53. Solothurner Filmtage

Baden mit Schweizer Filmen

Lory Roebuck: «Das Festival in Solothurn ist das Mekka der Schweizer Filmszene. An keinem anderen Ort lässt sich der aktuelle Puls des Schweizer Films also besser messen.» (Archivbild)

In seiner Analyse schreibt Kultur-Redaktor Lory Roebuck über die politisch gefärbten 53. Solothurner Filmtage.

Sie haben das bestimmt auch schon mal gesehen: Menschen, die mitten im Winter ihre Kleider ausziehen und dann in einen Fluss springen. Mutprobe, nennen sie das. Brrrr. Mich frierts nur schon vom Anblick, diese Leute tun mir leid.

Zugegeben: An den diesjährigen Solothurner Filmtagen, die heute zu Ende gehen, war es nicht annähernd so kalt wie in früheren Jahren. Und das, was dort gestern Nachmittag in der Aare schwamm, war auch gar kein Mensch, sondern Filmrollen. Doch auch sie konnten einem Leid tun.

In die Aare geworfen wurden sie von Schweizer Schauspielern wie Sarah Spale («Wilder»), Heidi Maria Glössner («Die Herbstzeitlosen») und Max Hubacher («Mario»). Nicht etwa, um klammheimlich ein besonders unliebsames Werk loszuwerden. Die Aktion war ein Protest gegen die No-Billag-Initiative. Ihre Botschaft: Ohne SRG geht es mit dem Schweizer Film bachab.

Aktion «No Billag» an den 53. Solothurner Filmtagen

Aktion «No Billag» an den 53. Solothurner Filmtagen

Der Dachverband der Schweizer Filmbranche, Cinésuisse, stellt sich gegen die Abschaffung der SRG. An dem Anlass wurden alte Filmrollen in die Aare versenkt, aber sogleich wieder herausgezogen. 

Nirgends lässt sich der Puls des Schweizer Films besser messen

Dass die diesjährigen Filmtage politisch gefärbt sein würden, konnte man erahnen. Das Festival in Solothurn ist das Mekka der Schweizer Filmszene. Hier ist praktisch alles zu sehen, was Filmschaffende aus unserem Land während der letzten 12 Monate hervorgebracht haben. An keinem anderen Ort lässt sich der aktuelle Puls des Schweizer Films also besser messen.

Liegt er tatsächlich im Sterben? Während der acht Festivaltage liefen viele Besucher mit «Nein zu No Billag»-Pins herum. Die Initiative hing wie ein Damoklessschwert über den Filmtagen. Und die Sorgen sind echt. Die SRG investiert jährlich über 30 Millionen Franken in den Schweizer Film. Sie ist zusammen mit dem Bundesamt für Kultur (BAK) und mit regionalen Förderstellen eine der drei Säulen, auf denen der Schweizer Film steht, die stärkste. Und diese Säule wankt.

Die drastischen Konsequenzen einer SRG-Abschaffung wären in Solothurn sofort spürbar. Die «WOZ» hat vorgerechnet – augenzwinkernd, aber mit ernsten Hintergedanken –, dass von den insgesamt 87 Filmen und Serien, die an den diesjährigen Filmtagen liefen, nur 21 ohne finanzielle Beteiligung der SRG entstanden. In dieser Form wäre das Festival bereits nach zwei Tagen wieder vorbei. Solothurn in Schockstarre?

Nicht ganz. Stolz und auch kämpferisch vermeldeten SRG und BAK während einer gemeinsamen Konferenz in Solothurn, dass sich das Publikum wieder stärker für Schweizer Filme interessiert. Klar, die meisten Kinotickets lösen wir für amerikanische Filme, auch französische schauen wir gerne. Aber an dritter Stelle folgte 2017 die Schweiz, sie hat gegenüber dem Vorjahr einen Platz gutgemacht.

Ausserdem lockte in der Deutschschweiz kein anderer Film so viele Zuschauer ins Kino wie «Die göttliche Ordnung», der letztes Jahr die Filmtage eröffnet hatte. Dort platzte es heuer übrigens aus allen Nähten. Am Wochenende war es fast unmöglich, einen Platz in einem der Kinos zu ergattern.

Die Filmtage blickten hinter die Fassade der makellosen Schweiz

Der Ansturm auf Schweizer Filme ist momentan sehr gross. Warum eigentlich? Zumal mir ein Filmemacher folgende Anekdote erzählte: Ein ausländischer Regisseur habe ihm gesagt, die Schweiz sei zu reich für gute Geschichten. Geschichten leben von Spannung, Spannung entsteht aus Konflikten, aber der Schweiz geht es zu gut, sie hat keine Konflikte.

Stimmt das wirklich? Die Filme in Solothurn malten ein anderes Bild. Sie blickten hinter die Fassade der angeblich makellosen Schweiz. Der Eröffnungsfilm «À l’école des philosophes» beispielsweise dokumentierte eine Schule für autistische Kinder im Welschland. «Mario» zeigte, wie ein Fussballtalent bei YB ausgegrenzt wird, weil er schwul ist. 

Filmtrailer «Mario»

Filmtrailer «Mario»

Mario steht kurz vor der Verwirklichung seines Traums, Profi-Fussballer in der 1. Liga zu werden. Da verliebt er sich in den Mitspieler Leon, eine Liebe, die im Profifussball jedoch tabu ist. Nach «Electroboy» der neue Film von Marcel Gisler, mit Max Hubacher, Aaron Altaras und Jessy Moravec.

«Vakkum» handelte von einer Frau, die von ihrem untreuen Ehemann mit HIV angesteckt wird – und trotzdem ihre Beziehung retten will. Als ich den Kinosaal verliess, fühlte ich mich gelöst. So als wären meine eigenen Probleme gar nicht so wichtig. Oder als wäre ich mit ihnen zumindest nicht alleine.

Der Trailer zu Vakuum, ein Film von Christine Repond

Der Trailer zu Vakuum, ein Film von Christine Repond

Hand aufs Herz: Hollywoodfilme wissen uns prächtig zu unterhalten. Aber was hat es mit uns zu tun, wenn die Avengers wieder einmal New York davor bewahren, in Schutt und Asche gelegt zu werden? Die Geschichten, die Schweizer Filme erzählen, das sind Geschichten aus unserer Welt. Lassen wir sie nicht ertrinken. Wenn am 4. März über die No-Billag-Initiative abgestimmt wird, können wir den Schweizer Film gemeinsam aus dem Wasser ziehen.

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