Interview

Diese Baslerin ist seit 32 Jahren beim weltweit grössten Auktionshaus: «Banksy ist ein Robin Hood der Kunst»

Caroline Lang, Chefin von Sotheby’s Schweiz, liebt Kunst und Kommerz. Bild: Sandra Ardizzone (7.11.2019)

Caroline Lang, Chefin von Sotheby’s Schweiz, liebt Kunst und Kommerz. Bild: Sandra Ardizzone (7.11.2019)

Die gebürtige Baslerin Caroline Lang leitet Sotheby’s Schweiz, sie ist internationale Expertin und Auktionatorin. Sie war bei Banksy’s Schredderaktion in London dabei - und fand sie spannend.

Treffpunkt mit Caroline Lang ist am Sitz von Sotheby’s in Zürich. Sie ist von ihrem Wohnort Genf angereist, macht für das Gespräch einen kurzen Halt, fliegt danach nach Paris und dann nach New York. Das ist der Alltag einer Frau im internationalen Auktions-Business. Ein Leben, das Caroline Lang liebt.

Diese Woche finden die grossen, die wichtigsten Auktionen in New York statt. Bei welchem Werk würden Sie selber gerne mitbieten?

Caroline Lang: (zögert) Es wäre «Charing Cross Bridge» von Claude Monet, weil es für mich den Impressionismus definiert. Vor diesem Bild bekommt man jedes Mal einen anderen Eindruck vom Licht, der Themse, dem Nebel und all dem Mystischen des Moments.

Der Schätzpreis ist 20 bis 30 Millionen Dollar. Ziemlich teuer!

Ja, mein anderer Favorit auch (lacht). Der frühe Mark Rothko aus den Fünfzigerjahren. Dieser orange Rothko neben dem Monet: Das wäre eine Traumkombination!

Claude Monet: "Charing Cross Bridge" von 1903. Schätzpreis 20 bis 30 Millionen Dollar.

Claude Monet: "Charing Cross Bridge" von 1903. Schätzpreis 20 bis 30 Millionen Dollar.

Mark Rothko: "Blue over Red" von 1953. Schätzpreis 25 bis 30 Millionen Dollar.

Mark Rothko: "Blue over Red" von 1953. Schätzpreis 25 bis 30 Millionen Dollar.

Warum reden Auktionsleute lieber über Kunst als über Geld?

Ich rede gerne über Geld (lacht schallend). Aber wer Kunst nicht liebt, kann seine Faszination, seine Leidenschaft nicht vermitteln.

Aber hätten Sie ohne Faible für den Markt fürs Geld Karriere gemacht im Auktions-Business?

Nein. Ich wollte Künstlerin werden, besuchte ein Jahr die Kunstschule in Paris und stellte fest: Als Künstlerin habe ich keine Chance, Geld zu machen. Für mich ist wichtig, dass man als Frau machen kann, was man will. Aber man muss sich nach den Werten der Gesellschaft richten und die sind stark mit Geld verbunden. Also entschloss ich mich, in den Kommerz einzusteigen.

Ein pickelhartes Geschäft!

Ja, man muss sich durchsetzen und man muss gut sein. Ich ging nach London, weil ich wusste, dass ich in der Schweiz als Frau ohne Studium keine Chance habe. Ich habe als Assistentin einer ­Archivistin angefangen, einen Monat später hatte der Cataloguer, der die Auktionskataloge verfasst, einen Nervenzusammenbruch, und ich bekam seinen Job. Und so gings weiter. Voraussetzung ist, dass man die Kunst und den Deal liebt, keine Angst, aber gute Nerven und Mut hat.

Wie wars beim ersten Mal mit dem Hammer in der Hand?

Man hat Angst. Vor allem, wenn man in der Schweiz aufgewachsen ist, hat man nicht gelernt, frei vor Leuten zu reden. Mein Leitsatz ist: Was mir am meisten Angst macht, muss ich ausprobieren. 1990 stand ich erstmals vorne, in London für Impressionismus. Es ging gut. Natürlich ging das gut!

