Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, aber ein einzelner Ton sehr wohl ein halbstündiges Klavierkonzert. Genauer: Das eben uraufgeführte, phänomenale Klavierkonzert von Dieter Ammann. Besser hätte das auch Beethoven nicht gekonnt, und der war bekanntlich Meister im Entwickeln von grossen Formen aus kleinsten Motiven. Aber ein Vergleich mit Beethoven ist nie eine gute Idee – weder für die Schreibende noch für den Beschriebenen – und deshalb lassen wir ihn am besten gleich weg.

Also nochmals von vorne: Da hüpft ein einzelner Ton A aus dem Soloklavier in die Royal Albert Hall (wir sind nicht irgendwo, sondern an einem Konzert der illustren Londoner Proms!). Schon wird es vom Orchester zurückgeworfen, springt hin und her, mal leiser, mal lauter, mal behutsamer, mal schriller, mal länger bei einem Instrument verweilend oder quecksilbrig schnell – und das in verschiedensten Klangfärbungen, bis es sich in ein zitterndes Tremolo verwandelt.

Folgt nun Stillstand? Fehlanzeige. Denn aus dem Tremolo pulsiert es weiter. Mal gezupft, mal mit sphärischen Flageoletts, die von Instrument zu Instrument gereicht – ja, geworfen werden. Weiter, immer weiter. «Gran Toccata» hat der Aargauer Komponist Dieter Ammann sein Klavierkonzert untertitelt, und der Titel ist Programm. Da ist Spiel, da ist Drive, da ist Durchdachtheit auf höchstem Niveau, die sich allerdings akustisch vornehm im Hintergrund hält und dem sinnlich-schillernden Klang den Vortritt lässt, sodass sich die Ohren der Zuhörer wie von selbst an die Musik hängen.

Drei Jahre Arbeit für 30 Minuten Musik

Er möge es, von Klängen davongetragen zu werden, hat Ammann im Vorfeld des von BBC 3 live gestreamten Konzerts erzählt. Und diese Vorliebe kommt bei der Uraufführung dem Publikum zugute. Denn was hier klingt, ist Musik, die man einfach gern hört. Das diffizile Konstrukt dahinter, das zu meisterhaft überblendeten Instrumentalklängen und ausgeklügeltem Hin und Her zwischen den Stimmen führt, nimmt man dagegen kaum wahr.

Drei Jahre lang hat Dieter Ammann skrupulös daran gearbeitet, nachdem Pianist Andreas Haefliger (Bruder des Lucerne-Festival-Intendanten Michael Haefliger) ihn um ein Klavierkonzert gebeten hatte. Die Mühe hat sich gelohnt. Gleich doppelt. Zumal sich Andreas Haefliger bei der Uraufführung des höllisch herausfordernden Soloparts souverän und erst noch mit noblem Klang annimmt, der sich mühelos von Ravel bis Jazz wandelt. Auch das BBC Symphony Orchestra unter der Leitung von Sakari Oramo ist in stetem Wandel und permanentem Wechselbad der Töne. Streicher werden da schon mal zu Perkussionisten (und schlagen col legno, also mit dem Holz des Bogens), dann wieder wird der Sound transparent und ätherisch.

Bei aller Opulenz im Klanglichen aber bleibt der Komponist einem Prinzip treu: dem stetig vorwärtsdrängenden Rhythmus. Das ist ein Singen und Pfeifen, Trompeten schmettern darein. Im Galopp geht es durch alle Elemente. Wenn «Easy Rider» kein Film geworden wäre, sondern ein klassisches Musikstück – es hätte wohl so geklungen. Und Stichwort Kult: Wer weiss, ob Dieter Ammanns Klavierkonzert nicht auch einen ähnlichen Kultcharakter entwickeln wird wie sein cineastisches Pendant.