Kunst
Zwei Schaufeln behaupten sich im Barockpalast

Eine Ausstellung in der Fondazione Prada in Venedig zeigt die Geschichte der Serien-Produktion in der Moderne.«The Small Utopia Ars Multiplicata» heisst die Schau über Objekte von Duchamps bis Joseph Beuys.

Christian Fluri, Venedig
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Eindrücke aus der Ausstellung «The Small Utopia» der Fondazione Prada.
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Eindrücke aus der Ausstellung «The Small Utopia» der Fondazione Prada.
Eindrücke aus der Ausstellung «The Small Utopia» der Fondazione Prada.
Eindrücke aus der Ausstellung «The Small Utopia» der Fondazione Prada.
Eindrücke aus der Ausstellung «The Small Utopia» der Fondazione Prada in Venedig.
Eindrücke aus der Ausstellung «The Small Utopia» der Fondazione Prada.

Eindrücke aus der Ausstellung «The Small Utopia» der Fondazione Prada.

Attilio Maranzano

Der Kontrast sticht ins Auge und fasziniert: Im barocken Palazzo Ca' Corner della Regina am Canale Grande in Venedig kommt zusammen, was sich eigentlich ausschliesst. Der reich verzierte und mit Fresken geschmückte Saal und eine radikale Moderne: In Vitrinen thronen zwei Urinale, zwei auf Hocker montierte Speichenräder, zwei Schaufeln sind aufgehängt: Es sind Readymades von Marcel Duchamps. Er erhob das banale Alltagsobjekt zum Kunstwerk.
«The Small Utopia Ars Multiplicata» heisst die Schau über serienmässig produzierte Kunstobjekte von Duchamps bis Joseph Beuys in der Fondazione Prada. Die Ca' Corner wurde von der Stiftung des weltbekannten Modelabels 2011 gekauft und zu einem neuen edlen Kunstort in der Biennale-Stadt positioniert.
Die Ausstellung erzählt die Geschichte der Moderne von 1901 bis 1975 (vom Futurismus bis Fluxus), die die industrielle Produktion nutzt - mit der utopischen Idee, Kunst für alle erschwinglich zu machen. Einer Moderne auch, die Kunst auf den Boden gesellschaftlicher Wirklichkeit hinunterholt und damit das Sehen verändern, den Blick für ökonomische Realitäten schärfen wollte.
Die Serie ist Ausstellungskonzept
Kurator und Fondazione-Direktor Germano Celant macht die künstlerische Serienproduktion überzeugend zum Ausstellungskonzept: Er stellt die Kunstobjekte in Serien aus. So inszeniert er Andy Warhols Heinz-Tomato-Ketchup-Kisten gleichsam als geordnete Kartonschachtel-Landschaft. Die Objekte - wie Meret Oppenheims Haferblumen - gewinnen ihre künstlerische Kraft gerade als Serie. Die einzelne mit Haferflocken bekleidete Plastikblume wirkt verlassen. Aufgereiht im Multipack wird sie zur Installation, die Vergänglichkleit konserviert und ihr so ein Schnippchen schlägt. Gleiches gilt für die Serie «Life Mask» des Pop-Künstlers Claes Oldenburg: Die auf ovalen Platten angerichteten farbigen Jelly-Gesichter haben in der Serie eine unheimliche Wirkung. Das vervielfältigte Original, das seine Einzigartigkeit verliert, erhält in der Serie seine Aura.
Zudem entfalten die Readymades und Multiples der Nouveaux Réalistes, von Dieter Roth und anderen in den barocken Sälen ihre Subversivität. Celant inszeniert sie so in Ensembles, dass sie in der Grösse der Räume nicht verschwinden, sondern sich frech behaupten. Zudem katapultiert sie das barocke Ambiente gleichsam aus ihrer Zeitbedingtheit.
Duchamps bildet das Zentrum der Ausstellung. Wir begegnen hier auch seinen zwei Topflappen «Couple of Laundress' Aprons» als Männlein und Weiblein, ein Objektpaar voller Schalk. Kazimir Malevich und Wassily Kandinsky verknüpfen mit ihrem Geschirr Kunst und Design. Die Künstler gestalteten Alltagsobjekte für jedermann. Hier wird die «kleine Utopie» für einen von Kunst durchwirkten Alltag entworfen, die ihre Entfaltung im Bauhaus erfährt. Anders bei Meret Oppenheims Vogelbein-Tisch: Ihre Verknüpfung von Kunst und Design ist doppelbödig. Von ebenso hintergründigem Humor ist Salvador Dalís «Aphrodisiac Dinner Jacket», behangen mit Bechern mit giftgrüner Chartreuse.
Zwei Vitrinen zeigen die Anfänge der Multiples im Dadaismus und Surrealismus: Man Rays Metronome wirken stärker noch im Doppelpack. Zwei Augen, die hin und her pendeln, stiften grössere Verwirrung.
Verpackung macht den Wert aus

In der hoch industrialisierten Welt ist die Verpackung zum eigentlichen Wert mutiert. Pop-Künstler Andy Warhol drapiert die Büchsen von Campbells' Tomato Soup als Kunstwerk. Seine Brillo-Kiste darf hier nicht fehlen. Christo gestaltete Verpackung als Kunst, die Realität verkleidet und uns neu darüber nachdenken lässt. Gewitzt tut er dies selbst im Kleinen. Gezeigt wird hier «Look», ein über einen Bilderrahmen gespanntes Packpapier.
Joseph Beuys, der ein Stück Archaik in unsere Welt bringt, erhält einen besonderen Platz für seine Serien - seine Schlitten mit der rauen grauen Filzdecke und Taschenlampe haben etwas Geheimnisvolles.
«The Small Utopia Ars Multiplicata» gibt einen umfassenden Überblick über die Geschichte der Moderne. Man fragt sich nur, weshalb die Räume auf 15 Gard gekühlt werden und die Besucher schlottern müssen.
The Small Utopia Ars Multiplicata Ca' Corner della Regina, Venedig, bis 25 .11.

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