Kultur

Elektronische Musik: Samuel Savenberg, ein Produzent mit eigener Handschrift

Ambivalente Musik eines vielseitigen Künstlers: Savenbergs Klangbilder erscheinen zuweilen verzerrt und dunkel, sind aber auch präzise und nüchtern.

Ambivalente Musik eines vielseitigen Künstlers: Savenbergs Klangbilder erscheinen zuweilen verzerrt und dunkel, sind aber auch präzise und nüchtern.

Der Luzerner Musiker und Produzent Samuel Savenberg alias S S S S präsentiert seine experimentelle Musik auf einem neuen Album.

Die ersten Takte könnten aus einem Werk der zeitgenössischen Musik stammen: Singuläre Tastenklänge, die lange aushallen, ein paar dumpfe Schläge. Alles ist Reduktion, präzise Klanglichkeit, Raumbewusstsein. Dann braut sich das Stück mit schwirrenden Sounds und einem hartnäckigen Staccato-Puls immer dichter zusammen. «Deserter» wird schön heftig und kompakt und ist doch auf wenige Klangparameter konzentriert, mit denen der Produzent seine musikalische Vision hören lässt.

Acht Tracks zwischen drei und fünf Minuten Länge umfasst «Walls, Corridors, Baffles»: Es ist die neueste Veröffentlichung von S S S S, wie sich der Luzerner Elektronik-Produzent Samuel Savenberg nennt, und sein erstes richtiges Album. Es sind, verglichen mit anderen Stücken aus seiner Küche, schon fast Songs, auch wenn niemand sein Liedchen dazu pfeifen wird. Die Musik bewegt sich zwischen Techno, Industrial und Ambient. Einige Stücke massieren mit ihren Bässen sanft den Körper, andere wirken wie cineastische Texturen für Fahrten durch die Unterwelt.

Sound-Trip durch die Nüchternheit

Die Soundwelt von S S S S ist harsch, der Puls dunkel, die Rhythmik wuchtig. Bisweilen sind die Klänge leicht verzerrt und haben etwas Unscharfes, Verwischtes, als ob Staub auf der (Plattenspieler-)Nadel wäre. Dennoch sind sie präzise und dramaturgisch dort gesetzt, wo sie eine Wirkung erzielen. Die Klangbilder mögen dunkel und düster wirken, aber sie fühlen sich nicht verzweifelt oder morbide an. Mit ihrer klaren Architektur, die bewusst auf wenige Elemente setzt, laden sie eher zum nüchternen Wahrnehmen der Welt ein, die da ist und tobt.

Er möge den Begriff «düster», mit dem seine Musik oft charakterisiert werde, eigentlich nicht, sagt Savenberg. Und schiebt nach: «Natürlich sind meine Tattoos nicht unbedingt lebensbejahend. Und ich trage oft schwarze Kleider.» Aber Savenberg ist kein Grufti. Er sucht nicht Dunkelheit und Exzess, sondern Klarheit und Nüchternheit.

Heute ist er ein geschäftiger Mann, der um sechs Uhr aufsteht, Fitness treibt und sich dann an den Computer setzt, um an seinen Projekten zu arbeiten oder all den administrativen Kram zu erledigen, der zum Business gehört. «Ich liebe die Ruhe am Morgen und bin weniger der Typ, der in die Nacht hineinarbeitet. Das ist nicht wertend gemeint. Es ist einfach das, was für mich stimmt.»

Savenberg hat auch nicht den Drang, mit seiner Musik eine «message» zu verbinden. Er findet es problematisch, wenn Aktionismus mit Kulturkonsum vermischt wird. Seiner Musik eine klare politische Rolle zuzuordnen, hält er für falsch. «Es besteht Gefahr, hochkomplexe Sachverhalte zu vereinfachen und einer Ästhetik unterzuordnen. Oder aber das Gegenteil ist der Fall. Dabei wird der Inhalt entsprechend gewichtet und die Musik übernimmt lediglich die Rolle des Mediums. Damit unterscheidet sie sich künstlerisch nicht weiter von einem Parteiprogramm oder Banner.»

