Liverpool
Die neue Beatlemania: Wie Paul McCartney einen Hype ausgelöst hat

Paul McCartney reist zurück zu den Ursprüngen der Beatles – und löst damit einen neuen Rummel um die bedeutendste Popband aus. Wir sind ihm nach Liverpool gefolgt. Dorthin, wo alles begann.

Stefan Künzli aus Liverpool
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Die neue Beatlemania
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Stationen auf dem Weg zum Ruhm: Das ehemalige Haus der McCartneys wird von Fans belagert.
Paul McCartney gibt ein Überraschungskonzert im Philharmonic Pub.
Die Decke des Casbah Coffee Club hat John Lennon gemalt. An der Wand ist seine Silhouette.
Silver Beats: In der Lathom Hall sind John, Paul, George und Stuart Sutcliffe am 14. Mai 1960 aufgetreten.

Die neue Beatlemania

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55 Jahre lang hat sich Paul McCartney nicht mehr an die 20 Forthlin Road getraut. In die ehemalige Sozialwohnung, wo er von 1956 bis 1963 mit seinem Bruder Michael und seinem Vater Jim in bescheidenen Verhältnissen lebte. Für die britische TV-Sendung «Carpool Karaoke» des Moderators James Corden kehrte er zurück in die Vergangenheit. Zu den Ursprüngen der Beatles.

Die Reise führte ihn auch in das Philharmonic Pub, wo Paul und John Lennon oft einkehrten und spielten. Noch am selben Tag gab er dort ein Überraschungskonzert, das hohe Wellen warf. Über 130 Millionen Mal wurde der ebenso berührende wie witzige, 23-minütige Clip aufgerufen und löste im Netz eine veritable Macca-Mania aus. Oldie Paul wurde zum Youtube-Star des Sommers. Den Hype befeuert er zusätzlich mit der Veröffentlichung «Egypt Station», seinem neuen Album voll von frischen, lebendigen Songs.

«Fuh You» vom Album «Egypt Station»:

Beatles-Mekka Mathew Street

In Liverpool ist es leicht, den Spuren des Hypes zu folgen. Die Beatles verfolgen den Besucher in der nordenglischen Hafenstadt auf Schritt und Tritt. Aus den Pubs erklingen rund um die Uhr Hits der Fab Four. Wir residieren im «Hard Days Night», einem Hotel, das sich voll und ganz den Beatles verschrieben hat: Geschichten, Zeitungsartikel, Utensilien an den Wänden und Sound in der Lobby und im Restaurant erinnern an die berühmtesten Söhne von Liverpool.

Gleich nebenan liegt die Mathew Street, wo uns eine lebensgrosse Lennon-Statue empfängt. Die Mathew Street ist das Herz der Liverpooler Musikszene. Eine Musikstrasse, eine britische Version der Beale Street in Memphis, mit Beatles-Laden, Pubs mit Live-Musik und dem berühmten Cavern Club («Most Famous Club in the World») gleich vis-à-vis der Lennon-Statue. Die neueste Attraktion der Strasse ist das «Magical History Museum», ein fünfstöckiges Beatles-Museum, das in diesem Jahr von Raog Best, dem Bruder von Ex-Beatle Pete Best, eröffnet wurde. Unter den über 1200 Erinnerungsstücken findet man auch eine Mundharmonika von John Lennon und die Kriegsmedaille, die er auf dem Cover des «Sergeant Pepper»-Albums trug.

Der Hafen von Liverpool gehörte im 19. Jahrhundert zu den wichtigsten des Landes. Der industrielle Niedergang setzte ihm nach dem Zweiten Weltkrieg zu. Die Albert Docks präsentieren sich heute aber von ihrer besten Seite. Von der lang anhaltenden Krise ist hier nichts mehr zu spüren. Moderne Architektur kontrastiert mit historischen Bauten. Mit Cafés, Souvenirshops und Museen ist das Gebiet heute auch touristisch ausgerichtet. Das grosse Museum «The Beatles Story» lädt jährlich viereinhalb Millionen Besucher zu einer Zeitreise und im Museum of Liverpool lockt aktuell die empfehlenswerte Gratisausstellung «Imagine Peace» über das Leben und Wirken von John Lennon und Yoko Ono.

Auf unserer Tour durch Liverpool spüren wir den Geburtszellen der Beatles nach. Wegweisend war sicher die 20 Forthlin Road. Hier hat Pauls Vater Jim, ein Hobby-Jazzmusiker, seinem talentierten Filius Harmonielehre, Harmoniesingen und Komponieren beigebracht. Hier hat Paul schon im Alter von 16 Jahren den Song «When I’m Sixty-Four» geschrieben und hier hat er mit seinem Kumpel John Lennon Beatles-Songs wie «Love Me Do» und «She Loves You» komponiert.

Die Urzelle der Band

Doch wo haben sich die Beatles gefunden? Wo sind sie zum ersten Mal aufgetreten? Der Cavern Club bezeichnet sich als «Geburtsort der Beatles». Das ist aber höchstens die halbe Wahrheit. Fast 300-mal sind die Fab Four vor ihrem grossen Durchbruch hier aufgetreten, aber bis 1960 war Cavern ein strikter Jazzclub, wo Rock ’n’ Roll nicht geduldet wurde. Ihren ersten Auftritt hatten die Beatles deshalb erst am 9. Februar 1961, nachdem sie von ihrem erfolgreichen Engagement im Hamburger Start-Club zurückgekehrt waren.

