Literatur

Eine Lebensgeschichte vor und nach Auschwitz als Roman

Das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Im Roman «Psalm 44» von Danilo Kiš gelingt Maria mit ihrem Baby die Flucht aus dem Vernichtungslager.

Das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Im Roman «Psalm 44» von Danilo Kiš gelingt Maria mit ihrem Baby die Flucht aus dem Vernichtungslager.

Danilo Kis erzählt im Roman «Psalm 44» die Geschichte einer jugoslawischen Maria. Endlich ist das sprachgewaltige und empathische Werk auf deutsch übersetzt.

Danilo Kis gehört zu jenen Autoren der «zweiten Moderne», die in den 1960er-Jahren die Literatur noch einmal zu revolutionieren versuchten. Der 1935 in Subotica, Serbien, geborene Autor zählt neben Ivo Andric und Alexandar Tisma zu den wichtigsten jugoslawischen Autoren des 20. Jahrhunderts.

Im Alter von 25 Jahren schrieb er seinen Auschwitz-Roman, 1962 wurde er veröffentlicht, aber unverständlicherweise ist er erst kürzlich auf Deutsch erschienen. Mit dem Stalinismus setzte er sich in den 1970er-Jahren in seinem Roman «Ein Grabmal für Boris Dawidowitsch» auseinander, der bei seinem Erscheinen einen Skandal auslöste. Und nun ist «Psalm 44» (nach dem alttestamentarischen Buch der Psalmen) von 1965 endlich übersetzt.

Danilo Kis. Er lebte von 1935 bis 1989, die Aufnahme entstand 1982

Danilo Kis. Er lebte von 1935 bis 1989, die Aufnahme entstand 1982

Das passiert im Roman

Es ist die Geschichte der Halbjüdin Maria, die zusammen mit ihrer Mitgefangenen Jeanne und ihrem siebenwöchigen Kind, das sie im Lager geboren hat, aus dem Lager Birkenau fliehen kann. Polja, eine weitere Leidensgenossin, müssen sie zurücklassen, sie stirbt kurz vor der Flucht elendig. Der polnische Gefangene Jakob, ein Lagerarzt, hat dafür gesorgt, dass sie von Auschwitz, (wo Kis’ Vater, ein ungarischer Jude, umgekommen war), nach Birkenau verlegt wird, von wo die Flucht leichter sein soll.

Im Hintergrund hat Max, ein weiterer Gefangener, den Zeitpunkt, zu dem sie von den Scheinwerfern unerkannt bleiben, vorbereitet. Maria findet Jakob schliesslich in einem amerikanischen Militärspital wieder, in das er nach seiner eigenen Flucht verletzt verbracht worden ist. Max bleibt bis zum Schluss unsichtbar. Erst als Maria und Jakob, die mittlerweile in Warschau leben, Auschwitz mit dem kleinen Jungen nach Jahren noch einmal besuchen, erscheint der ihnen an der Hand des hinkenden Max.

So weit die Handlung. Die Flucht selbst wird erst gegen Ende kurz, aber eindringlich atemraubend geschildert. Zuvor belauscht Maria, versteckt in einem Schrank in Jakobs Stube, seine Unterredung mit dem Lagerarzt Dr. Nietzsche, in dem unschwer der berüchtigte Dr. Mengele zu erkennen ist. Nietzsche verlangt als Gegenleistung dafür, dass er Jakob verschont hat, die Sammlung von Schädeln und Skeletten zu retten, die vor der Befreiung der Lager durch die Alliierten vernichtet werden sollen – als Dienst an der Wissenschaft und seiner Rasse. Sie könnten das letzte sein, was von ihr übrig bliebe.

Die Vor- und Nachgeschichte

Neben den beklemmenden Szenen vor der Flucht von Maria und Jeanne mit dem in Lumpen gewickelten Baby greift Kis zurück in das Vorleben seiner Protagonistin. Auschwitz hatte nicht nur eine Nachgeschichte, sondern vor allem eine Vorgeschichte. Antisemitismus erfährt Maria schon als Kind, das keine Strassenbahn benutzen darf, weil die Juden Christus ans Kreuz genagelt hätten.

Es folgen nach der Besetzung der Vojvodina durch die ungarischen Faschisten, welche die «Batschka» heim ins ungarische Reich holen, der Verlust der Wohnung, der bürgerlichen Rechte, Pogrome und das Massaker von Novi Sad im Januar 1942, bei dem über 1200 Juden und Serben barbarisch ermordet wurden. Kis schildert drastisch und erbarmungslos, wie Menschen bei lebendigen Leib mit Äxten und Messern erschlagen und aufgeschlitzt und ihre zerstückelten Körper, ihre abgehauenen Schädel unter das Eis der Donau geschoben wurden. Zu den Opfern gehört auch Marias Vater.

Knapp, spannungsgeladen und mit Empathie

Es sind nicht alleine die geschilderten schrecklichen Geschehnisse lange und kurz vor Marias Flucht, der gekonnte Wechsel der verschiedenen Zeitebenen, welche die literarische Qualität des Romans ausmachen, sondern wie Kis sie erzählt. Mit spannungsgeladener Knappheit und einem Sensorium für winzigste Regungen und Eindrücke und gleichzeitige Reflexionen seiner Protagonistin, der nicht das kleinste Detail, das leiseste Geräusch und der scheueste Blick zu entgehen scheint. So kommen beinahe alle 13 Kapitel des Buchs für den Leser einem Bergaufstieg oder Marathon gleich, nach dem man das Gefühl hat, erst einmal wieder Atem holen zu müssen.

Ilma Rakusa berichtet in ihrem Nachwort, dass Kis den Roman nach eigenen Angaben in einem knappen Monat geschrieben habe. Und zwar für einen Wettbewerb der Vereinigung jüdischer Gemeinden in Belgrad. Als Grundlage benutzte er einen Zeitungsartikel über ein Ehepaar, das nach dem Krieg das Lager Auschwitz besucht.

Die Jury des Wettbewerbs, welche die Texte ohne die Namen der Autoren las, war überzeugt, dass «Psalm 44» von einer Frau geschrieben worden sei. Wegen einer spezifisch «weiblichen Sensibilität», mit der Kis die Sorge Marias um das Neugeborene beschreibt, einer Empathie mit der Mütterlichkeit und Sorge um das Neugeborene, die man einem männlichen Autor offenbar nicht zutraute. Es mag sein, dass es zu seiner Zeit nicht viele Autoren gegeben hat, die das fertiggebracht hätten, was Kis ganz souverän schafft: eine weibliche Romanfigur mit den Attributen von weiblicher Zugewandtheit und Sorge auszustatten. Aber warum eigentlich sollte die Fantasie eines männlichen Autors wie Danilo Kis das nicht gekonnt haben?

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