Sein neues Album ist denn auch ein Beispiel für die nackte Realität von Klängen, Geräuschen und Rhythmen. Sie löst damit etwas aus, ohne es plakativ anschreiben zu müssen. Seit seiner Hinwendung zur elektronischen Musik vor fünf Jahren hat er zahlreiche EPs herausgegeben. Fans und Kritiker attestieren ihm eine eigene Handschrift. Sie erkennen seinen Sound, seine Schichtungen, seine Stimmung, egal, ob die Musik experimentell oder geradlinig daherkommt. Welcher Musiker, welche Musikerin wünscht sich das nicht?

Savenberg hat als Gitarrist in Hardcore- und Post-Punk-Bands begonnen. Er spielte mit Seed of Pain, aber auch mit Bands wie Evje oder Die Selektion, die näher beim Pop und Wave zu Hause sind. «Irgendwann habe ich meine Ideen im Bandkontext nicht mehr richtig einbringen können. Also begann ich, selber zu produzieren.» Über die Beschäftigung mit Gitarre und Effekten gelangte er zur elektronischen Musik. Die Spur wurde ­definitiv gelegt, als er an der Hochschule der Künste Bern Musik und Medienkunst studierte – wie die Musikerinnen Belia Winnewisser und Martina Lussi. Sie bilden mit S S S S das Luzerner Triumvirat zeitgenössischer Elektronik. Alle drei sind im Ausland bekannter als in der Schweiz.

Zeitgenössische Musik als Inspiration

So ergeht es auch dem Verlag Präsens Editionen mit dem Magazin «zweikommasieben», die seit Jahren von Luzern aus elektronische Kultur und Kunst vermitteln. Savenberg hat sein neues Album bei Präsens Editionen herausgegeben. «Die Leute gehören zu meinem Freundeskreis. Du weisst, mit wem du es zu tun hast und es läuft professionell. Das ist toll.» Auch auf dem Luzerner Label Hallow Ground hat S S S S veröffentlicht, und vor allem auf Haunter Records in Mailand. «Als ich vor Jahren meine ersten Files auf Soundcloud stellte, haben sie mich sofort angeschrieben, um etwas herausgeben zu können.»

Seitdem ist S S S S als Live-Act oder als DJ in Berlin, Moskau, Los Angeles, London, Budapest, Madrid und vielen andern Städten in Klubs und an Festivals aufgetreten. Das ist, was er sucht. «Weltberühmt in Luzern, das wäre nicht mein Ding», scherzt Savenberg. Er ist international vernetzt und bestrebt, sich auf diesem Parkett zu behaupten. Sein Ziel ist es, nicht nur im engeren Klub-Kontext wahrgenommen zu werden, sondern seine Musik vermehrt in einem konzertanten Rahmen mit entsprechendem Setting oder an Festivals spielen zu können. Weniger szenenspezifisch, mehr in offenen Konstellationen – dazu passt auch sein Interesse für Tanz-, Theater- und Filmmusik.

Der Musiker denkt über die stilistischen Kategorien hinaus, sein Geschmack ist sehr breit. Abgesehen davon, dass er auch «kitschigen Pop» mag, ist die zeitgenössische Musik ein ernstzunehmender Einfluss in seinen Produktionen geworden. Als Beispiele nennt er Herbert Lachenmann oder die französischen Spektralisten. Reflexion ist ein ständiger Begleiter seines musikalischen Schaffens. Während den Arbeiten am aktuellen Album hat er drei dicke Notizbücher mit Ideen, Selbstkritik und musikalischer Beobachtung gefüllt. «Ich habe gemerkt, wie wichtig dieser Prozess ist. Und er wirkt nachhaltiger, wenn ich von Hand schreibe», sagt der «digital native».

Zurzeit arbeitet Savenberg an neuem Material für die brasilianisch-deutsche Sängerin Dillon, in deren Soundteam er seit den letzten zwei Alben mitwirkt. Parallel dazu sitzt er an der Endproduktion seines nächsten Albums, das Ende Jahr erscheint. Wie wird es klingen? «Nach Techno. Nihilistisch, dumpf, sehr böse», sagt Savenberg und grinst.

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