Kino
Er liebt es, Dinge neu zu denken: Frank Braun erhält an den Solothurner Filmtagen den Ehrenpreis

Grosse Neugierde, viel Energie und Mut zum Risiko zeichnen Kinobetreiber Frank Braun aus. Dafür wird er an den Solothurner Filmtagen geehrt.

Regina Grüter
Drucken
Teilen
Will sich auf das Kino als Alltagsritual konzentrieren: Frank Braun im Kino Riffraff in Zürich.

Will sich auf das Kino als Alltagsritual konzentrieren: Frank Braun im Kino Riffraff in Zürich.

Sandra Ardizzone

Nicht auf ausgelatschten Pfaden gehen. Man könnte es als Lebensmotto von Frank Braun bezeichnen. Seit mehr als dreissig Jahren bewegt sich der gebürtige Winterthurer in der Schweizer Kinolandschaft und hat mit dem Riffraff in Zürich und dem internationalen Animationsfilmfestival Fantoche in Baden neue Wege beschritten. Für seinen Pioniergeist und sein Engagement für den Film wird der 55-Jährige am 23. Januar im Rahmen der Solothurner Filmtage mit dem «Prix d’honneur» geehrt.

Der Preis geht an «Persönlichkeiten, die sich abseits des Rampenlichts um den Schweizer Film verdient machen». Frank Braun arbeitet hinter den Kulissen, sein Gesicht kennen nur Insider. In Zürich und Luzern programmiert er die insgesamt 13 Arthouse-Kinosäle von Riffraff, Houdini und Bourbaki und ist Mitglied der Geschäftsleitung der Neugass Kino AG.

Geht man in eines dieser Kinos, schaut man sich gewissermassen «seine» Filme an. Aber natürlich spielen sie nicht einfach sein Wunschprogramm. Das sei nie so gewesen, seit der Eröffnung der ersten beiden Riffraffs im Kreis 5 an der Ecke Neugasse/Langstrasse 1998 nicht, sagt Braun. «Wie berührt es mich» sei eine wichtige Frage.

«Gleichzeitig muss ich aber aus mir heraustreten.» Man müsse sich ein Publikum vorstellen können für den Film und sich fragen, wie man es erreiche. Auch programmiert er nicht an allen drei Standorten gleich. «Die Luzerner ticken anders», sagt er bestimmt.

Filme häufig auf dem Laptop, ­ kein Fernseher

Er trinkt Espresso, schwarz, bevor wir uns zum Gespräch mit gebührendem Abstand ins Kino Riffraff 1 setzen. Die Maschine ist kalt, der Kaffee vom Take-away. Wenn man ins Foyer eintritt, sticht einem das Filmplakat von «Kühe auf dem Dach» ins Auge. Der Dokumentarfilm von Aldo Gugolz lief am 26. November in den Kinos an.

Kurz darauf kam der zweite Shutdown. Seither ist das Riffraff in eine Art Dornröschenschlaf verfallen. Fragt man Frank Braun allerdings nach seinem gegenwärtigen Arbeitsalltag, verbringt er den etwa gar nicht schlafend. Er schaut sich Filme an, die vor der Pandemie gedreht wurden und nun die Postproduktion hinter sich haben. Potenzielle Filme für die 13 Leinwände. Das tut er im Kino oder zu Hause auf dem Laptop. Einen Fernseher hat er nicht. Was wegfällt, ist die wöchentliche Auswertung der Kinozahlen und die Neuprogrammation.

An Filmen mangelt es also vorerst nicht, erst in etwa einem Jahr werde man eine Delle spüren, so Braun. Eher zeichnet sich ein Filmstau im Herbst ab. Vor der Wiederaufnahme des Betriebs hat er dennoch Respekt. Auf welchem Niveau pendelt sich die neue Normalität ein? Werden sie weiterhin mit oder ohne Beschränkungen arbeiten können? Wie verhält sich das Publikum?, sind Fragen, die er sich stellt. Im Vergleich zur Wiedereröffnung nach dem ersten Lockdown sitze man nun tiefer im Keller, meint er.

«Die Mehrheit wird wieder ­ ins Kino kommen»

Die globale Entwicklung des Kinogewerbes hat auch die Neugass Kino AG erfasst. Dazu kommen in Zürich die innerstädtische Konkurrenz mit dem Kosmos und der Arthouse-Kette und nun die Pandemie. Durch sie wachsen die Streamingdienste überdurchschnittlich schnell, nicht nur Netflix. Frank Braun sieht im vielfältigen Online-Angebot durchaus Positives.

Nämlich dann, wenn sich ausgewiesene Kinopuristen mangels Alternative halt doch auf Portalen wie der Streaming- und Kinoplattform Cinefile umsähen. «Es geht um die Filme!» Aber: «Der Primeur-Status des Kinos ist Schnee von gestern. Das muss man akzeptieren.» Eine realistische, nicht eine pessimistische Sicht sei das. Das Kino sei ein Alltagsangebot und müsse auch in Zukunft die wirtschaftliche Basis bilden.

