Bildhauer

Erwin Rehmanns Leben im Metall

Erwin Rehmann legt die Betreuung seines Werks auch in die Hände des Betriebsleiters Daniel Waldner.  Jean-Marc Felix

Erwin Rehmann legt die Betreuung seines Werks auch in die Hände des Betriebsleiters Daniel Waldner. Jean-Marc Felix

Der Bildhauer Erwin Rehmann feiert Geburtstag ganz im Zeichen der lebendigen Materie.

Auch wenn er die Giesserei, die sein Wohnhaus in Laufenburg mit dem Museum verbindet, nicht mehr bewirtschaften kann: Erwin Rehmann kennt keinen Ruhestand. Morgen Sonntag feiert der Bildhauer seinen 95. Geburtstag – im Beisein von Freunden, mit Partnern und Gönnern des Museums, mit einem Ständchen der Laufenburger Stadtmusik und schliesslich umgeben von allen, die seine «Living Metals» zur Vernissage locken.

«Kunst hat kein Alter. Wenn man künstlerisch arbeitet, ist man mit Dingen in Berührung, die mit Zeit gar nichts zu tun haben.» Kunst ist Bewegung für Erwin Rehmann, der auf eine über 60-jährige, aktive Teilhabe an der Geschichte der Schweizer Plastik zurückblicken kann. «Nie stehen bleiben, immer unterwegs sein» ist ihm zum Motto geworden. Und auch, was er zur Hand nehme, sei in Bewegung. So ist es die Vitalität der Materie, die diese Tage ihrem grossen Auftritt entgegenfieberte und die Mitarbeitenden des Museums Rehmann auf Trab hielt. Metall in seiner Fähigkeit, den dynamischen Übergang aus der glühenden Flüssigkeit in die widerstandsfähige Härte zu speichern.

Expressive Materialität

Ob die Kunst tatsächlich ein tragender Lebensinhalt werden könne, hatte der junge Rehmann lange nicht als selbstverständlich angenommen. Er lernte. An der Moderne und im Atelier von Eduard Spörri in Wettingen. Sein Schaffen blieb mit den Grundfragen der Plastik befasst: Ausgehend von der Figur fragte er danach, wie die Kunst weltanschauliche Themen aufgreifen und darstellen könne. Schulhäuser, Spitäler, Kirchenräume sind seit den 1950er-Jahren um Zeichen seiner Kunst bereichert.

Über die Jahre haben sich am Rand seines oft expressiven Wirkens Reste angesammelt: Objekte aus Eisen, die beim Giessen unkontrolliert ausgeflossen, abgefallen und getrocknet sind. Die meisten Stücke hat der Plastiker jeweils wieder eingeschmolzen, besonders auffällige jedoch zur Seite gelegt: Geschenke des Zufalls, die den Bildhauer in Staunen versetzten. Darauf, was sich über zwei, drei Jahrzehnte an beiläufigen Miniaturen in Kisten angesammelt hatte, war er schliesslich neugierig. «Ich wollte mal sehen, was da eigentlich drin war. Und habe festgestellt, dass die Körperchen, wenn sie einzeln ihren Raum bekommen, eine Kraft haben wie Kunstwerke.» Es waren nur Stäbe und eine kleine Platte nötig, um sie in die Selbstständigkeit zu entlassen. «Wie Kunstwerke», sagt Rehmann ganz genau – und meint das auch so. Denn es sind echte Plastiken und tatsächliche Rehmanns, welche das Museum in 300 Exemplaren erstmals vorstellt – oder auch nicht. Denn den Wurf des Künstlers beantwortet das Metall, wie es will.

Als einer, der seine Stoffe erforscht, fing Rehmann an, das Unvorhersehbare zu beeinflussen. Er verschüttete absichtlich flüssiges Metall, fing es auf in Sandkasten, erprobte mehrere Schichten am selben Stück und experimentierte mit Legierungen. Die elegante Glätte etwa, die das Zinn hinzaubert, trägt für ihn zarte, fast weibliche Züge. Wollte er einen dunklen Ton hervorrufen, fügte er Mangan hinzu und nahm in Kauf, dass er für die erforderlichen, noch höheren Temperaturen auf externe Hilfe angewiesen war. Das bewegte Metall hat Rehmann neuerdings zur Malerei zurückgeführt. Wobei er auch hier auf die Eigengesetzlichkeit der Elemente achtet: «Will die Farbe selber etwas oder will ich mit ihr etwas machen?»

Unwiederholbare Bewegung

Die Unwiederholbarkeit jedes einzelnen Körpers fasziniert nicht nur ihren Schöpfer. Die halbrunde, eigens errichtete Theke im Obergeschoss des Museum Rehmann lässt die Lebendigkeit der Metalle in alle Richtungen züngeln. Jedes Objekt hat seinen Charakter, ist in seiner kleinräumigen Vereinzelung als wertvoll ausgewiesen, weckt Assoziationen, fordert zu Vergleichen auf. Ein ganzes Heer an dreidimensionalen Rohrschachtests kommt einem da entgegen oder Modelle, die grösseren Plastiken als Vorlage dienen könnten. Manche wirken wie organisches Blattwerk, andere ähneln Tieren, dann wieder scheinen sie tektonisch, wie gebaut. In der drängenden Beweglichkeit der Materie scheint der 95-jährige Rehmann noch einmal alle Geister aufzurufen, die seine Kunst im Zusammenspiel von Körper und Raum seit je bestimmten. «Living Metals» sind eine ungestüme Zusammenfassung, eine Hommage an die Gesetze der Natur, ein Aufbruch ins Offene.

Living Metals Museum Rehmann, Laufenburg. Vernissage morgen So., 27. 11., 18 Uhr.

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