Andere sind bedeutender: Louis Armstrong, Duke Ellington, Miles Davis oder John Coltrane haben die Jazzgeschichte mehr geprägt. Aber Dave Brubeck war mindestens so populär. Sein Album «Time Out» aus dem Jahr 1959 ist ein veritabler Longseller. Millionenfach verkauft, gehört es zu den kommerziell erfolgreichsten Alben des Jazz. Erst recht der Evergreen «Take Five», der ein Welthit wurde und damals Platz 2 der amerikanischen Pop-Charts erreichte.
Der Erfolg von «Take Five» ist umso erstaunlicher, als das Stück im gewöhnungsbedürftigen 5/4-Takt geschrieben wurde. Diese ungeraden, ungewohnten Metren wurden denn auch zu einem Markenzeichen von Brubeck, obwohl «Take Five» ja eigentlich nicht von Brubeck, sondern von seinem langjährigen Altsaxofonisten Paul Desmond stammt. Ein weiterer Hit von Brubeck, «Blue Rondo A La Turk», ist sogar im 9/8-Takt geschrieben.

Der Mann mit den Pranken

Fritz Renold, der künstlerische Leiter von Jazzaar Aarau, nennt seine Hommage an Dave Brubeck denn auch das «Programm der ungeraden Rhythmen». Umso glücklicher ist Renold, als er mit dem Schlagzeuger Billy Cobham, der schon im letzten Jahr auf der Musikerliste stand, einen Meister des Ungeraden verpflichten konnte. Die Schwierigkeit bei der Interpretation von Dave Brubeck ist, dass er im Jazz ein Unikum ist. Er gehört zwar zu den führenden Vertretern des sogenannten «Cool Jazz» und hat wesentlich dazu beigetragen, eine europäische Ästhetik sowie Modelle der klassischen Musik im Jazz einzuführen. Als Pianist ist er aber einzigartig geblieben. Mit seiner polytonalen Spielweise und der etwas steifen und kantigen Phrasierung hat er nicht wie andere berühmte Pianisten Schulen begründet. Der wichtigste Grund: Der Mann hatte Pranken. Hände, die bis zu einer Oktave und eine Sext anschlagen konnten. Brubeck gilt als unspielbar. In Aarau wendet man deshalb einen Trick an: Brubecks Klavierparts sind für zwei Pianisten arrangiert worden.
«Brubeck kann man nicht kopieren», sagt Renold. Zumal alle des prägenden Ur-Quartetts gestorben sind. Altsaxofonist Bobby Watson, der vor 17 Jahren schon mal bei Jazzaar war und der jetzt den Part von Paul Desmond übernimmt, hat zwar einen ähnlich klaren Ton, ist aber doch auf der heissen Seite des Jazz zu Hause. Auch der dynamische Powerdrummer Cobham ist ein ganz anderer Typ Schlagzeuger als es der lyrische Brubeck-Schlagzeuger Joe Morello war. Renold versucht in den sechs Kompositionen und vier Uraufführungen denn auch gar keine Annäherung an das Phänomen Brubeck, sondern eigene Interpretation mit dem Klangkörper Swiss Youth Jazz Orchestra.

Funky Blues Night am Samstag

Jazz ist aus dem Blues entstanden. Die beiden afroamerikanischen Idiome wurden in den Anfangsjahren sogar als synonym verstanden und blieben enge Verwandte. Der Blues blieb im Jazz denn auch ein wesentlicher Bestandteil. Nicht nur in den sogenannten «Blue Notes», selbst der Modernist Charlie Parker hat mehrheitlich über die Bluesform improvisiert. Insofern ist der Blues bei Jazzaar kein Novum. In «A Funky Blues Night» widmet sich Jazzaar aber moderneren Formen des Blues.
Eigentlich hätte ja Booker T. Jones nach Aarau kommen sollen, dieser stilprägende Organist, der mit seiner Band Booker T. & the M.G.’s den Sound des Labels Stax und damit den bluesbetonten Memphis-Soul prägte und auch in der Blues Brothers Band sass. Er musste jedoch absagen, weil ihm ein Auftritt angeboten wurde, den er nicht ausschlagen konnte. A.T.N. Stadwijk, der musikalische Direktor des Abends, hat deshalb das Programm kurzfristig modernisiert und den «funky Blues» in den Mittelpunkt gestellt. Neben Klassiker der Blues Brothers und den kürzlich verstorbenen Legenden Al Jarreau und Chuck Berry stehen Funk-Jazz-Standards wie «Pick Up the Pieces» der Average White Band oder aktuelle Songs von Bruno Mars.
In der Band sind alte Bekannte wie der Schlagzeuger Danny Gottlieb, Publikumsliebling Dennis Montgomery an der Hammond sowie der gefragte Gitarrist Dean Brown und der Tenorsaxofonist Charles McNeal zu finden. Das Programm ist aber vor allem von Sängern und Sängerinnen geprägt: Lydia Renold, die Tochter des musikalischen Leiters, die in Boston soeben den Abschluss gemacht hat, die Bernerin Gabriela Grossenbacher, die in Aarau schon verschiedene Male zu begeistern wusste, sowie Jackie Phan und Calvin Khov, zwei vielversprechende junge Sänger aus Aarau mit chinesischen Wurzeln.
Jazzaar Festival 2017


Mi, 19. April, 21 Uhr: Jamsession im Restaurant Einstein Aarau.
Fr, 21. April, 20 Uhr: Hommage Dave Brubeck im Kultur- und Kongresshaus (KuK) Aarau.
Sa, 22. April, 20 Uhr: A Funky Blues Night im KuK Aarau.