden, fühlen sie sich persönlich angegriffen. Ein Film ist kurzweiliger. Die Neugier spielt bestimmt auch eine Rolle: Die Leute gehen rein, weil sie sich fragen, wie dieses krasse Buch wohl umgesetzt wird. Manche sehen das vielleicht auch als Mutprobe: Wer zuerst kotzt, hat gewonnen. Dabei ist der Film gar nicht so schlimm, wie man ihn sich vorstellt.

Sehen Sie den Film auch als geeigneteres Mittel, Ihre Botschaft gegen Hygiene- und Rasurwahn weiterzutragen?
Auf jeden Fall! Auch dadurch, dass nicht so viel auf den Ekel und den Schmerz gesetzt wird. Der Film ist sexyer als das Buch: Der ist cool und «edgy», der ist einfach viel rock-’n’-rolliger. Das Buch ist zeitlos, sehr schmerzhaft, die Botschaft ist versteckter und die Leute sind zu sehr abgelenkt von den ekligen Sachen, während das im Film einfach mehr knallt – wie ein Popsong. Ich glaube, dass die Botschaft von meinem Buch rüberkommt, aber leichter zu verstehen und anzunehmen ist. Es soll befreiend sein, sodass man sich denkt: Jeder Körper ist anders, man muss keine Komplexe haben, darf sich nicht schämen für tief menschliche, körperliche Zustände.

Die Bilder im Kopf der Leser sind vermutlich krasser als jene auf der Leinwand.
Ich habe diese Erfahrung auch auf einem anderen Gebiet gemacht. Leute hatten sogar Angst, zu meinen Lesungen zu kommen, weil sie das Buch alleine und ganz ernst lesen, sich all die schrecklichen Horrorsachen vorstellen und sich dann schlecht fühlen. Sie finden die ekligen Sachen dann gar nicht lustig, dabei habe ich sie lustig geschrieben. Viele haben es verstanden und über die ekligen Sachen gelacht, aber manche können es kaum aushalten und stellen sich das vor und fliegen fast in Ohnmacht oder müssen sich übergeben. Und wenn ich es so vorlese, wie ich es auch geschrieben habe, ist es unterhaltsam und leichter zu verdauen.

Schauspielerin Carla Juri spricht stellenweise im Off in Ihrer Tonalität. Haben Sie sich selbst im Film wiedererkannt?
Ja! Der erste Satz des Buchs ist auch der erste Satz im Film. Sie sagt: «Seit ich denken kann, habe ich Hämorrhoiden» – und ich gucke den Film und denke: «Wann haben die das denn aufgenommen, ich hab doch gar nicht mitgemacht!» Ich dachte, das bin ich selbst! Ich war ganz aufgeregt. Das verliert sich dann, wenn sie ihren inneren Monolog weiterführt.

Haben Sie seit dem Verkauf der Rechte eine gewisse Distanz zu dem Projekt oder plagt Sie der Erfolgsdruck?
Ich habe eine sehr erholsame Distanz auf allen Gebieten. Für mich ist es auch erholsam, dass Helen Memel jetzt ein anderes Gesicht bekommt als meines. Viele haben das ja gelesen und sich mich vorgestellt, das ist einerseits zwar lustig, aber auch belastend. Nun muss Carla Juri dafür herhalten. Ich wünsche ihr, dass sie durch diesen Film ein Superstar wird und dass alle sich in sie verlieben, so wie ich mich in sie verliebt habe. (sda)

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