Vor 100 Jahren

Carl Spitteler erhielt als einziger Schweizer den Nobelpreis für Literatur – warum er gerade jetzt wieder aktuell wird

Bundesrat Alain Berset erkannte am Jubiläumsfest 2019 in Spittelers Rede «Unser Schweizer Standpunkt» vor allem eine Stand­pauke an die Politiker. Medaille Literaturnobelpreis 1919 für Carl Spitteler im Dichter- und Stadtmuseum Liestal.

Bundesrat Alain Berset erkannte am Jubiläumsfest 2019 in Spittelers Rede «Unser Schweizer Standpunkt» vor allem eine Stand­pauke an die Politiker. Medaille Literaturnobelpreis 1919 für Carl Spitteler im Dichter- und Stadtmuseum Liestal.

Wegen seiner politischen Haltung und seiner berühmten Rede «Unser Schweizer Standpunkt» verlor Freigeist Carl Spitteler seine Leser in Deutschland. Jahre später erhielt er dennoch die höchste Auszeichnung für Schriftsteller.

Peter von Matt, der Grandseigneur der Schweizer Germanistik, bezeichnet den «Olympischen Frühling» als das «spektakulärste Ereignis deutschsprachiger Fantasy-Literatur, lange bevor es diesen Begriff gab und ein halbes Jahrhundert vor dem ‹Herrn der Ringe›». Carl Spittelers Plädoyer für eine mehrsprachige Schweiz, für den Minderheitenschutz und den respektvollen Umgang mit dem Fremden sind noch heute aktuell. Sein Vorschlag, den Gotthard für den Zustrom freier italienischer Kulturluft zu sprengen, nahm den Slogan «Freie Sicht aufs Mittelmeer» der Jugendbewegung der 1980er-Jahre vorweg.

Rapper sowie Slam-Poeten beginnen, sich mit Spittelers Texten zu befassen, und für Germanisten sind sie wieder zu interessanten Forschungsthemen geworden. Spitteler wird als moderner naturalistischer Erzähler und Essayist sowie als Freigeist und Rebell neu entdeckt. Auch Alain Berset erkannte in der Rede «Unser Schweizer Standpunkt» vor allem eine «Standpauke an die Politiker».

Mit dem Nobelpreis hatte er nicht mehr gerechnet

Dass Spitteler vor hundert Jahren der Nobelpreis für Literatur zugesprochen wurde, war für ihn selbst eine Überraschung. Es war ein nebliger, kühler Tag im frühen November 1920, als der Telegrammbote an der Gesegnetmattstrasse 12 in Luzern klingelte. Noch im Morgenmantel nahm der Hausherr die Depesche entgegen, überflog die Zeilen. Dann hat er wohl zuerst nach seiner Frau Marie gerufen und bald darauf seine Tochter Anna benachrichtigt. Die frohe Botschaft von der Schwedischen Akademie verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Carl Spitteler – Literaturnobelpreisträger rückwirkend für das Jahr 1919.

Bevor am nächsten Tag die Eilmeldung in Presse und Radio schweizweit verbreitet wurde, erinnerte sich Carl Spitteler wieder daran, dass ihm ja bereits vor sieben Jahren gerüchteweise zu Ohren gekommen ist, dass er im Nobelkomitee als Kandidat gehandelt worden sei. Als er dann ein Jahr später, am 14. Dezember 1914, im Zunfthaus zur Zimmerleuten in Zürich seine Rede mit dem Satz eröffnete:

, wusste er bereits, dass er seine Leserschaft in Deutschland verärgern und die Aussicht auf den Nobelpreis verlieren würde. Trotzdem hatte er sich von der Neuen Helvetischen Gesellschaft dazu bewegen lassen, zur Einheit der Schweiz und zur Neutralität im Krieg führenden Europa aufzurufen. Seine Rede «Unser Schweizer Standpunkt» wurde umgehend von der NZZ und dem «Journal de Genève» verbreitet und entfaltete sogleich grosse Wirkung. Sie ist bis heute der wohl bekannteste Text Spittelers geblieben.

Mit dem Jahr 1920 war Carl Spitteler sehr zufrieden. Es war ein erfreu­liches Jahr mit hochkarätigen Auszeichnungen. Nach den Ehrendoktoren der Uni Zürich 1905 und der Uni Lausanne 1915 sowie dem Ehrenbürgerrecht der Stadt Luzern 1909 hatte er im Frühling 1920 als Erster den Grossen Schillerpreis für herausragende Schweizer Schriftsteller erhalten.

Nur mit der Gesundheit stand es nicht mehr zum Besten. Zur Verleihung des Literaturnobelpreises am 10. Dezember 1920 konnte Carl Spitteler aus gesundheitlichen Gründen nicht nach Stockholm reisen. In diesem Jahr war der Ordinarius für Geschichte an der Universität Uppsala sowie Mitglied des schwedischen Reichstages Harald Hjärne (1848–1922) Vorsitzender des Nobelkomitees.

