Musiktheater
Der Krieg und die Kinder

«Das grosse Heft» ist eine musikalische Performance nach Ágota Kristófs Antikriegsroman.

Flavia Bonanomi
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Irina Ungureanu und Vera Kardos treten als Zwillinge auf. Sie trotzen dem Krieg, indem sie sich körperlich und seelisch abhärten.Christian Kuntner

Irina Ungureanu und Vera Kardos treten als Zwillinge auf. Sie trotzen dem Krieg, indem sie sich körperlich und seelisch abhärten.Christian Kuntner

Was macht der Krieg mit Kindern? Es ist eine bedrückend aktuelle Frage, der sich «Das grosse Heft» von Ágota Kristóf (1935–2011) annimmt. Bereits 1986 veröffentlicht unter dem Titel «Le grand cahier», erzählt das Buch von Zwillingen, ihrem Leben und vom Überleben in Zeiten des Krieges. In mehrerlei Hinsicht spiegelt es Erfahrungen der Autorin selbst: In den Zweiten Weltkrieg hinein geboren, flieht sie nach dem Ungarischen Volksaufstand 1956 in die Schweiz, nach Neuenburg. Sie arbeitet, lernt Französisch und schreibt Bücher.

«Das grosse Heft» wird ihr grösster Erfolg bleiben. Die hautnahen, unbarmherzigen Schilderungen von Zwillingen, die im Alter von neun Jahren bei ihrer Grossmutter abgegeben werden und fortan bei dieser Frau leben, die sie «Hundesöhne» nennt, sind, wenn nicht noch vieles sonst, in erster Linie eindrücklich: Sie sind streng mit sich selbst. Sie fügen sich Schmerzen zu, damit es nicht so wehtut, wenn andere sie verprügeln. Penibel setzen sie ihre «Studien» fort, und weil sie nur zwei Jahre zur Schule gegangen sind, unterrichten sie sich selbst. Nur Gefühllosigkeit ist gut und wahr. Darum sind auch nur Aufsätze, die keine ungenauen Wörter wie «lieben» enthalten, gut genug fürs grosse Heft. Die restlichen landen im Feuer.

Rascheln, Klirren und Seufzen

Dieses Buch bringt Collectif barbare nun auf die Bühne. Zusammengesetzt aus professionellen MusikerInnen, PerformerInnen und multimedialen KünstlerInnen aus mehreren Kantonen, untersucht das Künstlerkollektiv unter der Leitung von Astride Schlaefli, welche Qualität die von uns erschaffene Zivilisation für die in ihr beheimateten Individuen haben kann; was ist ihre Funktion, und wie beeinflusst sie den Menschen? Wie kommt es zu Gewalt?

Es scheint zuerst einmal Dunkelheit, die das Publikum erwartet. Die Inszenierung des Romans will sich vor allem an die Empfindungen des Zuschauers richten. Musiktheater, das heisst nicht nur, dass die beiden Interpretinnen Vera Kardos und Irina Ungureanu mit Violine und Stimme nachahmen, was für die Kinder im Roman die Aufsatzstunde war. Sondern auch, dass es immer irgendwo raschelt, keucht, klirrt und surrt, seufzt und wimmert. Und dass man manchmal nicht sieht, was passiert, sondern nur hört. Auch mit dem Tonband arbeitet Regisseurin Astride Schlaefli intensiv: Der Text von «Das grosse Heft» wird von einer Kinderstimme vorgelesen, «gekürzt, aber nicht verändert», wie Fabienne Naegeli, ebenfalls Mitglied des Collectif barbare, mehrmals betont.

Stellvertreter der Gewalt

Die Gewalt, der das Collectif barbare auf den Grund zu gehen versucht, soll auf der Bühne keinen Platz finden. Es sind andere Aspekte, die das Künstlerkollektiv aufnimmt: die Diskrepanz zwischen dem unbeschwerten Kinderleben und der Unmöglichkeit, wirklich Kind zu sein. Jedes Spiel, das die Zwillinge spielen, jedes Abenteuer, das sie erleben, widerspiegelt die Grausamkeit ihrer Umgebung und der Zeit, in der sie aufwachsen. Und auch die Art, wie sie mit genau dieser Grausamkeit umgehen: Kalt, in kargen Worten erzählen sie ihre Geschichte, als wäre es das Normalste der Welt. Eine Sturheit, die nur Kinder an den Tag legen können – und die die Interpretinnen Vera Kardos und Irina Ungureanu vor die Herausforderung stellt, bei jeder kleinen Tätigkeit höchst konzentriert auszusehen; ob sie ihren Puppen neue Kleider anziehen oder einander die Noten für den Violinen- und Gesangsunterricht auf die Wandtafel malen. Einige Tage vor der Premiere ist noch unklar, welches Licht nun wann genau aufleuchten soll. Die Schauspielerinnen übernehmen nämlich einen grossen Teil dieser Arbeit selbst. Doch schon heute wird klar: «Das grosse Heft» wird auch ein Spiel mit Licht und Schatten.

Wer sagt, was zivilisiert sei und was nicht? Wer schreibt die Regeln für unsere Gesellschaft? Collectif barbare ergründet die Begriffe Vernunft, Moral und Zivilisation mit musikalischen und theatralen Mitteln. Mit Musik von Béla Bartók und György Kurták sowie Fragmenten ungarischer Volksmusik zeigt das Kollektiv das Unsagbare.

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