Jazz und Pop
Die Allerbeste: «First Lady of Jazz» Ella Fitzgerald ist vor 100 Jahren geboren

Bis heute ist Ella Fitzgerald der Massstab für alle Sängerinnen aus Jazz und Pop. «Stimme des Jazz», «First Lady of Jazz» und «Queen of Jazz» wurde sie genannt.

Stefan Künzli
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Sie sang so, wie sie sich fühlte: Ella Fitzgerald 1968 an einem Konzert im Kongresshaus in Zürich. Keystone

Sie sang so, wie sie sich fühlte: Ella Fitzgerald 1968 an einem Konzert im Kongresshaus in Zürich. Keystone

KEYSTONE

Heute noch, 100 Jahre nach ihrer Geburt am 25. April 1917, fällt der Name Ella Fitzgerald zuerst, wenn es um den weiblichen Jazzgesang geht. Noch vor Billie Holiday und Sarah Vaughan, den anderen beiden prägenden Sängerinnen des Jazz. Musiker, Sänger, Kritiker und Hörer geraten ins Schwärmen.

Kein Wunder: Ellas Tonumfang umfasste über drei Oktaven, mehr als die meisten Opernsängerinnen beherrschen. «Ella konnte von den höchsten Registern in die tiefsten Lagen wechseln. Dabei trifft sie haargenau den Ton», schreibt der Jazzpublizist Rainer Nolden. Ihre Phrasierung, ihre Intonation, ihr untrügliches Timing, rhythmisches Gespür, ihr unendlicher Einfallsreichtum sowie ihre Improvisationsgabe waren schlicht phänomenal und ihre Gestaltungsmittel unerschöpflich: «Ihre Stimme kann in den Höhenlagen glasklar und voll kindlicher Naivität sein, sie verfügt über eine volltönende, warme Mittellage und einen samtigen Bass, der bis zum heiseren Krächzen reicht», schreibt der Jazz-Publizist Will Friedwald.

Ella war die Ausnahmeerscheinung im Jazz: zuverlässig wie kaum eine andere und bekannt für ihre eiserne Disziplin. «Sie hat keine schlechten Angewohnheiten», beschrieb sie einst der Pianist Jimmy Rowles, «sie raucht nicht, trinkt nicht, liebt aber gutes Essen. Sie kommt nie spät.» Alle mochten sie. Trotz ihres weltweiten Erfolgs blieb sie bescheiden, eine aufrichtige, gute Seele ohne Starallüren. «Sie gehörte zu den anständigen Leuten in diesem Geschäft», sagte der Produzent John Hammond.

Von Zweifeln getrieben

Und doch kontrastierte die Sicherheit ihrer Auftritte, die perfekte Schale mit ihren eigenen Zweifeln. Ella Fitzgerald war getrieben von der Angst, Anerkennung zu verlieren und es dem Publikum nicht mehr recht zu machen. Sie war äusserst sensibel und mit negativer Kritik konnte sie schlecht umgehen. Umgekehrt war sie immer wieder erstaunt über ihre Bedeutung. «Ella hat niemals das Ausmass ihres Ruhmes oder die Grösse ihres Talentes in vollem Masse erkannt», sagte der Jazz-Publizist Leonard Feather.

Für die in der Schweiz lebende Sängerin Brandy Butler ist Ella «die Beste». «Sie hat den musikalischen Massstab gesetzt», sagt sie. Sie ist mein Antrieb, «dass ich noch besser werden kann». Auch für die Jazzsängerin Lisette Spinnler, die am Jazzcampus in Basel unterrichtet, ist Ella Fitzgerald auch heute noch die erste Adresse. Ihren Gesangsstudentinnen empfiehlt sie die Auseinandersetzung mit Ella, «um sich selbst zu finden». Ihre überragende Musikalität ist nicht verjährt, ist nie altmodisch oder verstaubt. «Gradmesser» und «Inspirationsquelle» ist Ella auch für die Sängerin Brigitte Wullimann von Pepe Lienhard. «Wenn ich einen neuen Standard einstudiere, höre ich immer eine Version von Ella», sagt sie.

