Theater
«Der Verdingbub» am Konzert Theater Bern: Grosses Kino ist das nicht

«Der Verdingbub» war ein Kinorenner. Film- und Theaterregisseurin Sabine Boss («Der Goalie bin ig») inszeniert die Filmvorlage am Konzert Theater Bern leider viel zu mutlos

Julia Stephan
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«Der Verdingbub»: Jürg Wisbach, Andreas Matti, Miriam Strübel, Nico Delpy, Jonathan Loosli, Irina Wrona am Konzert Theater Bern.

«Der Verdingbub»: Jürg Wisbach, Andreas Matti, Miriam Strübel, Nico Delpy, Jonathan Loosli, Irina Wrona am Konzert Theater Bern.

christian kleiner, nationaltheat

Die staatliche Fremdplatzierung von Kindern und andere fürsorgerische Zwangsmassnahmen füllen ein trauriges Kapitel Schweizergeschichte. Die Zwangsarbeit auf Bauernhöfen fällt ebenso darunter wie Zwangssterilisation und Freiheitsentzug. Eine Realität, die bis in die 1980er-Jahre andauerte. Geschätzte 20 000 Menschen müssen heute mit den Folgen des Missbrauchs leben.

Markus Imbodens kammerspielartiges Filmdrama «Der Verdingbub» (2011) über den kleinen Max, der auf einer Alp zum Sündenbock und Lastesel einer Bauernfamilie wird, hatte Hunderttausende Kinogänger für dieses Thema sensibilisiert.

Das Drehbuch von Plinio Bachmann ist wie geschaffen für die Bühne: Schuld trifft auf Sühne, Gewalt auf Gegengewalt. Eine Dorfgemeinschaft, durch selbstsüchtige Interessen miteinander verbandelt, macht sich schuldig, weil sie ein System am Laufen hält, von dem jeder profitiert – nur nicht die Kinder. Verdingbub Max hält einzig der Traum von einer Karriere als Handörgelispieler in Argentinien am Leben. Viel ist das nicht. Aber es reicht für ein Happy End.

Traut dem Theater nicht

Sabine Boss hat mit der Literaturverfilmung «Der Goalie bin ig» selbst einen Schweizer Kinohit gelandet. Am Stadttheater Bern bringt sie jetzt Imbodens «Verdingbub» auf die Bühne. Theatererfahrung bringt sie mit, Sensibilität fürs Geschichtenerzählen auch. Doch ihre Inszenierung traut dem Theater nicht über den Weg.

In quälenden zwei Stunden spielen die Figuren auf einer Drehbühne mit Blockhaus im Einklang mit dem fast unveränderten Filmdrehbuch. Geschwiegen wird im Film mit Close-ups auf verhärmte Gesichter. Auf der Bühne verpufft der Effekt. Wo Potenzial zur Charaktervertiefung wäre, verlesen die Schauspieler Szenebeschreibungen wie aus einem Drehbuchskript. Die rufen Filmbilder hervor, erschaffen aber keine neuen.

Dass Grazia Pergoletti in ihrer Rolle als Bäuerin Bösiger aussieht und sich gebärdet wie Katja Riemann im Film und dieser Darstellernaturalismus von der Regie offensichtlich gewollt war, macht den Abend nicht besser. Einzig Miriam Strübel, die schon in der Bühnenfassung von Silvia Tschuis Bestsellerroman «Jakobs Ross» am Neumarkt-Theater überzeugend die Magd Elsie verkörperte, schneidet dem braven Verdingmeitli Berteli die Zöpfe ab, spielt sie schroffer, selbstbewusster, verruchter.

Was möglich wäre

Auf das Wagnis einer Aktualisierung oder auf die irre Macht von Max’ Fantasie hätte man setzen müssen, anstatt den bäuerlichen Alltag aus dem Film zu replizieren. Max’ Fantasie, die von argentinischen Gauchos träumt und von Heugabeln aus Silber. Sobald Max (Nico Delpy) sein Handörgeli aus dem Kasten zieht, und der Akkordeonist Nermin Tulic am Bühnenrand aufspielt, ahnt man, was alles hätte möglich werden können mit diesem Stoff.