«Mare»

Er hats bereits an die Berlinale geschafft: Dieser Schweizer Film macht Schluss mit Geschlechter-Klischees

Lässt sich treiben: Mare (gespielt von Marija Škaričić) im Meer vor der kroatischen Küste.

Lässt sich treiben: Mare (gespielt von Marija Škaričić) im Meer vor der kroatischen Küste.

Andrea Štaka knüpft mit «Mare» direkt an ihren Erfolgsfilm «Das Fräulein» an. Was uns ihr Blick auf weibliche Rollenbilder zeigen soll.

Vorsicht, dieser Film kann Platzangst auslösen. Das Gefühl betrifft nicht die Zuschauer selbst, die Sorge gilt vielmehr der Hauptfigur; einer dreifachen Mutter, Mittvierzigerin, Mare. So lautet ihr Name, in Kroatien steht er für Marija. Wie Marija Škaričić, die Mare spielt.

Mare bedeutet aber auch Meer. Und das liegt nicht weit vom Ort des Geschehens. Eingeklemmt zwischen den Bergen Herzegowinas, der Grenze zu Montenegro und den Landepisten des Flughafens bei Dubrovnik, in diesem schmalen Küstenstreifen in der südlichsten Ecke Kroatiens, liegt Konavle. Die Kamera sitzt der Protagonistin oft auf der Schulter, häufig im Nacken. Beobachtet die Welt aus ihrer Perspektive. Und bietet uns ihre Wahrnehmung auf das Haus neben dem Flughafen, auf ihre Familie mit den drei Teenager-Kindern. Mares Mann arbeitet wie die meisten hier am Flughafen.

Einengend sind nicht nur Kameraführung und der Fluglärm, dem Mare und ihre Familie ausgesetzt sind, sondern auch das Haushaltsbudget: Es reicht grad so für einen Familienausflug ins Kino. Aber nur mit Abstrichen anderswo. Aus dieser Enge sucht Mare, die noch nie in ein Flugzeug stieg, nun einen Ausbruch.

Wiedersehen mit Altbekannten aus «Das Fräulein»

Daran ist wenig aufregend, kaum etwas dramatisch. Gar von Banalität spricht die Schweizer Regisseurin Andrea Štaka am Telefon mit der «Schweiz am Wochenende» . «Die Flugzeuge landen und starten, mit ihnen die Touristen. Mare ist unten im Haus und lebt dort ihr Leben, aus dem sie nicht einfach davonfliegen kann. Das ist zwar simpel, könnte aber genauso die Geschichte einer Städterin irgendwo auf der Welt sein.» Den Film schrieb Štaka extra für Marija Škaričić, die in ihrem Erfolgsfilm «Das Fräulein» eine junge, an Leukämie erkrankte Bosnierin auf einer wilden Tour durch Zürich spielte, die einer mit sich und ihrem Leben ringenden Serbin neue Lebensfreude einhaucht. Gespielt hat diese Mirjana Karanović. Auch sie kehrt in «Mare» zurück. Als Mutter von Mare.

Aber nicht nur bei der Besetzung knüpft «Mare» direkt ans «Fräulein» an. Währen in «Fräulein» die ältere Serbin aus ihrem Alltagstrott ausbricht, ist es in «Mare» nun Mare, die rebelliert. Erst sehr deutlich, geht sie doch eine Affäre mit einem polnischen Flughafen-Vorarbeiter ein und packt sogar schon den Koffer. Was sie zurückbuchstabieren lässt, sei an dieser Stelle nicht verraten.

Andrea Štaka , Zürcher Filmregisseurin

Andrea Štaka , Zürcher Filmregisseurin

Štakas Frauenfiguren, erst das Fräulein, nun Mare, brechen also aus. Aber nur ein bisschen. Und trauen sich dann doch nicht so ganz, ziehen es nicht komplett durch. «Warum so kontrolliert?», wollen wir von der Regisseurin wissen. «Im Leben ist es anders als in Drehbüchern: Wir reagieren auf unsere Impulse, aber wir können uns nicht schlagartig verändern», so Štaka.

Anstatt ihrem ersten Impuls zu folgen, die Familie zu verlassen, geht Mare also einen Mittelweg. Štaka selbst nennt es authentisch. Müsste sich Mare am Schluss zwischen den beiden Männern entscheiden, es wäre Štaka zu simpel. Und zu fern von der Realität, in der wir uns – eben – dosiert bewegen. Viel wichtiger als die Affäre findet Štaka sowieso «das Ausbrechen im Kleinen», und vor allem, «dass Mare am Schluss wieder arbeiten geht, selbstbestimmt wird».

Lauter persönliche Bezüge zu Plot und Drehort

Mare ist ein sehr persönlicher Film von Andrea Štaka, sagt sie selbst. Er handle von Sehnsüchten, die ihr nicht fremd seien. Im Haus in Konavle, dem Drehort, lebt Štakas Cousine. Einige der Ideen für den Plot entstanden bei Besuchen dort.

Štakas Bilder zeugen von der Macht des Banalen. Der Plot wirft interessante Fragen auf, wirklich zu einem durchdringen, einen bleibenden Eindruck hinterlassen die Bilder und Dialoge leider jedoch nicht. Das mag daran liegen, dass diese Zeilen ein Mann verfasst. Štaka selbst sieht sich als Filmemacherin mit dem weiblichen Blick auf Frauenfiguren. Ein Frauenfilm also? Mitnichten, finden wir. Dafür betreffen Rollenbilder in der Familie zu sehr beide Geschlechter.

Tipp:
«Mare» (CH 2019 / 84 Min.)
R: Andrea Štaka
Neben «Schwesterlein» der zweite Schweizer Beitrag an der Berlinale. Nächste Woche im Kino.

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