Die Nachricht schlug ein wie ein Blitz: Carlo Chatrian übernimmt 2020 die künstlerische Leitung der Berlinale, einem der grössten Filmfestivals der Welt. Für diese grosse Aufgabe hatte er sich mit seiner Arbeit in Locarno empfohlen. Das Filmfestival am Lago Maggiore hat unter seiner Obhut einen Schritt nach vorne gemacht.

Chatrian wollte für seine sechste und letzte Ausgabe nochmals alles geben. Vor seinem letzten offiziellen Arbeitstag in Locarno spricht er erstmals über seine Vorfreude auf Berlin – und lässt seine bewegende Zeit in Locarno Revue passieren.

Carlo Chatrian, auf dem offiziellen T-Shirt des diesjährigen Locarno Festivals sind die Worte «Double Happiness» aufgedruckt. Fühlen Sie sich derzeit doppelt glücklich?

Carlo Chatrian: Das T-Shirt hat der chinesische Filmemacher Wang Bing designt, der letztes Jahr den Goldenen Leoparden von Locarno gewonnen hat. Ich fühle mich tatsächlich doppelt glücklich. Zum einen, weil ich meine letzte Ausgabe des Locarno Festivals leiten konnte. Ich geniesse die Zusammenarbeit mit den Menschen hier im Festivalbüro und mit den Programmateuren, und ich liebe es, mit unseren Gästen über ihre Filme zu reden. Zum anderen bin ich glücklich, oder besser gesagt voller Vorfreude, was meine berufliche Zukunft angeht. Ich kenne die Berlinale natürlich bereits als Besucher, aber wenn ich sie jetzt aus der Perspektive ihres zukünftigen künstlerischen Leiters betrachte, erscheint sie mir wie eine grosse Geschenkbox, die voller Überraschungen steckt. (lacht)

Mischt sich in dieses doppelte Glück auch ein bisschen Wehmut? Sie arbeiten seit 2002 für das Locarno Festival, am Samstag ist Ihr letzter Tag.

So ist das mit dem Glück, da schwingt immer schon die Vorahnung mit, dass es irgendwann zu Ende geht. Natürlich bin ich auch traurig. Aber wissen Sie: Ein Festival durchzuführen, ist ein grosser Kraftakt, dein Körper produziert in dieser Zeit viel Adrenalin. So viel, dass du diese Wehmut gar nicht erst spürst. Wenn du dich dauernd um Gäste kümmern und mit den Filmteams kommunizieren musst, bleibt kaum Zeit, den nahenden Abschied zu reflektieren. Ich glaube, all diese Emotionen werde ich erst im Herbst verspüren, wenn alles etwas ruhiger geworden ist.

Was werden Sie an Locarno am meisten vermissen?

Viele Dinge. Sicherlich die grossen Emotionen auf der Piazza Grande jeden Abend, aber auch die intimeren, persönlicheren Gespräche jeden Morgen mit den Leuten um mich herum. Wenn ich an sie denke, möchte ich ihnen nicht «Adieu» sagen, sondern eher: «Auf Wiedersehen!»

Als Sie Meg Ryan letzte Woche einen Ehrenleoparden überreichten, sagten Sie: Das Festival ist wie dieses Tier, abenteuerlustig und voller Überraschungen. Diese Fähigkeit, das Publikum mit mutigen Filmen zu überraschen, gilt als Ihre grösste Stärke als Festivalleiter.

Das ist das beste Kompliment, das ich erhalten kann. Wenn du Menschen überraschen willst, gehst du immer ein Risiko ein. Wir hatten dieses Jahr Meg Ryan und Ethan Hawke zu Gast, jeder kennt sie und ihre Filme. Aber wenn du dem Publikum einen unbekannten Regisseur vorstellst, ist das eine viel grössere Herausforderung. Aber genau das strebe ich an, ich will das Publikum herausfordern, zum Beispiel auch mit Filmen, die eine ungewöhnliche Form haben. Dieses Jahr zeigten wir beispielsweise mit «La flor» einen 14-stündigen Film aus Argentinien.

Sie haben in Locarno Rohdiamanten entdeckt wie Regisseur Lav Diaz, um den sich heute alle grossen Festivals reissen, und Schauspielerin Brie Larson, die danach einen Oscar gewann und nun als Marvel-Superheldin vor der Kamera steht. Wie sehr erfüllt Sie das mit Stolz?

Wenn du einen Film zeigst wie letztes Jahr «Lucky», der danach an 80 weiteren Festivals lief, oder wenn Brie Larson bei uns die Auszeichnung als beste Darstellerin gewinnt und danach den Oscar, dann ist das wie eine Anerkennung für unsere Arbeit. Das gibt uns das Selbstvertrauen, mehr Risiken einzugehen.

Tag eins als Festivaldirektor: Carlo Chatrian 2012 an der Seite von Festivalpräsident Marco Solari. Damals noch mit grossen Locken und schmaler Brille.

