Autokino Pratteln

Autokino Pratteln: Hier ist Nostalgie Programm

Oldtimer, Milkshakes und grosses Kino: Das Cinema Drive-in in Pratteln begeistert seit zehn Jahren mit Popcorn und amerikanischer Kultur. Doch wie lange hält der Trend an?

Es ist Freitagabend, kurz vor acht Uhr. In wenigen Minuten beginnt sich in Pratteln das Industrieareal der Firma Sieber in ein Cinema Drive-in zu verwandeln. Organisator Giacun Caduff wischt mit einem Lappen über Stühle, einige seiner Mitarbeiter – alles junge Studenten – verschlingen die letzten Bissen von ihrem Burger. Nachher bleibt ihnen keine Zeit zu essen.

Zwei junge, auffällig geschminkte Frauen verschwinden in einem Container und erscheinen kurz später als Rollergirls. Sie tragen kurze Kleidchen im Stil der 50er-Jahre, Schürze und Rollschuhe. Ihre rotgefärbten Lippen passen nun perfekt. Nebenan werden Getränke kühl gestellt, Toiletten geputzt, letzte Zigaretten geraucht.

«Ready?», ruft Caduff. Noch wirkt alles ein wenig hektisch, besonders als plötzlich der tosende Wind die Klappe des Foodtrucks zuschlägt. Caduff und sein Geschäftspartner Marc Hermann vom Verein Innovative Eye eilen über den Platz, befestigen letzte Kabelbinder und begrüssen ihr Team mit herzlichen Umarmungen.

Sobald die ersten Autos aufs Gelände fahren, kehrt Ruhe ein. Der langjährige Mitarbeiter Sebastien gleitet auf seinen Rollschuhen elegant über den Asphalt und lotst ein Fahrzeug nach dem anderen gekonnt in Position. Damit die Besucher die ohnehin riesige Leinwand (die weisse Fassade der Logistikhalle von Sieber) noch besser sehen, lassen sich die Vorderräder mit hölzernen Rampen aufbocken. Die minuziöse Arbeit der Parkhelfer wird an diesem Abend zwei Stunden andauern. Es sind rund achtzig Autos.

Eine kleine Zeitreise in die 50er-Jahre

Erste Gäste sitzen mit einem Cüpli in der Hand auf der Motorhaube. Ein halbes Dutzend Rollergirls und ein Elvis-Lookalike flitzen durch die Abenddämmerung und servieren Burger, Pommes, Milkshakes und Popcorn. «Genau für diese Atmosphäre sind wir gekommen», meint ein Ehepaar aus dem Fricktal: Er lehnt sich lässig an sein Cabrio. Sie trägt ein geblümtes 50er-Jahre-Kleid speziell für den Anlass. Unter den Besuchern sind viele Paare, einige um die 30 Jahre, viele aber älter – bis ins Pensionsalter. Alle lockt die gleiche Faszination ins Cinema Drive-in: die romantische, nostalgische Vorstellung von US-amerikanischer Kultur, die sie aus Filmen wie «Grease» kennen.

Nostalgie ist hier Programm, auch auf der Leinwand. Heute Abend verzaubert Audrey Hepburn in «Breakfast at Tiffany’s» die Zuschauer, auch wenn zugegebenermassen niemand nur für den Film nach Pratteln kam. Die Nummernschilder deuten weit über die Region, in die Kantone Luzern, Zürich, Bern und nach Deutschland. Eine junge Frau aus Liechtenstein war über zwei Stunden unterwegs: «Ich gehe gerne und oft ins Open-Air-Kino, die Erfahrung des Cinema Drive-in ist aber einmalig», meint sie.

Zwischen Oldtimer und Elektroauto

Zehn Jahre ist es her, seit Giacun Caduff und Marc Hermann das erste Autokino in Huttwil und Gempen organisierten. Dann entdeckte Caduff 2012 das Areal Sieber auf einer nächtlichen Autofahrt durch die Region: «Ich war auf der Suche nach einem grossen, weissen Gebäude, das als Leinwand dienen könnte.»

Fortan wurde die aufblasbare und mobile, jedoch zu kleine und teure Leinwand durch die weisse Fassade der Logistikhalle ersetzt. So fand das Cinema Drive-in in Pratteln seinen festen Standort. Jahr für Jahr stiegen die Besucherzahlen. Inzwischen sind die Hauptfilme schon Wochen vorher ausverkauft. «Wir sind hier am Limit. Die Nachfrage übersteigt den Platz, den wir haben», meint Marc Hermann.

Unklar, was mit dem Areal passiert

Trotzdem will Caduff nicht stur am Autokino festhalten: «Wir evaluieren jedes Jahr im Herbst unseren Aufwand. Es steckt viel Arbeit dahinter und soll weiterhin Spass machen.» Auch bleibt ungewiss, was mit diesem Areal passiert. In ein paar Jahren soll hier das neue Wohn- und Gewerbequartier Salina Raurica entstehen. Und schliesslich: Wie lange hält diese Vision des US-amerikanischen Traums an? Schon heute Abend reihen sich Oldtimer neben Elektroautos; mehr als zehn Besucher sind mit dem Bus oder Zug angereist und nehmen in einem alt-charmanten Doppeldecker-Bus Platz. Auch in den USA verschwinden die Autokinos. Während es 1980 über 2400 Drive-in Movie Theaters gab, waren es 2014 knapp 350.

Inzwischen ist es zehn Uhr. Auf der Leinwand frühstückt Audrey Hepburn im Abendkleid vor dem Schaufenster des Nobeljuweliers Tiffany. Die traurige Melodie «Moon River» schwingt über eine Radiofrequenz durch die Autoanlage. Für Hepburns Figur bleiben die glitzernden Diamanten unerreichbar. Für die Zuschauer wird der amerikanische Traum des Cinema Drive-in Realität.

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