Mit immer raffinierteren Events, ein Wort, das er im Übrigen gar nicht mag, sei man auf dem Holzweg. Es gelte, sich auf das Kino als Ort des ritualisierten Filmerlebnisses zu konzentrieren. «Es werden nicht nur Brosamen übrig bleiben», ist Braun überzeugt. «Die Mehrheit des bisherigen Publikums wird wieder ins Kino kommen.»

Und sich vorher in der Bar auf einen Drink treffen. Den Solothurner Ehrenpreis nimmt Frank Braun auch für seine «wegweisende ‹Riffraff-Idee›» entgegen. Er sei ein Kinopionier, heisst es. Unter Pionier versteht er etwas anderes, jemanden, der etwas erfindet oder entdeckt. Sie seien aber nicht als erste auf die Idee gekommen, Kino und Gastronomie zu einem Ort der Begegnung zu vereinen, sagt er.

Auch sei es nie so gewesen, dass die Bar das Kino quersubventioniere. Aber deren stimmige Verbindung sei der entscheidende Mehrwert. Das Zürcher Kino Xenix habe da vorgespurt, schon 10 Jahre davor. In diesem subkulturellen Umfeld fing Braun als Allrounder mit dem Kinomachen für ein cinephiles und kritisches Publikum an. 1992 übernahm er die Ko-Leitung des Kinos Morgental am Stadtrand.

Dieses eine Erlebnis, worauf seine Liebe zum Film gründet, gäbe es nicht, sagt Braun. «Ich habe immer eine ausgeprägte Beziehung zu Bildergeschichten gehabt, schon als Kind.» Wohlbehütet in Winterthur aufgewachsen, wohnte er bereits mit 17 in einer WG. Damals ging er noch aufs Gymnasium, später besuchte er den Vorkurs an der Schule für Gestaltung in Zürich.

Die Ausbildung brach er ab, wurde jung Vater – seit fünf Jahren ist er Grossvater: «Ich musste früh Entscheidungen mit Tragweite fällen.» Seine Frau und er hätten sich immer alles geteilt, Kindererziehung, Haushalt, Erwerbsarbeit. Kinderkrippen gab es damals noch nicht, also haben sie kurzerhand selber eine gegründet mit anderen zusammen. Persönliche Vorkommnisse hätten genauso grossen Einfluss auf seine Laufbahn gehabt. «Und der Zufall. Andere nennen es Glück oder Schicksal», sagt Frank Braun und schmunzelt.

Sensibilität für die Bedürfnisse von Filmemachern

Den Wunsch selber Filme zu machen, hatte der Kinobetreiber nie. «Ich hatte stets grossen Respekt vor dem Filmemachen.» 2008 ist dann doch der erste von drei kurzen Animationsfilmen entstanden, in Co-Regie mit Claudius Gentinetta.

«Ich habe selber keinen Strich gemacht, war aber am ganzen Entstehungsprozess entscheidend beteiligt», sagt Braun. Mit anderen zusammen etwas anreissen, eine Vision entwickeln, umsetzen und weiterverfolgen, das ist es, was ihn interessiert. «Wie bringe ich Leute zusammen und kann Filmschaffenden eine Plattform bieten?»

So ist er Kinoveranstalter geworden. Dass er eben auch Einblick in den Produktionsprozess eines Filmes hat und weiss, wie viel Arbeit darin steckt, verhelfe ihm zu einer erhöhten Sensibilität im Umgang mit Künstler und Werk.

Im Animationsfilm haben sich seine Interessen gebündelt. Überwältigt davon, was er an ausländischen Festivals zu sehen bekam, hatte er im Xenix einen Filmzyklus aus über 100 Trickfilmen veranstaltet. Es waren bewegte Zeiten. Als nach zwei gescheiterten Volksabstimmungen 1992 das Quartierzentrum auf dem Zürcher Kanzleiareal geschlossen wurde, gab es Scharmützel zwischen Polizei und Aktivisten.

«Wir haben im Tränengas Kino gemacht.» Parallel zu seiner Tätigkeit im Morgental hat er dann zusammen mit «Komplizen» das internationale Festival für Animationsfilm, das Fantoche in Baden, gegründet. «Ich weiss, woher ich komme», sagt er, «bin stets neugierig geblieben und dadurch auch offener geworden.»

Frank Braun hat viel Energie, und die ist fast nie versiegt, wie er selbst sagt. Heute findet er auch Routine nicht mehr so schlimm: «Irgendwie ist es doch auch schön, wenn es immer wieder Frühling wird.»

Allein auf einer ­ einsamen Insel

Wieder im Foyer giesst sich Frank Braun etwas Tee ein aus der selbstmitgebrachten Thermosflasche. Dann zückt er das Handy. Er will sich fürs Göteborg Film Festival bewerben und derjenige sein, der sich allein auf einer abgelegenen Schäreninsel die Festivalfilme anschauen darf.Eine tolle Idee, findet er, seine Neugierde ist geweckt. Nicht auf ausgetretenen Pfaden latschen.

Hinweis: Solothurner Filmtage, Online-Ausgabe, 20. bis 27. Januar. Die Filmplattform wird voraussichtlich am 18. Januar, 12 Uhr, für Reservationen freigeschaltet. Weitere Infos: www.solothurnerfilmtage.ch.