Tag eins als Festivaldirektor: Carlo Chatrian 2012 an der Seite von Festivalpräsident Marco Solari. Damals noch mit grossen Locken und schmaler Brille.

Unter Ihrer Leitung ist das internationale Ansehen des Locarno Festivals kontinuierlich angestiegen.

Ich bin da immer sehr vorsichtig, wenn rundherum mit Lob hantiert wird. Schliesslich ist es einfacher, Komplimente zu verteilen als negative Kritik zu äussern. Handkehrum spüre ich schon, dass wir während diesen sechs Jahren einen sehr guten Job geleistet haben. Leute kommen auf mich zu und sagen mir, dass Locarno eine Identität hat, dass sie wissen, was sie hier erwartet, dass das Kino hier als Kunstform zelebriert wird. Ich mache mir deshalb auch keine Sorgen um die Zukunft des Locarno Festivals.

In einem Interview mit unserer Zeitung vor drei Jahren sagten Sie: «Locarno braucht keine Revolution, sondern eine Evolution.» Gilt das auch noch für Ihre Nachfolge?

Daran glaube ich nach wie vor. Hier läuft alles ziemlich gut. Dass ich an die Berlinale berufen wurde, obwohl ich nicht mal Deutsch spreche, ist eine schöne Bestätigung. Das Locarno Festival hat in den letzten sechs Jahren einen Schritt nach vorne gemacht, darauf bin ich stolz. Natürlich wird die neue Direktion Locarno ihren eigenen Stempel aufdrücken und Dinge ändern wollen. Aber sie wird nicht alles umkrempeln müssen. Locarno befindet sich auf einem guten Kurs.

Gibt es etwas, das Sie nach diesen sechs Jahren als Direktor bereuen? Dinge, die nicht geklappt haben? Wie man hört, haben Sie sich dieses Jahr vergeblich um einen Besuch von Tom Cruise bemüht.

Sagen wir es so: Ich sehe durchaus noch Potenzial für das Festival. Aber vieles davon ist aus finanziellen oder organisatorischen Gründen noch gar nicht möglich. Ich habe auch Absagen erhalten. Aber du darfst dich nicht zu lange damit aufhalten. Besser du fokussiert auf jene Filme, die du hast, als jene, die du nicht hast.

Wie gut gelingt Ihnen das?

Ich bin ein Typ, der sich schnell wieder beruhigt. Das ist wie beim Tennis: Die wichtigste Regel dort ist, dass du einen Punkt, den du vermasselt hast, sofort wieder vergisst. Für mich kein Problem, ich bin nicht einer jener Menschen mit dem Gedächtnis eines Elefanten. Ganz im Gegenteil! (lacht)

Wie schätzen Sie eigentlich den Status von Filmfestivals ein? Sie scheinen sich zunehmend zu einem Refugium für Filmliebhaber zu entwickeln, die von den unendlichen vielen Sequels, die die Multiplex-Kinos überfluten, müde sind.

Das stimmt. Das Kino ändert sich, vieles muss sich anpassen, aber noch ist nicht genau klar, wie. Heute ins Kino zu gehen, erfordert mehr Motivation als früher. Ein Festivalbesuch dagegen ist eine Hingabe, man schenkt dem Festival seine Zeit. Diese mentale Einstellung ist nötig, um einen Autorenfilm zu schauen. Wenn du ins Kino gehst und ständig auf dein Handy blickst, dir Gedanken machst, welches Restaurant du im Anschluss aufsuchst und wie es wohl den Kindern zu Hause geht, dann kannst du vielleicht gerade noch einen Actionfilm schauen. Aber einen Festivalfilm, mit dem du dich aktiv auseinandersetzen musst? Unmöglich. Aber das Ziel von Festivals sollte es sein, unterschiedliche Zuschauer zusammenzubringen. Deshalb zeigten wir auf der Piazza Grande meistens zwei komplett verschiedene Filme hintereinander.

Als Festivaldirektor schauen Sie jedes Jahr Tausende Filme. Werden Sie niemals müde? Wie schalten Sie eigentlich ab?

Der intensivste Monat war immer der Juni. Dann zeigen mir all unsere Programmateure die Filme, die sie vorschlagen. Wenn mir das mal zu viel wird, gehe ich einfach spazieren. Aber die Filme sind alle so unterschiedlich, dass ich eigentlich nie müde werde.

Carlo Chatrian, Sie wirken dieses Jahr ganz anders. Sie haben Ihre wilden Locken etwas zurückgeschnitten, Ihre Anzüge sitzen besser, und man hört mehr Selbstvertrauen in Ihrer Stimme. Ist das ein Vorgeschmack des neuen Chatrian, des Berlinale-Chatrian?