Noch vor dem Cavern war die Lathom Hall in Nord-Liverpool eine wichtige Station auf dem Weg zum Ruhm. Der Club galt als Zentrum des sogenannten Mersey-Beat, des Vorläufers der Beat-Musik, und John, Paul, George (alle noch an der Gitarre) traten hier am 14. Mai 1960 mit dem Bassisten Stuart Sutcliffe unter dem Namen Silver Beats auf. Der Auftritt war kurz und wurde kontrovers aufgenommen. Es kam sogar zu einer Schlägerei, in die Sutcliffe verwickelt war. Erst danach änderten sie den Bandnamen zu Silver Beatles und The Beatles.

Silver Beats: In der Lathom Hall sind John, Paul, George und Stuart Sutcliffe am 14. Mai 1960 aufgetreten.

Silver Beats: In der Lathom Hall sind John, Paul, George und Stuart Sutcliffe am 14. Mai 1960 aufgetreten.

Paul McCartney ortet die Urzelle der Beatles noch früher: Im Casbah Coffee Club, einem Kellerlokal im Wohnhaus der Familie Best. Hier, knapp sechs Kilometer vom Zentrum entfernt, haben The Quarrymen mit John, Paul, George sowie Ken Brown, einem weiteren Gitarristen, den Club am 29. August 1959 eröffnet. Und hier haben sie auch den ersten Schlagzeuger und fünften Beatle, Pete Best, kennen gelernt, der 1962 durch Ringo Starr ersetzt wurde. «Der Casbah Coffee Club ist der Ort, wo alles begann», sagt McCartney. Den Auftritt musste sich die Band aber durch Malerarbeiten verdienen. Noch heute zieren Spinnen, Sterne und eine Silhouette von Lennon die Wände und Decke des Clubs. Es ist die Handschrift von Paul, John und George.

Liverpool ist ein einziges Beatles-Museum. Die Fab Four sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, eine Industrie, die pro Jahr mehr als 100 Millionen Pfund umsetzt. Die Beatles gehören zum Alltag und prägen ihn, sie sind gegenwärtig. Es ist die ewige Beatles-Mania.

Beatles-Hype auch in der Schweiz

«Let It Be» – A Celebration of the Music Of The Beatles

6.–11. 11. Musical Theater Basel und 13.–18. 11. Zürich Theater 11.

Es gibt unzählige Beatles-Coverbands und Beatles-Shows, «Let It Be» gehört aber sicher zu den besten und erfolgreichsten. Mehr als zwei Millionen Menschen haben die Show am Broadway in New York und im Londoner West End gesehen, jetzt kommt sie auch in die Schweiz.

Die Show ist zweiteilig. Im ersten Teil werden Hits wie «She Loves You», «Yesterday» oder «Help!» aus allen Schaffensperioden der Fab Four erstaunlich originalgetreu und in authentischer Live-Atmosphäre präsentiert. Gut die Hälfte des Repertoires stammt von der Zeit nach 1966. Von Singles und den Alben «St. Pepper», «Abbey Road», «White Album» und «Let It Be», die die Beatles selbst nie Live spielten, weil sie im Studio aufwendig und raffiniert produziert wurden und von den Beatles als nicht bühnentauglich eingestuft wurden.

Im zweiten Teil der Show geht ein Traum vieler Fans in Erfüllung. Am 40. Geburtstag von John Lennon, am 9. Oktober 1980 (zwei Monate vor seiner Ermordung), kommt es zu einem imaginären Reunion-Konzert. Neben Beatles-Klassikern wie «Hey Jude», «Let It Be» und «While My Guitar Gently Wheeps» werden Solo-Hits der vier (je drei von John und Paul, zwei von George und einer von Ringo) erstmals in der Beatles-Besetzung gespielt.

«The Beatles – 50 Jahre «The White Album»

Theater Rigiblick Zürich

Im November vor 50 Jahren erschien das berühmte «White Album». Eine Doppel-LP mit Songs, von denen die meisten während des Indien-Trips komponiert wurden. Bei den Aufnahmen machten sich erstmals künstlerische und menschliche Differenzen bemerkbar. Das Album ist denn auch kein Gemeinschaftswerk, sondern eine Aneinanderreihung von Songs der einzelnen Bandmitglieder. Trotzdem gilt es als eines der besten Beatles-Alben mit einer nie erreichten Stilbreite.

Psychedelische Sounds (Glass Onion, Piggies, Long Long Long) stehen neben Rock ’n’ Roll (Back in the USSR), Blues (Yer Blues, Revolution 1), Country (Rocky Raccoon), Folk (Blackbird, Mother Nature’s Son). Polkas (Ob-La-Di, Ob-La-Da) und Balladen kontrastieren mit Progressive Rock (Happiness Is A Warm Gun), Hard Rock (Helter Skelter) und avantgardistischen Toncollagen (Revolution 9).

Das Theater Rigiblick bringt die musikalischen Glanzpunkte und Kontroversen mit Schauspieler Stefan Gubser, Moderator Daniel Rohr und neuen Arrangements des musikalischen Leiters Tobias Schwab auf die Bühne.

Die ersten Vorstellungen sind schon ausverkauft. Tickets sind noch für den 4./5. Oktober, 1. und 22. November erhältlich. (sk)

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