Die Sprachstilistin
Von Weihnachtsessen und anderen abgesagten Ritualen – und was wir freundlich dagegen tun können

Rituale wie Weihnachtsfeiern bilden den Kitt einer Unternehmenskultur. Das fällt jetzt (fast) alles weg. Pflegen können wir dagegen den Umgang miteinander.

Odilia Hiller
Odilia Hiller
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Wichtiges Ritual: Bereits zum zweiten Mal fallen Weihnachtsessen aus.

Wichtiges Ritual: Bereits zum zweiten Mal fallen Weihnachtsessen aus.

Bild: Getty

«Die interne Kommunikation ist gut, wenn alle zur Weihnachtsfeier kommen.» Die deutsche Kommunikationsberaterin Ulrike Führmann erzählt in ihrem Blog, wie dieser Satz aus einem Beratungsgespräch sie überraschte. Es war die Antwort auf die Frage, woran gute interne Kommunikation in einer Firma zu erkennen sei.

Dann verstand sie, was gemeint war: Rituale wie Weihnachtsfeiern, Sommerfeste, Teamausflüge oder die feierliche Verabschiedung von Kolleginnen oder Kollegen in den Ruhestand bilden den Kitt einer Unternehmenskultur. Sie vermitteln Wirgefühl, Zusammengehörigkeit und Sicherheit, und sie ermöglichen diese Weisst-du-noch-im-letzten-Jahr-Momente.

Der innere Faden zum Arbeitsplatz

Tauchen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zahlreich oder gar vollzählig auf, ist das ein Zeichen dafür, dass sie gern gratis essen und trinken. Aber es zeugt auch davon, dass der innere Faden, der sie mit ihrem Arbeitsplatz verbindet, noch nicht abgerissen ist. Diese Beziehung intakt zu halten, müsste das Ziel einer guten Unternehmenskultur sein.

Die Pandemie geht nun etlichen liebgewonnenen Ritualen an den Kragen. In vielen Unternehmen fallen die Weihnachtsfeiern zum zweiten Mal in Folge aus.

Der Wegfall könnte schwer wiegen

Manche – und das dürfte ein weiser Entscheid sein – streichen sie nicht ersatzlos, sondern sorgen dafür, dass die Angestellten sich im kleineren Kreis dennoch treffen können. Ob man sich jedoch überall bewusst ist, wie schwer der Wegfall echten sozialen Austauschs in ungezwungenem Rahmen langfristig wiegen könnte? Vielleicht werden es die arbeitspsychologischen Studien der Zukunft zeigen.

Bisher scheint es in vielen Managementetagen vor allem ein Anliegen zu sein, gebetsmühlenartig die unend­lichen, segensreichen Vorteile des Homeoffice aufzuzählen: gesteigerte Effizienz, höhere Konzentration, gleichbleibende oder bessere Performance. Ob es Teil einer wertschätzenden Kommunikation sein könnte, das Arbeiten von zu Hause aus nicht nur schönzureden, sondern öfter einmal die offensichtlichen Nachteile anzusprechen?

Viel wichtiger aber: Welche Rituale bleiben uns, wenn das meiste gestrichen ist, was ansatzweise Freude bereiten könnte?

Wir könnten uns öfter daran erinnern, dass auch unsere Gespräche im Alltag von lauter kleinen Ritualen gespickt sind: Freundliche Begrüssungen und herzliche Abschiedsworte sind die Klammern, die helfen, dass wir uns in einem Austausch wohl und sicher fühlen. Gratulationen und Komplimente die Rosinen, die dem Gegenüber das Gefühl geben, das Verhältnis zum anderen könnte ein intaktes sein.

Ebenfalls weit unterschätzt: öfter mal danke sagen. Oder, wenn nötig, Entschuldigung.

Freundlichkeit ist nichts Altmodisches, Small Talk kein unnützes Beiwerk. Und wie geht es Ihrer Familie?

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