Er würdigte den Preisträger und resümierte zur Sprache des ausgezeichneten Epos: «Die jambischen Hexameter mit ihren abwechselnden männlichen und weiblichen Reimen tragen den Fluss seiner meisterhaften Sprache, die immer kraftvoll und grossartig ist, niemals ohne Vitalität und oft unverkennbar schweizerisch.»

Spittelers Beisetzung war die erste Kremation in Luzern

Damit wollte Hjärne wohl auf die wiederkehrenden Helvetismen und Wortneuschöpfungen aufmerksam machen, die Spitteler gezielt in den «Olympischen Frühling» eingestreut hat. Vielleicht ist es gar eine leise Kritik an der fehlenden Strenge und Reinheit von Spittelers Hochdeutsch, die damals noch – zumal für einen Literaturnobelpreis – uneingeschränkt galt. Denn: Gemäss dem Testament von Alfred Nobel sollte der Nobelpreis an «denjenigen, der in der Literatur das Herausragendste in idealistischer Richtung produziert hat», vergeben werden.

Vier Jahre nach dem Nobelpreis verstarb Carl Spitteler und wurde unter grosser Anteilnahme der Behörden sowie der Bevölkerung in Luzern in einem Ehrengrab beigesetzt. Am letzten Tag des Jahres 1924 war Spittelers Leichnam im noch nicht ganz fertiggestellten Krematorium im Friedhof Friedental eingeäschert worden. Es war die erste Kremation in Luzern. Damit erfüllte sich wohl ein Wunsch Carl Spittelers, der der «Freien Vereinigung Gleichgesinnter» – einem liberalen Kreis, der sich jahrelang für die Feuerbestattung eingesetzt hatte – nahestand.

Kaum waren die Würdigungen des ersten Schweizer Literaturnobelpreisträgers verklungen, begann der Kampf um die Deutungshoheit über Person und Werk. Ein einflussreicher Kreis um Staatsrechtsprofessor Fritz Fleiner setzte mit dem monumentalen Denkmal in Liestal ein erstes Zeichen. Die von August Suter geschaffene, überlebensgrosse Plastik «Prometheus und die Seele» wurde unter Teilnahme zahlreicher politischer Prominenz 1931 eingeweiht.

© Keystone

Zwei Jahre später – ihre Mutter war bereits 1929 verstorben – entschieden die beiden Töchter Spittelers, den literarischen Nachlass ihres Vaters der Schweizerischen Eidgenossenschaft zu übergeben. Dieser Entscheid löste den langwierigen, zumeist öffentlich ausgetragenen «Spittelerstreit» mit Jonas Fränkel aus. Der Berner Germanistikprofessor polnisch-jüdischer Herkunft sah sich als natürlichen, aber schmählich übergangenen Herausgeber des Werkes und als Biograf Spittelers.

Schliesslich wertete eine Professorengruppe um Gottfried Bohnenblust – die «Eidgenössische Spitteler Kommission» – im Auftrag des Bundesrates den Nachlass aus und begann mit der Herausgabe der «Gesammelten Werke» in zehn Bänden. Zum 100. Geburtstag Spittelers 1945 erschien der erste Band. Dem zuständigen Eidgenössischen Departement des Innern EDI war das Editionsprojekt sehr wichtig und seinem Vorsteher, dem katholisch-konservativen Langzeit-Bundesrat Philipp Etter, eine Herzensangelegenheit.

Noch bevor der letzte Band der stattlichen und staatlichen «Etter- Edition», wie die Ausgabe später mit etwas Häme genannt wurde, 1958 erschienen war, begann die siebzigjährige Tochter Anna die elterliche Villa in Luzern, in der sie bis zu ihrem Tod 1962 selbst wohnte, zu räumen.

Nicht zuletzt freundschaftliche und verwandtschaftliche Beziehungen spielten eine Rolle, dass sie die persönlichen Gegenstände ihres Vaters – unter anderem den Nobelpreis sowie den Schreibtisch mit dem legendären Revolver in der Schublade – an dessen Geburtsstadt Liestal vermachte. Heute sind sie als Exponate im Dichter- und Stadtmuseum Liestal zu besichtigen.

Rund 50 Jahre nach seinem Tod legte Werner Stauffacher, ein Schüler und Doktorand von Gottfried Bohnenblust, die erste grosse Biografie über Carl Spitteler vor, und in Luzern wurde 1975 die Carl-Spitteler-Stiftung gegründet. Gelesen wurde sein Werk allerdings nur noch in kleinen Zirkeln, und Carl Spitteler drohte, als öffentliche Person in Vergessenheit zu geraten. Der Staub der Geschichte hatte sich auf sein Werk gelegt.

Dazu gehört der Goldstaub des Nobelpreises, der zwar für Würde und offizielle Anerkennung gesorgt, aber gleichzeitig eine offene Auseinandersetzung über sein Werk erschwert, in eine bestimmte Richtung gedrängt, ja zeitweise gar erstickt hat. Spitteler war zum unantastbaren Nationaldichter erklärt und für die Geistige Landesverteidigung instrumentalisiert worden. Das Jubiläum «100 Jahre Literaturnobelpreis 1919–2019» brachte die Kehrtwende, das Interesse an Spitteler steigt wieder.

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