Cyrille Aimée (32) Die französische Sängerin hat dominikanische Wurzeln und lebt heute in New York. Sie hat nicht das stimmliche Potenzial, besticht aber mit einer Leichtigkeit, die an Ella erinnert. 2007 gewann sie den Publikumspreis beim Montreux Jazz Festival und nahm hier ihr Debüt auf. Am 2. Mai im Q4 in Rheinfelden.
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Lizz Wright (36) «Ellas Stimme ist mit Honig vergleichbar», schrieb der Jazzpublizist Leonard Feather. Die amerikanische Sängerin Lizz Wright, die zwischen Soul, Pop und Jazz pendelt, bezieht sich mit ihrer samtenen Honigstimme und geschmeidigen Phrasierung auf die grosse Ella Fitzgerald.
Lianne La Havas (27) Die britische Sängerin Lianne La Havas kommt aus der Folk- und Soul-Ecke und ist wohl jene Sängerin der aktuellen Popszene, die dem Level von Ella Fitzgerald am nächsten kommt. Sie singt unglaublich dynamisch, sanft und kräftig, geschmeidig und leicht. Yes! Ella würde sie lieben!
Cécile McLorin Salvant (27) Die Amerikanerin mit französisch-antillischen Wurzeln wird heute als die neue Ella Fitzgerald gefeiert. Die Grammy-Gewinnerin von 2016 ist stark mit der Tradition verbunden und verfügt wie Ella über ein unerschöpfliches Reservoir an Ausdrucksmitteln. Jede einzelne Note wird gestaltet und erhält eine eigene Färbung.
Brandy Butler (36) Die in der Schweiz lebende Amerikanerin Brandy Butler fühlt sich musikalisch und menschlich mit Ella Fitzgerald verbunden. Sie gehört zu den besten Sängerinnen in der Schweiz und ist in den verschiedensten Genres zu Hause. Anfang Jahr hat sie das bemerkenswerte Solo-Debüt «The Inventory of Goodbye» veröffentlicht.

Cyrille Aimée (32) Die französische Sängerin hat dominikanische Wurzeln und lebt heute in New York. Sie hat nicht das stimmliche Potenzial, besticht aber mit einer Leichtigkeit, die an Ella erinnert. 2007 gewann sie den Publikumspreis beim Montreux Jazz Festival und nahm hier ihr Debüt auf. Am 2. Mai im Q4 in Rheinfelden.

Doch heute berufen sich mehr Sängerinnen auf Billie Holiday. «Ella hat die Messlatte so hoch gesetzt, dass es nur wenige wagen, sich in ihren Spuren zu bewegen», sagt Brandy Butler. Am ehesten Dee Dee Bridgewater (66), die Fitzgerald schon ein Jahr nach ihrem Tod das Tribute-Album «Dear Ella» (1997) widmete, die ebenfalls 66-jährige Patti Austin («For Ella», 2002) sowie Dianne Reeves (60), die am 31. März im Library of Congress in Washington mit dem Konzert «Dianne Reeves Sings Ella» die offiziellen Geburtstagsfeiern zu Ehren der Jubilarin einläutete. Doch alle drei sind gestandene Jazzsängerinnen. Hinter ihnen klafft eine Lücke, die erst jetzt allmählich mit jüngeren Sängerinnen wie Cécile McLorin Salvant, Cyrille Aimée und Lizz Wright geschlossen wird (siehe Spalte rechts).

Ella Fitzgerald war die «Queen of Jazz», hat improvisiert und den Scat-Gesang, diesen spontanen Nonsense-Gesang, perfektioniert. Sie war aber auch die «Queen of Song». Eine Sängerin, die sich in der Schatzkiste des «Great American Songbook» bediente und selbst die trivialsten amerikanischen Schlager, populäre Songs des Rhythm and Blues wie auch der Beatles auf ihre unnachahmliche Weise interpretierte und in kleine Kunstwerke verwandelte.

«Ich stehle alles, was immer ich auch höre», sagte sie einmal. Ella hat sich immer auch als Unterhaltungs-Künstlerin mit grossem Pop-Appeal gesehen. Brandy Butler ist deshalb überzeugt, dass ihr Idol den Standard nicht nur für den Jazz gesetzt hat, sondern «mit ihrer unglaublichen stimmlichen Flexibilität und Dynamik jedes Genre bis heute beeinflusst». Ella Fitzgerald wechselte nie vom Jazz zum Pop, stand aber stets gleichzeitig mit einem Bein auf jeder Seite.