Heute sind Sie bei Sotheby’s Expertin Impressionismus, Moderne und Zeitgenössisches und Chairman für die Schweiz. Was heisst das?

Ich leite die Geschäfte in der Schweiz, bestimme die Strategie und habe hier eine verwaltende Funktion. Mit den Chairmen der anderen Länder berate ich über die europäischen Strategien.

Sotheby’s ist im Umbruch. Die Aktiengesellschaft wurde kürzlich vom französischen Investor Patrick Drahi gekauft. Er lebt im Wallis, sammelt Kunst. Kennen Sie ihn?

Ja. Ein spannender Mann, hoch intelligent. Er wird sicher Neues ins Auktionshaus Sotheby’s bringen, das finde ich aufregend.

Man erwartet, dass er als Medien- und Telekommogul die Digitalisierung vorantreiben wird.

Ich hoffe es. Die digitalen Plattformen sollen die Kunst und den Kunstmarkt in jeden Haushalt bringen, weltweit. Wir sind schon sehr weit, aber wir müssen uns weiter entwickeln, damit der Auktionsmarkt eine Zukunft hat.

Reine Online-Auktionen machen weltweit weniger als 10 Prozent aus. Gehandelt wird eher günstige Ware. Wird Monets «Charing Cross Bridge» je nur online verkauft?

Ich weiss nicht, was dabei rauskäm! Ich glaube nicht, dass es in naher Zukunft passiert, nein. Aber man kann heute online mitbieten, online mitsehen. Live-Auktionen werden aber Bestand haben, weil sie Glamour und Emotionen verkörpern.

Anfang Oktober waren die grossen Auktionen in London...

... ah, jetzt kommt Banksy.

Banksy: «Devolved Parliament». Wurde im Oktober für 12 Millionen Franken verkauft.

Banksy: «Devolved Parliament». Wurde im Oktober für 12 Millionen Franken verkauft.

Sein «Devolved Parliament» mit den Affen im britischen Parlament ging für 12 Millionen Franken ...

... zu einem Affenpreis (lacht). Mit dem Parlament-Bild spricht er in der aktuellen politischen Situation die Menschen an. Es ist witzig und ein Symbolbild für unsere Zeit. Ich bewundere Banksy. Schon 2008 bin ich eine Nacht lang durch London gefahren und habe Graffiti von ihm und seinen Kollegen in den Tunnels fotografiert. Banksy ist Künstler, aber er unterläuft den Kunstmarkt und beeinflusst ihn gleichzeitig. Das ist doch spannend.

Fanden Sie es auch spannend, dass er in London sein eigenes Bild geschreddert hat? Sie waren dabei.

Zuerst hat man es gehört: pipipip pffffrrrrrrr. Alle haben hingeschaut und dann haben alle gefilmt, wie das Bild geschreddert wurde. Ich glaube, dass Banksy selber dabei war, es gesteuert hat, aber unerkannt verschwinden konnte. Das Bild war in einem Rahmen, auf dem stand: «Den Rahmen nicht entfernen oder öffnen, sonst ist es kein Kunstwerk von Banksy mehr.»

Banksy schredderte sein Bild "Girl with Balloon".

Banksy schredderte sein Bild "Girl with Balloon".

Der Rahmen war ungewöhnlich dick, und wenn drauf steht, man solle ihn nicht öffnen, will man ihn dann nicht erst recht untersuchen? Fachleute müssen doch sehen und merken, dass etwas nicht stimmt.

Nein. Wir haben fünf Mal bei «Pest Control» nachgefragt, ob wir ihn öffnen können. Aber «Pest Control», ein im Auftrag des Künstlers Banksy tätiger Verifizierungsdienst, der die Werke prüft, bestätigt sowie dokumentiert, hat es uns verboten. Wir mussten auch andere Bedingungen des Einlieferers akzeptieren: Es musste an die wichtigste Abendauktion und es musste im Auktionssaal hängen, also nicht nur von Portern in der Hand präsentiert werden. Im Nachhinein wissen wir warum (lacht). Aber im Voraus (sehr ernst) wussten wir wirklich nicht, was passieren wird. Es war ein Schock!