Vielleicht. Ich glaube, das ist Wahrnehmungssache. Ich habe ähnliche Anmerkungen über mein Auftreten in einigen Artikeln gelesen. Ich glaube nicht, dass ich mich geändert habe. Habe ich mehr Selbstvertrauen? Das kann ich nicht beurteilen. Aber mir kommt da das Kuleshow-Experiment in den Sinn: Kuleshow war ein Filmemacher während der Stummfilmära, der eine Nahaufnahme eines Schauspielers machte. Dahinter schnitt er abwechslungsweise eine Aufnahme eines Suppentellers, eines Mädchens in einem Sarg, und einer attraktiven Frau. Der Gesichtsausdruck des Schauspielers war immer der gleiche, aber je nachdem, welches der drei Bilder folgte, interpretierte man ihn anders: Er hat Hunger! Er ist traurig! Er ist erregt! Was ich damit sagen will: Unsere Wahrnehmung wird von vielen Dingen beeinflusst. Viele Leute sagen mir, dass ich selbstbewusster wirke, aber ganz ehrlich, ich war dieses Jahr vor allem müder als sonst, wegen der Hitze. Normalerweise verliere ich meine Stimme erst nach fünf Tagen, nun passierte es schon am dritten! (lacht)

Aber die Anstellung in Berlin ist schon ein Vertrauensschub?

Klar, aber ich sehe Berlin auch als grosse Herausforderung. Ich gehe in ein neues Land, stelle mein Leben auf den Kopf, ziehe in eine grosse Metropole ...

... siedelt Ihre Familie mit Ihnen nach Berlin über?

Das müssen wir noch diskutieren. Für die Berlinale 2019 ziehe ich zunächst alleine hin. Um ehrlich zu sein: Ich weiss noch nicht genau, wie mein Leben dort aussehen wird, wie viel ich reisen werde.

Als Sie vor rund einem Jahr erstmals zu den Gerüchten um den Berlinale-Posten angesprochen wurden, winkten Sie ab: Sie seien kein geeigneter Kandidat, weil Sie kein Deutsch sprechen. Was hat sich seither geändert?

Ich wurde vor einem Jahr gefragt, ob ich den jetzigen Berlinale-Direktor Dieter Kosslick eins zu eins ersetzen könnte. Die Antwort lautete Nein. Mein zukünftiger Posten als künstlerischer Leiter der Berlinale ist aber ganz anders, ich kümmere mich nur um die künstlerische Seite des Festivals, da läuft alles zu 90 Prozent auf Englisch ab. Für die geschäftliche Seite, also für die Treffen mit Sponsoren, Institutionen und der Industrie wird Mariette Rissenbeek zuständig sein. Zum anderen: Wenn etwas auf deinem Teller ist, schaust du es ein bisschen genauer an als vorher. Meine Gespräche mit der Ministerin und der Auswahlkommission waren sehr produktiv. Meine fehlenden Deutschkenntnisse waren für sie kein Grund zur Sorge, sie waren hauptsächlich an meiner Vision für das Festival interessiert.

Wie sieht Ihre Vision für die Berlinale aus?

Ich möchte weiterhin die ganze Bandbreite des Kinos abbilden. Meine Mission ist und bleibt, Filmemachern und Produzenten dabei zu helfen, Anerkennung für ihre Arbeit zu finden. Und neue Türen zu öffnen.

Sie sind ein Sprachtalent, sprechen Italienisch, Französisch, Spanisch und Englisch. Werden Sie Ihre Eröffnungsrede an der Berlinale 2020 bereits in Deutsch abhalten?

Ich hoffe es! Aber alle sagen mir, dass Deutsch eine besonders komplizierte Sprache ist. Wir müssen schauen. Ich mag es ja, alle Filme einzuführen, aber ich weiss nicht, ob das an der Berlinale überhaupt klappen kann. Aber ich bin überzeugt: Das Publikum möchte die Stimme des Festivals hören. Das kann meine Stimme sein, oder die Stimme der Programmateure. Aber ich finde es wichtig, dass das Publikum versteht, warum wir einen Film ausgewählt haben.

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Besuch an der Berlinale? Was ist Ihnen davon geblieben?

Ja, das war 2004. Meine bleibendste Erinnerung war das Wetter. Es war eiskalt, überall lag Schnee. Aber ich mag kaltes Wetter, ich komme schliesslich aus den Alpen. Ich weiss auch noch, dass mich die gute Organisation der Berlinale beeindruckt hat. Ich fand mich sofort zurecht, an Orten wie Cannes oder Sundance dagegen brauchst du dafür ein Jahr. Und wenn ich an der Berlinale einen Film schaue, bin ich wie in einer anderen Welt. Darauf freue ich mich.

Bevor Sie in Ihr neues Abenteuer aufbrechen: Mit welchen Worten möchten Sie sich aus Locarno verabschieden?

Mit einem Wort: Dankeschön. Die Menschen in Locarno gaben mir immer das Gefühl, zu Hause zu sein. Sie haben mich unterstützt, wenn ich Bedenken hatte. Sie brachten mir nichts als Wärme entgegen, und dafür bin ich ihnen sehr dankbar.