Einzelausstellung
Einst war sie eine berühmte Malerin – heute für das Kunsthaus Zürich nur die Quotenfrau

Ottilie W. Roederstein ist im Kunsthaus Zürich 2020 die einzige Frau in einer Einzelschau. Das spricht für sie, nicht für den Kunstbetrieb.

Sabine Altorfer
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Ottilie W. Roederstein. Selbstbildnis 1917.

Ottilie W. Roederstein. Selbstbildnis 1917.

Kunsthaus Zürich
Ottilie W. Roederstein. Selbstbildnis 1917.

Ottilie W. Roederstein. Selbstbildnis 1917.

Kunsthaus Zürich

Sie würde wohl sehr grimmig schauen, wenn sie wüsste, dass sie 2020 als einzige Künstlerin im Kunsthaus Zürich eine Einzelausstellung bekommt. Und noch grimmiger müsste sie Augenbrauen zusammenziehen, wenn sie erführe, dass das Kunsthaus und das Städel-Museum Frankfurt ihr Werk seit 1938 nicht mehr gewürdigt, sondern in die Depots verbannt haben. Ottilie W. Roederstein (1859–1937) erlebte selber nämlich mehr Wertschätzung. «Zu ihren Lebzeiten war sie die wichtigste Schweizer Porträtmalerin», schreibt das Kunsthaus. Im Katalog sind ihre Ausstellungen bis 1938 aufgelistet – sie füllen eng beschriebene dreieinhalb Seiten!

Roederstein war fleissig, talentiert und eine versierte Technikerin. Schon früh malte sie mit sicherem und doch lockerem Pinselstrich Porträts, die Gesichter fein ausgearbeitet, die Kleider etwas pastoser und freier, die monochromen Hintergründe – gestupft oder weich gestrichen – als malerische Resonanzräume.

Porträt ihrer Schwester Helene mit Schirm, 1888.

Porträt ihrer Schwester Helene mit Schirm, 1888.

Privatsammlung/Kunsthaus Zürich

Lebensgross und wie als verfrühte Jugendstil-­Schönheit posiert Miss Mosher mit rotem Schopf und einem Sommerstrauss 1887, schick gekleidet die Schwester Helene und selbstbewusst die Malerkollegin und Schülerin Madeleine Smith. Doch selbst einen mit nacktem Oberkörper als «Sieger» posierenden Jüngling finden wir im Frühwerk.

Der Sieger. 1898

Der Sieger. 1898

Städel Museum

In Damenklassen und mit Lebenspartnerin

Einfach hatte es die in Zürich geborene Deutsche als Künstlerin nicht. Der Zugang zu den Akademien war den Frauen verwehrt, Roederstein bildete sich privat in Zürich aus und perfektionierte sich in privaten Damenklassen in Berlin und Paris.

Sie setzte sich durch. Beruflich wie privat. Mit ihrer Lebenspartnerin, der Ärztin Elisabeth W. Winterhalter, zügelte sie 1891 nach Frankfurt, die beiden bauten in Hofheim am Taunus ein stattliches Haus, Roederstein hielt Kontakt zu Zürich und bekam hier 1902 das Bürgerrecht.

Studie aus dem Städelgarten, 1910.

Studie aus dem Städelgarten, 1910.

Horst Ziegenfusz

Ab ihrer Studienzeit stellte sie am Salon in Paris aus und heimste an Weltausstellungen Medaillen ein. Sie wurde 1890 an der Ersten Nationalen Kunstausstellung der Schweiz gezeigt, 1910 bei der Eröffnung des Kunsthauses Zürich, und sie war 1912 bei der wichtigen Sonderbundausstellung in Köln dabei, als einzige Frau gleichauf mit Ferdinand Hodler, Giovanni Giacometti und Cuno Amiet.

In der Kunstgeschichte versenkt

Was ging in der Kunstgeschichte denn schief, dass diese Künstlerin nach ihrem Tod 1937 so schnell in der Versenkung verschwand? Die Erklärung im Katalog, dass Roederstein sich nach dem Markt ausgerichtet habe und dass ab den 1930ern die Abstrakten die Aufmerksamkeit an sich gezogen hätten, greift zu kurz. Denn dann wären Hodler, die Giacomettis und Amiet ebenfalls in den Kellern der Museen gelandet.

Nein, es waren die männerdominierten und männerorientierten Kunstkritiker und Museumsleiter, welche die Künstlerinnen im konservativen Backslash ab Mitte der 1930er bis weit in die Nachkriegszeit klein- und weggeschrieben haben. Und die so den Aufbruchgeist und den gesellschaftlichen Wandel der 1910er- und 1920er-Jahre eliminiert haben. Wie weit die Gleichberechtigung damals war, hat das Kunsthaus Zürich mit seiner fabelhaften Schau über die Twenties eben erst gezeigt.

Roedersteins Wandel und Stetigkeit

Ottilie W. Roederstein arbeitete stetig, aber blieb vom Wandel der Kunst nicht unberührt. Im Gegenteil: Sie informierte sich in Paris, Berlin und München über Trends. Impressionistische Momente finden wir in einem weiss schimmernden «Stillleben mit Teetassen», mit Temperafarben experimentierte sie im angesagten japanischen Stil, bis eine Handverletzung sie stoppte, die neue Sachlichkeit wird mit harten Konturen im Porträt einer alten Frau sichtbar oder in den scharfen Flächen und dem starken Rot-Grün-Blau im Bildnis von Irene Holz.

Bildnis von Irene Holz, geb. Edle von Hofmann. 1919.

Bildnis von Irene Holz, geb. Edle von Hofmann. 1919.

Privatbesitz/Kunsthaus Zürich

Die Wandlung der Ottilie W. Roederstein lässt sich auch an ihren vielen Selbstporträts ablesen. Von der kecken jungen Frau mit rotem Béret über die Malerin mit Pinsel und die mürrisch-dunkeltonige Fragerin bis zum Grossformat der selbstbewussten Frau im schwarzen Mantel mit Schlüsseln.

Ob sie damit das Kunsthaus Zürich, das im Herbst die Eröffnung seines Neubaus feiert, für mehr Künstlerinnen aufschliessen kann? Das Jahresprogramm 2021 lässt zweifeln.

Ottilie W. Roederstein Kunsthaus Zürich, bis 5. April.
Zu sehen ist sie auch in «Berufswunsch Malerin» im Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen, bis 31. Januar.