Drei Schweizer haben geschafft, wovon jeder Filmschaffende träumt: Sie wurden an die diesjährigen Filmfestspiele von Cannes eingeladen, wo sie sich und ihre Arbeit vorstellen dürfen. Vor mehreren tausend Filmproduzenten, Käufern und Journalisten aus aller Welt. Eine grössere Bühne gibt es in der Filmbranche schlicht nicht. Kein Wunder, schwingt eine grosse Portion Ehrfurcht mit, als die Beteiligten im Interview über ihr erstes Mal an der Croisette reden. «Hier zu sein, ist komplett surreal», flüstert Flurin Giger, «das ist ein Traum, der sich erfüllt.» Der 23-jährige Bündner hat es bereits mit seinem zweiten Film an das Filmfestival an der Côte d’Azur geschafft: «Schächer» wird am Montag in der Sektion Semaine de la critique uraufgeführt.

Der knapp 30-minütige, hochästhetische Kurzfilm handelt von einem alten Ehepaar, das in seinem Haus in den Bergen vom Tod heimgesucht wird. Flurin und sein Bruder Silvan Giger (Produktion, Kamera) haben den Film ihren Grosseltern gewidmet, «Schächer» ist eine filmische Auseinandersetzung mit der Unausweichlichkeit des Todes: «Sterben ist eigentlich die erste Bestimmung jedes Menschen», sagt Flurin Giger, «aber trotzdem ist es ein Tabuthema. Wir wollten die Zuschauer zum Nachdenken darüber anregen und zeigen, dass Sterben nicht nur etwas Negatives sein muss.»

Mit Hollywoodstar im Kinosaal

Die Giger-Brüder erleben Cannes als Mischung aus Aufregung und Nervosität. Das Festival begann für sie mit der Premiere des Semaine-Eröffnungsfilms «Wildlife» von Hollywoodschauspieler Paul Dano. «Als wir mit ihm und seinem Team im Kino sassen, merkten wir schon: Puh, hier läuft in ein paar Tagen dann auch unserer.» Die Bündner Brüder sind in der Champions League des Films angekommen. Ihre Hoffnung ist, dass sie sich damit eine Vertrauensbasis geschaffen haben. Sprich: dass Förderstellen und andere Geldgeber sehen, was die Giger-Brüder draufhaben. «Für uns ist klar: Wir fühlen uns bereit für unseren ersten Langfilm.» In Cannes geht es nicht nie nur um die Gegenwart, sondern immer auch um die Zukunft.

Anja Kofmel begeistert mit ihrem Film «Chris the Swiss».

Anja Kofmel begeistert mit ihrem Film «Chris the Swiss».

«Cannes ist ein Zeitfenster, das man nutzen muss, das aber schnell wieder schliesst», bestätigt Anja Kofmel. Die 36-jährige Zürcherin hat es mit ihrem Langfilm «Chris the Swiss» ebenfalls in die Semaine de la critique geschafft und schwärmt: «Die Semaine ist eine tolle Sektion, weil sie tolle Möglichkeiten zum Networking schafft.» Sie hätten beispielsweise ein Essen mit der französischen Kulturministerin gehabt. «Und ich kann hier Leute treffen, die sonst vielleicht nicht auf eine E-Mail antworten.»

Als Kofmel Ende März die Einladung ans Filmfestival erhielt, seien Tränen geflossen, erzählt sie. Die Premiere in Cannes ist die Krönung ihrer mehrjährigen Arbeit an ihrem hochpersönlichen Filmstoff: In «Chris the Swiss» spürt Kofmel dem mysteriösen Tod ihres Cousins nach, der sich Anfang der 90er-Jahre als Reporter mitten in den Balkankrieg gestürzt und sich einer Milizarmee angeschlossen hatte. Kofmel mischt dabei auf virtuose Weise dokumentarische Aufnahmen mit poetischen Animationssequenzen und vermittelt wertvolle Einblicke in den Ausnahmezustand Krieg.

«Der Film hat eine Message, die auch heute relevant ist», findet Kofmel, «und Cannes gibt dieser Message eine Plattform. Dafür bin ich dankbar.» Neben ihrer Filmcrew seien auch ihre Eltern und ihr Cousin – der Bruder des ermordeten Chris – nach Cannes gereist. Die Weltpremiere am Sonntag sei ein sehr emotionaler Moment gewesen. «Die Reaktionen des Publikums in Cannes mitzuerleben, war überwältigend.»

Vielversprechende Produzentin

Komplettiert wird die Schweizer Präsenz an den diesjährigen Filmfestspielen von Katrin Renz. Die gebürtige Berlinerin ist seit 2014 Co-Geschäftsführerin der Zürcher Filmproduktionsgesellschaft tellfilm, die den Schweizer Filmpreis-Gewinnerfilm «Blue My Mind» von Regisseurin Lisa Brühlmann produziert hat. Renz wurde als sogenannter Producer on the move nach Cannes eingeladen, eine Auszeichnung, die die European Film Promotion (EFP) jedes Jahr an die zwanzig vielversprechendsten europäischen Filmproduzenten vergibt. «Unsere Firma hat mit ‹Blue My Mind› und ‹Tiere› letztes Jahr einen Durchbruch gefeiert, Cannes ist jetzt das Sahnehäubchen obendrauf.»

Es ist auch die EFP, die jedes Jahr an der Berlinale die Shootingstars auszeichnet, die zwanzig vielversprechendsten europäischen Schauspieler. Ein Ehre, die im vergangenen Februar an Renz’ «Blue My Mind»-Darstellerin Luna Wedler ging. Ein Doppelsieg also. Renz lacht und verspricht: «Darauf werden Luna und ich noch anstossen!»

Ihr Programm in Cannes sei wahnsinnig intensiv, erzählt Renz. Wegen der Auszeichnung werde sie seit Wochen mit Terminanfragen von internationalen Financiers und Weltvertrieben überhäuft, einige von ihnen trifft sie an den Filmfestspielen nun persönlich. «Das ist wertvoll, du spürst dann, mit wem du gerne zusammenarbeiten würdest und umgekehrt.»

Wie beim Speeddate

Die Treffen in Cannes funktionieren ähnlich wie Speeddating: Man sitzt sechs Minuten mit einem Interessenten zusammen, bevor es schon ab zum nächsten geht. «In diesen sechs Minuten kannst du viel rausholen», sagt Renz. Die Zeit habe sie jeweils genutzt, um sich und ihre Firma vorzustellen – aber auch das neue Projekt von Lisa Brühlmann: «Die Meisterdiebin», ein historischer Stoff, angesiedelt während des Zweiten Weltkriegs. Brühlmann arbeite allerdings auch an zwei anderen Stoffen und möchte sich noch nicht definitiv auf ihren zweiten Film festlegen, sagt Renz. «Klar ist aber: Wir möchten wieder mit Lisa arbeiten und sie wieder mit uns.» Renz’ Treffen in Cannes sollen dabei helfen, die Finanzierung des Films, der 2020 gedreht werden soll, zu sichern.

Renz eilt in Cannes von Termin zu Termin und sagt, sie habe ein gutes Gefühl. «Das fühlt sich an wie ein Startschuss», sagt die Filmproduzentin, «ich hoffe in den nächsten Jahren öfters hier zu sein.» Für Renz, Anja Kofmel und Flurin Giger gilt: Einmal in Cannes zu sein ist erst der Anfang.