Kino

Die Pokémon kommen: Klein, knuddelig, kaum zu bremsen

Kommen einer Verschwörung auf die Spur: Pikachu und Tim, gespielt von Justice Smith.

Kommen einer Verschwörung auf die Spur: Pikachu und Tim, gespielt von Justice Smith.

Der Hype hat Hollywood erfasst: Nach Games und Cartoons gibt es Pokémon jetzt erstmals auch als Spielfilm. Die Pokémon-Fans kommen auf ihre Rechnung.

Man muss kein Meisterdetektiv sein, um den Plan hinter «Pokémon: Detective Pikachu» zu erschnüffeln. Der erste Kinospielfilm über die kleinen japanischen Taschenmonster soll dort anknüpfen, wo die App «Pokémon Go» vor ein paar Jahren aufgehört hat. Wir erinnern uns: Grosse Menschenmengen versammelten sich auf öffentlichen Plätzen, fixierten ihre Blicke auf ihre Smartphones und hatten nur ein Ziel: das Fangen und Einsammeln von Pokémon.

Über eine Milliarde Mal wurde das Handyspiel seit seiner Lancierung 2016 heruntergeladen. Der Hype um «Pokémon Go» ging um die ganze Welt. Und kam schliesslich in Hollywood an.

Ein Milliarden-Geschäft

150 Millionen Dollar hat die Pokémon Company in Zusammenarbeit mit dem Hollywoodstudio Warner Bros. in den Kinofilm «Pokémon: Detective Pikachu» investiert. Ein stattlicher Betrag, der dem Budget eines mittelgrossen Superheldenfilms entspricht. Und trotzdem ein Klacks.

Denn mit Gesamteinnahmen von über 90 Milliarden Dollar ist Pokémon die weltweit erfolgreichste Unterhaltungsfranchise überhaupt. Sie hat neben unzähligen Merchandising-Produkten und einem beliebten Kartensammelspiel auch Dutzende Computerspiele, eine über 1000-teilige TV-Trickfilmserie sowie 21 in Japan produzierte Animationsfilme hervorgebracht.

Die Kreaturen sind unglaublich süss

Warum ist die ganze Welt verrückt nach Pokémon? Ganz einfach: Die Spielregeln sind unglaublich simpel und die Kreaturen unglaublich süss. Jedes Pokémon ist im Prinzip eine exotische, niedliche Abwandlung eines realen Tieres, ausgestattet mit besonderen Fähigkeiten.

So ist Pikachu, die berühmteste ­Pokémon-Figur, eine gelbe Maus mit einem blitzförmigen Schwanz, das Stromschläge abfeuern kann. Jedes Pokémon-Spiel funktioniert gleich: Als Spieler sammelt man so viele Figuren wie möglich, trainiert ihre Fähigkeiten und lässt sie dann in Schaukämpfen gegen die Pokémon anderer Spieler antreten. Kann jedes Kind.

Eine Krimihandlung unterlegt

104 Filmminuten lassen sich damit aber nur schwerlich füllen. Also liessen sich Regisseur Rob Letterman und das vierköpfige Autorenteam für «Detective Pikachu» etwas Besonderes einfallen: eine Krimihandlung. Der Film beginnt mit dem mysteriösen Verschwinden des Meisterdetektivs Harry Goodman.

Als sich dessen Sohn Tim (gespielt von Justice Smith) auf die Suche nach ihm begibt, kommt er einer Verschwörung auf die Spur, die das friedliche Zusammenleben zwischen Menschen und Pokémon in der Grossstadt Ryme City bedroht. Unterstützung bei seinen Ermittlungen erhält Tim von Pikachu, Harrys ehemaligem Pokémon-Partner, der nun mit einem Gedächtnisverlust ringt. Und von einer aufmüpfigen Jungreporterin (Kathryn Newton), die ihre erste grosse Story wittert.

Ein Film noir in der bunten Poké-Welt – kann das gut gehen? Es kann, dank Ryan Reynolds. Der Hollywoodstar, bekannt für seine Rolle als ganz und gar nicht jugendfreier Superheld Deadpool, leiht Pikachu nicht nur seine unverkennbare Stimme, sondern auch seine Persönlichkeit. Ein Coup.

Reynolds interpretiert auch die gelbe Supermaus als herrlich selbstironischen Quacksalber – mit Blick auf das jüngere Zielpublikum natürlich deutlich zahmer als Deadpool. Seine kecken Sprüche und seine Koffeinsucht, die sich als Running Gag durch die Filmhandlung zieht, verleihen dem ganzen Treiben aber mächtig Pfiff.

Herzerwärmend altmodisch

Erstaunlich ist auch das gemütliche Tempo. Im Vergleich zu anderen Hollywood-Blockbustern nimmt sich «Detective Pikachu» viel Zeit, um die Gefühlswelt der Protagonisten zu ergründen, allen voran Einzelgänger Tim.

Statt von krachenden Actionszenen – den Filmschluss mal ausgenommen – lebt «Detective Pikachu» von einer herzerwärmenden, fast schon altmodischen Sentimentalität, die an 80er-Filmklassiker wie «E. T.» oder «Nummer 5 lebt» erinnert. Was besonders die Eltern von jungen Kinogängern freuen dürfte.

Pokémon-Fans kommen auf ihre Rechnung

Am stärksten auf ihre Kosten kommen aber die Pokémon-Fans selber, denn in der detailverliebten Ausgestaltung der Filmwelt gibt es zahlreiche Anspielungen auf frühere Pokémon-Games und -Cartoons zu entdecken. Ein Spass für alle selbsternannten Meisterdetektive im Kinosaal.

Poké-Novizen dagegen, die einen Bisasam nicht von einem Bisa-flor und einen Glumando nicht von einem Glurak unterscheiden können, verlieren in dieser wirren Welt wohl schnell den Überblick. Egal: Herzig sind sie alle, selbst der grimmige Snubbull.

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