Bühne
Von Menschen, die auf den Neubeginn warten müssen

Das Stück «Transit» des Luzerner Theaters nimmt uns mit auf eine Zeitreise mit Menschen, die auf der Flucht sind.

Emilia Sulek
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Das Stück «Transit» ist eine Mischform aus Schauspiel und Tanz mit Choreografien von Exequiel Barreras und Hella Immler.

Das Stück «Transit» ist eine Mischform aus Schauspiel und Tanz mit Choreografien von Exequiel Barreras und Hella Immler.

Bild: Ingo Höhn

Marseille, zu Beginn der 1940er-Jahre. Möwengeschrei, Fischernetze, die in der Sonne trocknen, einfache Stühle in einer Hafentaverne. Menschenmassen sind am Mittelmeer gestrandet. Sie fliehen vor dem Zweiten Weltkrieg. In der französischen Hafenstadt hoffen sie, ein Schiff in die «neue Welt» besteigen zu können. Sie träumen dabei von der Zukunft, die sich ihnen dort eröffnen würde. Über ihr bitteres Schicksal erzählt «Transit», die neue Produktion des Luzerner Theaters, die seit Donnerstag zu sehen ist.

Bevor man in Amerika neu beginnen kann, muss man sich aber die nötigen Reisedokumente besorgen. Der Hauptprotagonist hat Glück. Durch Zufall gelangt er an den Pass eines toten Dichters. So kann er dessen Identität annehmen und Asyl beantragen. Gleichzeitig lernt er eine Frau kennen, die unter den Geflüchteten nach ihrem Mann sucht: Er war Dichter, ist aber spurlos verschwunden. Was weiss der Protagonist vom Schicksal dieses Mannes?

Das auf dem Roman Anna Seghers basierende Stück ist ein Porträt von Menschen auf der Flucht. Zur selben Zeit ist es auch eine Kritik an den seelenlosen Mechanismen des Staates und den Absurditäten der Bürokratie. «Transit» erzählt von Menschen, deren Zukunft von einem Stück Papier abhängt. Endlos von einem Amt zum anderen geschickt, verlieren sie Zeit, Hoffnung und manchmal sogar ihr Leben. Für andere wird der Transit zu einem Dauerzustand.

Körper und Sprache

Für die Regisseurin Katja Langenbach ist die Verbindung zwischen Tanz und Sprechtheater besonders wichtig. Deshalb bringt sie nicht nur originalgetreue Passagen aus Seghers Buch auf die Bühne, sondern auch Tanzsequenzen in einer gut ausgewogenen Choreografie von Exequiel Barreras und Hella Immler. Musik von Roderik Vanderstraeten betont das unerträgliche Leid des Wartens und die Kraft des eiskalten Mistrals, der die erschöpften Reisenden an den Rand des Wahnsinns treibt.

Bereits 2017 führte Langenbach «Transit» in St.Gallen auf. Für das Luzerner Theater hat sie das Stück neu adaptiert. Das Schauspielteam (Martin Carnevali, Alexandre Pelichet, Marta Rosa und Anja Signitzer) spielt in harmonischem Einklang. Insbesondere die ersten drei, die sich die Männerrolle teilen. Was könnte eine Identitätskrise besser verdeutlichen als eine Vielzahl von Stimmen, die sich widersprechen?

Fehlende Brücken

Auf der Jagd nach den wichtigen Papieren im Dschungel der Bürokratie - Marta Rosa, Anja Signitzer, Alexandre Pelichet und Martin Carnevali (v.l.n.r.) in «Transit».

Auf der Jagd nach den wichtigen Papieren im Dschungel der Bürokratie - Marta Rosa, Anja Signitzer, Alexandre Pelichet und Martin Carnevali (v.l.n.r.) in «Transit».

Bild: Ingo Höhn

Seghers Buch ist nach wie vor aktuell. Langenbach verlegt die Handlung allerdings nicht in die Gegenwart. Dies ist eine legitime Entscheidung der Schauspielleiterin, aber ist sie deshalb gut? Da das Stück in der Vergangenheit spielt, bleibt es eine Erzählung von einem Abschnitt der europäischen Geschichte und distanziert das Publikum von jenen Menschen, die im heutigen Europa Zuflucht suchen. Schicksale von Geflüchteten aus Syrien oder Afghanistan mit auf die Bühne zu bringen, wäre eine Möglichkeit gewesen, die Brücken zwischen den 1940er-Jahren und heute zu schlagen.

«Transit» ist ein Klassiker der deutschsprachigen Literatur und Langenbachs Stück schon allein deshalb sehenswert. Angesichts der aktuellen Dramen, die sich an den europäischen Grenzen abspielen, werden wir sowohl solche Klassiker selbst als auch deren kreativen Neuinterpretationen gut gebrauchen können für den gesellschaftlichen Diskurs.

Transit: Weitere Vorstellungen bis 6. Januar. www.luzernertheater.ch

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