Kunstbuch
Das neuste Buch über Jean Tinguely ist besser als ein süsser Osterhase

«Jean Tinguely. Motor der Kunst» – das neue Buch von Dominik Müller über Jean Tinguely – übertrifft alle Wünsche und Erwartungen.

Simon Baur
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Jean Tinguely mit seiner berühmten Méta-Matic No. 17, die er anlässlich der Paris Biennale 1959 hergestellt hat. Der kleine Antriebsmotor diente als Prototyp für seine späteren, sich selbst zerstörenden Werke. John R. van Rolleghem, © Museum Tinguely, Basel

Jean Tinguely mit seiner berühmten Méta-Matic No. 17, die er anlässlich der Paris Biennale 1959 hergestellt hat. Der kleine Antriebsmotor diente als Prototyp für seine späteren, sich selbst zerstörenden Werke. John R. van Rolleghem, © Museum Tinguely, Basel

Jean Tinguely, das ist doch der mit den Foulards, Krawatten und Weinetiketten. Stimmt! Das ist aber auch der mit dem «Fasnachtsbrunnen», «Heureka» und «Rotozaza», der Erfinder von «Hannibal I» und «Hannibal II», von «Klamauk», dem monströsen Traktor, Jean Tinguely ist der mit je einem eigenen Platz in La Verrerie und in Fribourg, der mit zwei Schweizer Museen und zusätzlich der grösste Anarchist der Schweizer Kunst.

Bücher gibt es über ihn schon viele, gespickt mit klugen Texten, mit zahlreichen Bildern, mit Anekdoten von Freunden und Bekannten und solchen, die das gerne gewesen wären.

Kurz und bündig

Ein Buch wie es Dominik Müller verfasst hat, gab es bis anhin noch nicht. Der junge Autor, der 1991, im Todesjahr von Tinguely, gerade mal zehn Jahre alt war, hat sich gewagt, mit unverstelltem Blick und profunder Kenntnis, die er sich unter anderem bei der Mitwirkung am kürzlich erschienenen Bestandeskatalog des Basler Museum Tinguely erworben hatte, eine Biografie zu verfassen.

Auf rund 200 Seiten ist alles drin, was man über Jeannot wissen muss. Doch das ist längst nicht alles. Da ist beispielsweise auch noch Müllers Schreibe. Die ist lebendig und abwechslungsreich, profund und rasant und passt ausgezeichnet zum Titel des Buches «Jean Tinguely. Motor der Kunst».

Gerne gibt man noch einen drauf, Müllers Texte sind wie das Maschinenöl, das die beweglichen Bricolagen in Schwung hält. Doch Dominik Müller ist noch etwas Weiteres gelungen. Er bringt nicht nur die Fakten und Geschichten auf den Punkt und in die Form eines Augenschmauses, er fand auch Bilder, die neue Blicke auf Tinguely ermöglichen.

Private und intime, historische und aufschlussreiche, informative und anekdotische Fotografien und Dokumente unterbrechen und strukturieren den Lesefluss. Dieses Buch bietet also ein doppeltes Vergnügen.

Brillantfeuerwerk

Noch ein Wort zur Buchgestaltung. Die braune Farbe des Umschlags erinnert weniger an helle Karrenschmiere als an die Schokolade eines Osterhasen. Die Farbe ist auch im Buch drin, sie wird bei den Bildlegenden verwendet.

Darüber hinaus hat es das Bureau Dillier, das Impressum vermerkt in Klammern die Mitarbeit von Beat Roth, geschafft, eine Gestaltung zu entwerfen, die sich mentalitätsgeschichtlich am russischen Konstruktivismus orientiert und Tinguely bestimmt gefallen hätte.

Die Schriften sind serifenlos und lesen sich bequem, das Buch ist mit 16 auf 22,5 Zentimeter handlich und hat bequem im Handgepäck Platz. Es eignet sich optimal für eine Zugsfahrt oder als Mitbringsel zur Einladung.

Die zahlreichen Anmerkungen sind in den hinteren Bereich des Buches verfrachtet worden, man findet sich trotzdem gut zurecht, selbst die Kurzbiografie zum Autor und ein ausführlicher Bildnachweis bereichern das Produkt.

Sie werden es bemerkt haben, dieses Buch ist zurzeit mein Traumbuch. Es ist wie ein Atlas und ein Lexikon zugleich. Hier ist sie versammelt, die verspielte und anarchische Welt des Jean Tinguely.

Ein Buch für Fans, Freunde, Verehrer, ein Buch aber auch für Tüftler und Automechaniker. Schon mal beim Radwechsel ein Kapitelchen gelesen? Das ist besser als ein ölverschmierter Schraubenschlüssel!

Dominik Müller: Jean Tinguely – Motor der Kunst. 208 Seiten, 135 Abbildungen, gebunden, Christoph Merian Verlag, Basel. Fr. 29.–.

Buchvernissage ist morgen Sonntag, ab 13.30 Uhr, Museum Tinguely,
Paul Sacher-Anlage 2, Basel.