Es geschieht während einer der vielen Actionszenen in «Captain Marvel». Die von der amerikanischen Oscar-Preisträgerin Brie Larson gespielte Superheldin schlägt sich gerade mit einem Superschurken herum, als im Kinosaal der 90er-Jahre-Song «Just a Girl» von No Doubt aus den Boxen dröhnt. «Ich bin bloss ein Mädchen, hübsch und zierlich», heisst es darin, «deshalb habe ich keine Rechte, oh, ich habe die Schnauze voll davon.»

Alleine in diesem einen Moment wird die gesamte Essenz dieser 150 Millionen Dollar teuren Filmproduktion sicht- und hörbar: welche Haltung sie transportiert, warum das radikal ist – und weshalb der Film trotzdem enttäuscht. Aber alles der Reihe nach.

Hassbotschaften im Internet

«Captain Marvel» ist der 21. Film des Hollywoodstudios Marvel, aber der erste mit einer weiblichen Protagonistin. Seit elf Jahren schon bringt Marvel seine Comicfiguren auf die Kinoleinwand: «Iron Man», «Thor», «Black Panther» und Co. haben, zusammengenommen, erfolgreiche Filmserien wie James Bond und «Star Wars» an den weltweiten Kinokassen längst überflügelt. Doch die Marvel-Filme waren bislang ein reiner Männerclub, in dem sich bekannte Schauspielerinnen wie Scarlett Johansson und Natalie Portman mit Nebenrollen begnügen mussten.

Der Filmtrailer zu «Captain Marvel».

Mit Brie Larson in der Rolle von «Captain Marvel» soll sich das nun endlich ändern. Doch ein unverbesserlicher Teil der Marvel-Anhängerschaft hat partout keine Lust auf eine Superheldin. Die sozialen Medien werden derzeit mit Hassbotschaften überflutet, die vor allem gegen die Darstellerin gerichtet sind.

«Brie Larson ist eine feministische Männerhasserin», heisst es etwa auf Youtube, «sie fördert Sexismus und Rassismus und zerstört Marvel.» Stein des Anstosses war Larsons Bitte an Marvels PR-Abteilung, vermehrt auch weibliche und schwarze Journalisten zu Interviews mit ihr zuzulassen. «Ich schliesse niemanden aus», entgegnete Larson auf die Kritik, «es sind jetzt nicht weniger Stühle am Tisch als zuvor, sondern mehr.»

Die 29-jährige Schauspielerin aus Kalifornien tat sich laut eigenen Angaben lange damit schwer, die Rolle als Superheldin anzunehmen. Genau wie Anna Boyden und Ryan Fleck, das Regieduo hinter «Captain Marvel», war Larson bislang vornehmlich im amerikanischen Independentkino zu Hause.

Für ihre Rolle als Sozialarbeiterin in «Short Term 12» gewann sie 2013 den Darstellerinnenpreis am Filmfestival in Locarno, zwei Jahre später erhielt sie für ihre Rolle als Missbrauchsopfer in «Room» den Oscar. Als kurz darauf die Anfrage von Marvel kam, habe Larson sich laut einem Interview in der «New York Times» gefragt: «Hat dieser Film, den Menschen auf der ganzen Welt sehen werden, eine Botschaft, die ich unterstützen kann?»

Feministische Filmheldin

Die Antwort lautet: Ja. Larsons Filmrolle geht auf die gleichnamige Comicfigur aus den 60er-Jahren zurück, die bis in die 80er noch ein Mann war. Der Kinofilm adaptiert nun aber vor allem die neuere «Captain Marvel»-Comicreihe aus dem Jahr 2012, samt ihren feministischen Zwischentönen.

Der Film spielt im Jahr 1995 und damit zeitlich vor all den bisherigen Marvel-Filmen. Larsons Filmfigur wird als intergalaktische Soldatin eingeführt, die sich im Filmverlauf von verschiedenen Männern immer wieder anhören muss, sie sei zu emotional und zu schwach für ihren Job. Sie kann sich nur bruchstückhaft an ihre eigene Vergangenheit auf der Erde erinnern – bis sie von einer verfeindeten Armee genau auf diesen Planeten gejagt wird.

Das Puzzle um Captain Marvels wahre Identität fügt sich im Filmverlauf nur schwerfällig zu einem Gesamtbild. Zu kompliziert gehen Boyden und Fleck bei der Aufgabe ans Werk, ihre Heldin in Marvels Filmuniversum einzuführen. Auch punkto Action, Effekten und visueller Kraft liegt «Captain Marvel» eher im Superhelden-Mittelfeld. Überzeugender ist er in seinen ruhigeren Momenten.

Fans in der Zwickmühle

Man hätte sich für Marvels ersten weiblichen Superhelden einen Film von einer ähnlichen cineastischen Qualität gewünscht wie letztes Jahr «Black Panther» über Marvels ersten schwarzen Superhelden.

Filmtrailer zu «Black Panther».

Trotzdem ist «Captain Marvel» bahnbrechend. Davon zeugen alleine schon die unzähligen Bilder im Internet von jungen Fans in Captain-Marvel-Kostümen, die in Brie Larson ihr Vorbild gefunden haben. Sie sind das perfekte Gegengift zu den hasserfüllten Internetkommentaren.

Schöne Ironie: Deren Absender befinden sich wegen «Captain Marvel» in einer Zwickmühle. Denn alle Marvel-Filme erzählen eine grosse, zusammenhängende Geschichte. Nach dieser Logik gleist «Captain Marvel» den kommenden Superheldenfilm «Avengers: Endgame» auf (Kinostart: 24. April), in dem altgediente Helden wie Iron Man und Thor gerüchteweise ihren letzten Auftritt haben werden.

Es ist ein bisschen so, als stünde der Champions- League-Final an – und die besten Plätze gehen an jene, die sich zuvor einen Frauenfussballmatch ansehen. Boykottieren, und Entscheidendes Verpassen? Wer das tut, ist selber schuld.

Captain Marvel (USA 2019) 124 Min. Regie: Anna Boden, Ryan Fleck. Ab Donnerstag, 7. 3., im Kino. ✬✬✬✫✫