Es war eine Protestaktion gegen den Kunstmarkt. Aber passiert ist das Gegenteil: Alle Leute redeten über Banksy und Sotheby’s...

...und wollten das Bild sehen. Als wir es nach der Auktion, gut verpackt in einem Plexiglaskasten, ausgestellt haben, standen die Leute Schlange um den Häuserblock. Wir hatten noch nie so viele Besucher bei Sotheby’s in London. Banksy hat Kunst und Auktionen populär gemacht. Ich sehe ihn als eine Art Robin Hood der Kunst, der Geld macht und damit wohl Gutes tut. Und er hat uns in Spannung versetzt, weil man nicht weiss, womit er uns noch überraschen wird. Andrerseits hat die Aktion anderes überdeckt. Wissen Sie als an Frauen-Kunst Interessierte, was an dieser Auktion sonst noch passiert ist?

Ja. Der Auktionsrekord für eine lebende Künstlerin, für Jenny Sa­ville und ihr wuchtiges Nackt- Selbstbild. Das fand ich super.

Ich auch. Aber diese Sensation wurde überschattet von Banksy. Schade, Savilles Selbstbildnis «Propped» ist für mich das Schlüsselbild für The Young British Artist seit der Ausstellung 1996 in London. Es ist ein Symbolbild der jüngeren Kunstgeschichte.

Jenny Saville: "Propped" ist das teuerste Werk einer lebenden Künstlerin.

Jenny Saville: "Propped" ist das teuerste Werk einer lebenden Künstlerin.

Der Preis von 10,5 Millionen Franken für Saville ist im Vergleich zum Männerrekord für David Hockney mit 90,3 Millionen immer noch sehr bescheiden. Warum?

Weil es viel mehr Ausstellungen und Aufmerksamkeit für die Kunst von Männern gibt. Und weil viele Künstlerinnen wie Lee Krasner, Camille Claudel oder Frida Kahlo immer primär als die Frauen von Künstlern betrachtet wurden. Gesellschaftlich und kunsthistorisch. Aber das heisst nicht, dass sie weniger gut waren. Die Kunstgeschichte hat die Frauen vernachlässigt. Die Frauen holen aber auf, im Bereich der Afrikanischen Kunst sind die Frauen oft teurer als die Männer.

Sie sagen, die Bieter bestimmen den Preis. Es gibt mehr männliche als weibliche Sammler, die wichtigsten Galeristen sind meist Männer. Hat das einen Einfluss?

Mittlerweile gibt es doch mehr Frauen, die Geld haben und Kunst kaufen. Zudem findet ein Generationenwechsel statt. Wenn Leute zu Geld kommen, ist es im Alter zwischen 30 und 50. Die identifizieren sich mit Künstlern ihrer Generation und kaufen die Images ihrer Jugend. 2018 hat der Rapper Sean Diddy Combs ein Werk des Afroamerikaners Kerry James Marshall für 21 Millionen Dollar gekauft.

Man sagt, bei den Spitzenwerken explodieren die Preise, aber das Mittelfeld hat Mühe, sich zu behaupten. Warum dieser Gap?

Das ist doch wie im realen Leben, auch hier öffnet sich die Schere zwischen den Schwerreichen und den anderen immer weiter. Beim Kunstmarkt diktiert die Präsenz, die Verfügbarkeit und der Zeitgeschmack mit. Vor allem bei der zeitgenössischen Kunst gibt es schnelle Auf- und Absteiger. Was langfristig Bestand hat, wissen wir nicht. Ich schätze, nicht mehr als fünf Prozent der heute weltweit produzierten Kunst.

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