Gibt es ein Schweizer Theater? Alles, was in der Schweiz spielt, ist Schweizer Theater – und ist es auch nicht. Weder gibt es ein historisch gewachsenes Nationaltheater noch einen bestimmten Schweizer Theaterstil. Und zum Beispiel am Theater Basel ist der Intendant ein Deutscher, der lange in Österreich arbeitete und nun ein national gut durchmischtes Team führt.

Das Schweizer Theater zeichnet sich gerade dadurch aus, dass es als Einheit überhaupt nicht existiert, sondern im Gegenteil so vielfältig ist, wie in fast keinem anderen Land. Die vier Sprach- und Kulturregionen führen zu vier Theaterregionen. Innerhalb dieser Regionen lassen sich gewisse Tendenzen und Spezialitäten feststellen – obschon auch diese ihre je eigene Vielfalt aufweisen.

Kein Schwindel

Vielfältig sind wir. Doch das nützt uns wenig, denn wir interessieren uns merkwürdig wenig füreinander. Viel eher fliegt ein Deutschschweizer nach Berlin, um sich das Neuste an der Volksbühne anzuschauen, als dass er den Zug nach Lausanne bestiege, um ein Stück im Vidy zu sehen. Die Schweizer Theater sind wie Atomkerne, die sich abstossen. Das jeweils gleichsprachige Ausland zieht sie dagegen an.

Trotzdem versucht ein Schweizer Theatertreffen nun zum dritten Mal die Kernfusion der verschiedensten Theaterregionen. Nach zwei Ausgaben in Winterthur wird die Szene, Profis und Zuschauer, ab heute erstmals in Genf zusammengetrommelt. Eine Jury hat – aus 200 gesichteten – sieben herausragende Schauspielproduktionen aus allen Landesteilen eingeladen, auf dass die Westschweizer vor Ort Deutschschweizer Theater erfahren können – und Deutschschweizer hingehen, um ein Best of aus der Westschweiz, dem Tessin und Graubünden zu entdecken. Sämtliche Vorstellungen werden zwecks Überwindung der Sprachbarriere übertitelt – in Englisch und in der jeweils anderen Landessprache.

«Ein grosser Schwindel», betitelt Daniele Muscionico ihren Artikel zum nationalen Theatertreffen. Denn das Schweizer Theater sei tot, ja, es habe nie gelebt. Die Kollegin ist Jurorin an eben diesem Theatertreffen, dessen Sinn sie – wohl augenzwinkernd – bezweifelt. Gott ist ja auch tot – und doch ist er nicht ganz unwichtig.

Kommt langsam zusammen

«Theater ist immer polyfon», betont Andreas Beck, Intendant am Theater Basel. Doch «in Zeiten der Diversität» könne gerade das ein Vorteil sein: «Unterschiedliche, polarisierende Theatersysteme können aufeinandertreffen und einander ergänzen.» Das Schweizer Theatertreffen erinnere ihn stark an die Ursprünge dessen grossen Vorbilds, an das Berliner Theatertreffen. Vor über 50 Jahren sei es gegründet worden, weil die grossen Intendanten nur an ihren jeweiligen Häusern, in ihren Städten inszeniert haben. Und so bot das Festival einmal im Jahr die Gelegenheit, an einem Ort sehr Unterschiedliches zu sehen.

Claudia Rosiny, beim Bundesamt für Kultur (BAK) zuständig für Tanz und Theater, sagt es ähnlich: «Es gibt kein Schweizer Theater, aber es lohnt sich, es in dieser Vielsprachigkeit anzuschauen, dafür die verschiedenen Spieler zusammenzubringen.» Und Daniel Imboden, Leiter Theaterförderung bei der Stadt Zürich, kennt beides sehr gut, das welsche und das Deutschschweizer Theater; er spricht von «einer Welt, die es gegenseitig zu entdecken gäbe». Trotzdem ist er etwas skeptisch, ob das Zusammenschweissen der Regionen so «top down» funktionieren kann. Er glaubt vielmehr an «eine Bewegung von unten», etwa an den Hochschulen, wo sich dank mehr überregionalen Kooperationen – vor allem einer Zusammenlegung der Tanzausbildung – mehr Leute über die Sprachgrenzen hinweg kennenlernen.

Mehr Freie im Westen

Sandrine Kuster, die Präsidentin des Vereins Schweizer Theatertreffen, weist auf eine weitere Spezialität des Festivals hin: Theaterinstitutionen und freie Gruppen kommen gleichwertig vor. Dabei ist es kein Zufall, dass aus der Deutschschweiz vor allem Inszenierungen aus grossen Häusern eingeladen sind, aus der Westschweiz vor allem solche freier Gruppen. In der Westschweiz stünden diesen viel mehr Gelder zur Verfügung, sagt Imboden, es seien weniger an grosse Häuser gebunden. So fördern zwei Systeme zwei Produktionsweisen. Dadurch auch Stile: Freie Gruppen – und immer mehr bildeten sich ad hoc, nach neuen Formen suchend – experimentieren stärker. An den Stadttheatern würden weiterhin eher das Repertoire und der klassische Ansatz gepflegt, beobachtet Imboden.

Vergibt das BAK am Festival derzeit zu viele Preise, sodass qualifizierte Anwärter bald ausgehen? Gibt es gute Programme, um den Austausch diverser Theaterschaffender während des Festivals zu fördern? Das Theatertreffen ist noch jung und muss seine ideale Form noch finden. Was es bereits biete: Blicke über den Röstigraben – und all die anderen Gräben. Pourquoi pas?