Die pure Freude

Trotzdem berufen sich nur wenige Popsängerinnen auf Ella. Christina Aguilera hat sie im Album «Back to Basics» gewürdigt. Und in der Art, wie sie ihre Stimme verwendet, kommt die britische Sängerin Lianne La Havas Ella am nächsten. Ansonsten bleibt es bei durchzogenen Annäherungsversuchen. Immerhin hat ihr die französische Popsängerin France Gall mit dem Song «Ella, elle l’a» (1987, also noch zu Lebzeiten) ein klingendes Denkmal gesetzt. Darin werden nicht ihre musikalischen Qualitäten hervorgehoben. Der Song hat nichts mit Jazz, Improvisation oder Swing zu tun. Stattdessen lobt er ihre Ausstrahlung: «Ella, sie hat’s, dieses gewisse Etwas, das die anderen nicht haben. Sie hat diesen unbeschreibbaren Charme, dieses kleine Feuer.»

Das streicht auch Lisette Spinnler hervor. «Ella strahlte eine Freude aus», «eine unverbrauchte Frische und sprudelnde Energie». Diese «kindliche Verspieltheit» fasziniert und inspiriert auch Brandy Butler: «Ella erinnert mich daran, mit Freude auf die Bühne zu gehen und zu singen. Und selbst dann zu lachen, wenn es mal nicht so gut geht wie erwartet – und einfach mit Freude weiterzumachen».

Im Gegensatz zu Billie Holiday hatten die Lieder bei Ella nie autobiografische Bezüge. Sie hat sich auch nie als explizit schwarze Sängerin verstanden. Sie wurde von allen geliebt. «Ich singe so, wie ich mich fühle. Deshalb singe ich happy Jazz», hat sie einmal gesagt. Ella, die Stimme des Lichts.

Neue Alben zum 100. Geburtstag

Ella Fitzgerald: 100 Songs For A Centennial
Sängerinnen waren in den 30er-Jahren meist nur schmückendes Anhängsel der Big Bands. Das änderte sich mit Ella Fitzgerald. Sie trug entscheidend zur Emanzipation des Jazz-Gesangs bei. In der Band ihres Förderers Chick Webb, wo sie von 1936 bis 1941 sang, war sie der Star und spielte die Hauptrolle. Diese frühe Phase wird in der neu zusammengestellten 4-CD-Box «100 Songs For A Centennial» ebenso präsentiert wie die 16 Jahre beim Label Verve von Impresario Norman Granz. Tendierten die frühen Aufnahmen mehr zum amerikanischen Schlager, so zeigen die Verve-Jahre die Jazzsängerin in ihrem Höhepunkt. In dieser Zeit perfektionierte sie auch den Scatgesang und leistete damit auch einen wesentlichen Beitrag zum Modern Jazz.

Ella Fitzgerald Sings The George and Ira Gershwin Songbooks (1959; Limited LP-Edition)
1956 begann Ella Fitzgerald mit dem ehrgeizigen «Songbook»-Projekt, das ihr den Titel «Queen of Song» einbrachte: Auf bis zu fünf Platten interpretierte sie das Werk von Komponisten wie Cole Porter, Irving Berlin und Duke Ellington. Die umfangreichste Kollektion widmete sie den Brüdern George und Ira Gershwin. 53 Songs wurden auf fünf Platten veröffentlicht. Zum 100. Geburtstag erscheint eine neu gemasterte, limitierte Edition auf sechs LPs (erscheint nächstens).

Cheek To Cheek: The Complete Ella & Louis Duets
Die Jazz-Superstars Fitzgerald und Armstrong wurden immer wieder zusammen ins Studio gerufen, zum ersten Mal 1956. Da konnte nichts schiefgehen. Reizvoll ist vor allem der Kontrast zwischen Ellas sanfter, schmeichelnder Stimme und Louis’ rauem, kratzigen Bass. Zum ersten Mal werden alle Duette in einer 4-CD-Box zusammengefasst (erscheint in der zweiten Jahreshälfte).