Nachruf

Der originellste Aarauer Stadtchronist ist nicht mehr: Eduard «Düdül »Steiner stirbt mit 88 Jahren

Er war eine eindrückliche Erscheinung mit Rauschebart: Eduard Steiner an seinem  80. Geburtstag.

Er war eine eindrückliche Erscheinung mit Rauschebart: Eduard Steiner an seinem 80. Geburtstag.

Eduard «Düdül» Steiner ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Die Stadt Aarau sollte ihm ein Denkmal schenken, findet der Autor und künstlerische Weggefährte Wolfgang Bortlik.

Eduard Steiner, genannt Düdül, war unübersehbar. Eine stattliche Erscheinung, viel Bart, viel Haar, ein Künstler halt. Ich wollte als Kantonsschüler in Aarau nichts anderes werden. Denn die Künstler sassen tagsüber am runden Tisch in der Brötlibar des Affenkastens, diskutierten und liessen es sich gut gehen.

Ein paar Jahre später gründeten die Aarauer Anarchisten eine Zeitschrift, den legendären «Alpenzeiger». Er wurde auf einer Kleinoffsetmaschine gedruckt. Düdül schuf das Titelblatt und die Rückseite, in seinem unvergleichlichen, radikal unmodernen Stil. Auf Selbstbeschriftungsmatritzen zeichnete er direkt seine allegorischen Bildergeschichten. Ja, Düdül brachte Kultur in den «Alpenzeiger». Er setzte unserem voranstürmenden politischen Leichtsinn die Reflexion und den Bedacht der Historie entgegen. Selbstverständlich war Düdül auch ein Linker, ein Vertreter der Unordnung, des Utopischen, Verschlauften und Gefransten.

Nicht für den seriösen Literaturbetrieb gemacht

1932 im Berner Oberland geboren, bezeichnete er sich als «historisches Schlusslicht der ehedem bedeutsamen Aarauer Lithografengilde». Er hatte das Handwerk gelernt und liess sich dann zum Grafiker ausbilden. Unter anderem zeichnete er Wein- und Schnapsetiketten und schuf so einen Wodka Bölkoff, nach meinem in Aarau gebräuchlichen Übernamen Bölke. Da war ich wirklich stolz. Aber Düdül malte auch in Öl, seine gewaltigen Gemälde zeigte etwa das Kunstmuseum Olten anno 2010. Als das damalige «Aargauer Tagblatt» in einer Besprechung spottete, dass der «Alpenzeiger» Comicfiguren nur klauen (subversive Entwendung!) würde, statt selbst welche zu schaffen, machte sich Düdül ans Werk und erfand die Ur-Liberalen Jean und Jacques Schrey, deren Abenteuer er in wohlgesetzten, hochkomischen Versen und Reimen später auch in Büchern erzählte. Denn Düdül war ein grossartiger Dichter, einer, der alles kannte, aber keiner für den seriösen offiziellen Literaturbetrieb.

Legendär waren Düdüls Zeichnungen für den «Alpenzeiger». Hier sein Kommentar zum Konkurs des Immobilienkonzerns Horta AG, der auch die Aarauer Telli-Überbauung gebaut hat.

Legendär waren Düdüls Zeichnungen für den «Alpenzeiger». Hier sein Kommentar zum Konkurs des Immobilienkonzerns Horta AG, der auch die Aarauer Telli-Überbauung gebaut hat.

Neben unzähligen wunderbaren Geburtsanzeigen, Veranstaltungsplakaten, Flugblättern und ähnlicher «Gebrauchsgrafik» gibt es drei Bücher von Düdül, die einst im Comicverlag Edition Moderne erschienen sind: «Das Liberalbum», «Das verbesserte Liberalbum» und «Der Flügelläufer». Diese epischen Verse und Geschichten sprengen jeden Rahmen: Mischwesen, keltische Göttinnen, die Speuzer Fasnacht, Stiefmütterchen, Freiheit, Gleichheit, all das wirbelt der Leserschaft entgegen. Grosse Kunst. Düdüls Thema war der Liberalismus, vom wüsten Revoluzzertum und dem Aufstellen von Freiheitsbäumen hin zum Wirtschaftsfreisinn des späten 20. Jahrhunderts. Da war er in Aarau gerade richtig. Dort zog er dann mit seiner Frau Elli und Kind und Kegel um, vom Schachen in den Scheibenschachen.

Silvester-Sketch «Dinner for One» illustriert

2005 illustrierte Düdül noch die schweizerdeutsche Ausgabe des berühmten Silvester-Sketches «Dinner For One». Pedro Lenz hatte ins Bernische übersetzt und Düdül steuerte seine barocken Zeichnungen bei.

Nun ist er mit 88 Jahren gestorben. Ich finde, dass die Stadt Aarau ihm in irgendeiner Form ein Denkmal spendieren sollte. Ich jedenfalls neige mich in Trauer und Verehrung und bin dankbar für all seine wunderbaren Sachen.

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