Corona
Glücksspiel Kartenkauf: So vergeben die Bühnen ihre 50 Tickets

Theaterensemble und Orchester locken ihr Publikum mit zahlreichen Premieren. Dabei ist der Kulturhunger des Publikums grösser als das Platzangebot. Wie fair ist die Ticketvergabe?

Anna Raymann
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Wildwuchs an den Theaterkassen.

Wildwuchs an den Theaterkassen.

Alessandro Crinari / KEYSTONE/Ti-PRESS

Im Film «Charlie und die Schokoladenfabrik» gibt es fünf goldene Tickets, die auserwählten Glückspilzen das Schlaraffenland eröffnen. Ein wenig mehr – aber doch höchstens fünfzig Eintritte pro Raum – werden dieser Tage für kulturelle Veranstaltungen vergeben. Damit haben auch hier nur einige wenige Zugang zum frisch eröffneten kulturellen Buffet.

Seit Montag darf wieder gespielt werden, und angekündigt wurde auf den Bühnen des Landes ein regelrechter Premierenreigen. Glücklich ist, wer schnell genug war. Denn trotz des schieren Angebots sind viele der Bühnenstücke und Konzerte bereits ausverkauft.

Ausverkauft in Minuten

Als der Vorverkauf für das Tonhalle-Orchester Zürich am Montag startete, war die virtuelle Warteschlange bereits nach 30 Minuten auf Platz 257. Beim Konzert Theater St. Gallen dauerte es keine drei Tage, bis nahezu alle Plätze bis Auffahrt vergeben waren. Auf Restkarten an der Abendkasse wird man angesichts eines solchen Andrangs vergeblich hoffen.

Beim Ablauf an den Ticketkassen herrscht Wildwuchs. Saalarchitektur, Subventionen oder sistierte Abos führen bei jedem Haus zu anderen Voraussetzungen. Und so sehr die Öffnungsschritte überraschten, so vorsichtig blickt man nun auf die nächsten Wochen. Geplant wird bei den Institutionen nur auf Sicht: Vielleicht dürfen Ende Mai die Ränge gefüllt werden oder aber sie bleiben wieder ganz leer.

Ausverkaufte Premieren auch in St. Gallen.

Ausverkaufte Premieren auch in St. Gallen.

Arthur Gamsa

Ticketkontingent für treue Abonnenten

Bis dahin gilt beim Kartenkauf vielerorts der Ausdruck: «je schneller, desto gschwinder.» Sobald die Kasse offen ist, haben alle dieselbe Chance auf eine Karte. Doch recht fair scheint dies nicht gegenüber treuen Abonnentinnen, die die Häuser auch in den letzten Monaten bei verschlossenen Türen unterstützten. Die Theater Basel und Luzern zumindest danken dies mit 40 Eintritten je Vorstellung für das Abo-Publikum. Rechnet man weiter, bleiben jeweils zehn Karten übrig für spontane Kulturhungrige.

Ganz wörtlich zum Glücksspiel wird der Kartenkauf bei Argovia Philharmonic. Auch hier räumen die Veranstalter ihren Abonnenten ein Vorrecht ein. Da es von diesen aber weit mehr als 50 gibt, wird unter ihnen verlost. Ob ein Losentscheid die Leerausgehenden eher vertröstet als ein zu langsamer Klick? Rein organisatorisch rechnet sich der Aufwand jedenfalls für die wenigsten Institutionen.

Einheitspreis für die besten Plätze im Parkett

Die Kosten für ein Spiel vor derart reduziertem Publikum decken die Ticketeinnahmen nicht. Dennoch reagieren sogar subventionierte Häuser mit Preisanpassungen. Zum Einheitspreis von 85 Franken kommt man in die Tonhalle, für die Grosse Bühne im Theater Basel zahlt man sogar 100 Franken.

Wenn nur ein Bruchteil eines Saals belegt werden kann, sollte es wenigstens keine schlechten Plätze geben. Dennoch ist es ein stolzer Kompromiss auf Kosten der günstigen Ränge. Anders fährt man im Theater Neumarkt in Zürich, wo der Zuschauer den Preis in drei Kategorien selbst festlegt. «Das Publikum zahlt fair», sagt man dort nach den Erfahrungen der letzten Inszenierungen im Dezember.

Unter den Restriktionen ist Kultur ein exklusiver Anlass. Coronaerprobte wissen inzwischen Theater und Konzerte in die Wohnzimmer ihres Publikums zu schicken. Egal ob Streaming nun als Übergangslösung oder als gleichberechtigte Kunstform verstanden wird, ebnen diese Übungen den Weg für ein hybrides Theater, das sich an keine limitierte Platzzahl halten muss.

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