Juli Zeh
Zu jedem Zeitpunkt kritisch bleiben

Juli Zeh erhält den mit 20 000 Franken dotierten Solothurner Literaturpreis 2009. Im Interview spricht die gebürtige Bonnerin über Gesundheit und die Freiheit des Einzelnen, mediale Herrschaft und Erkenntnis.

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Roland Erne

Juli Zeh, Ihr jüngstes Buch «Corpus Delicti» entwirft die Zukunftsvision einer Gesundheitsdiktatur Mitte des 21. Jahrhunderts und zoomt zu Beginn auf die ansehnliche Oberfläche des Planeten: «Hier hat eine zur Ruhe gekommene Menschheit aufgehört, die Natur und damit sich selbst zu bekämpfen», heisst es da. Alles in Ordnung also?
Juli Zeh: Auf den ersten Blick ja. «Corpus Delicti» versucht eine Gratwanderung zwischen Wunschtraum und Horrorvision.

Inwiefern droht systematische Bevormundung, wenn Volksgesundheit und allgemeines Wohlbefinden im Sinn einer bedenkenlos erwünschten Entwicklung prioritäre Bedeutung haben? Wo ist der Kippmoment?
Zeh: Das Dilemma der menschlichen Existenz besteht darin, dass Kippmomente nicht klar markiert sind. Man erkennt sie - wenn überhaupt - erst im Rückblick. Deshalb ist es so wichtig, dass wir zu jedem Zeitpunkt kritisch, und damit meine ich nicht nörgelig oder missmutig, bleiben.

«Ich hielt meinen Schmerz für eine Privatangelegenheit», sagt Ihre vom Kontrollsystem erfasste Protagonistin Mia Holl in «Corpus Delicti» - ein Irrtum. Wo sehen Sie die prekäre Beschneidung der Freiheit des Einzelnen auch aus Sicht der studierten Juristin erreicht?
Zeh: Meiner Auffassung nach kann man das Zusammenleben von Menschen nur nach einer einzigen Regel sinnvoll gestalten: Die Freiheit des Einzelnen endet (erst) da, wo sie die Freiheit eines anderen beschneidet. Das heisst: Der Mensch darf über sich selbst und sein Leben frei entscheiden, so lange er niemand anderem dadurch schadet. Deshalb ist es so prekär, Gesundheit zur Staatssache zu erklären: Gerade bei Gesundheit/Krankheit handelt es sich im Normalfall um höchst individuelle, wenn nicht gar intime Probleme.

Zur Person

1974 in Bonn geboren, studierte Juli Zeh Jura in Passau und Leipzig, wo sie 1998 ihr 1. Staatsexamen machte. Ebenfalls in Leipzig studierte sie von 1996 bis 2000 am Deutschen Literaturinstitut (DLL), an das sie später als Dozentin zurückgekehrt ist.

Nach ihrem Diplom am DLL folgte 2003 das 2. Staatsexamen. Zahlreiche Auslandsaufenthalte u.a. für die UN in New York und Krakau und vor allem in Sarajevo, Bosnien und Herzegowina haben ihre Arbeiten geprägt. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet. Ihr erster Roman «Adler und Engel» (2001) ist mittlerweile in 29 Sprachen übersetzt. Ihr Roman «Spieltrieb» (2004) wurde 2006 am Hamburger Schauspielhaus für die Bühne dramatisiert. «Alles auf dem Rasen» versammelt ihre Essays, die in deutschen Zeitungen und Magazinen publiziert wurden. 2007 erschien ihr Roman «Schilf», in diesem Frühjahr «Corpus Delicti».

Juli Zeh erhält den mit 20 000 Franken dotierten Solothurner Literaturpreis 2009 «für ein Werk, das brisante Themen aufgreift und diese mit souveränen literarischen Mitteln zur Darstellung bringt». (RER)

Kann man sagen: Ohne Risiko kein lebenswertes Leben? Weshalb?
Zeh: Weil das absolut sichere Leben das absolut kontrollierte, vorherbestimmte, determinierte ist. Das, was uns Menschen vom Tier unterscheidet, ist doch gerade ein hohes Mass an Entscheidungsfreiheit. Ohne diese Freiheit verlieren wir unsere Menschenwürde und damit den Sinn unserer Existenz.

Was macht Gesundheit denn aus?
Zeh: Gesundheit ist ein kompliziertes Verhältnis des Menschen zu sich selbst. Was «gesund» ist, kann nur individuell entschieden werden. Wenn man versucht, eine allgemeine Definition dafür zu finden, errichtet man ein Selektionssystem, in dem es bald «wertvolle» und «weniger wertvolle» Menschen gibt. Der Mensch wird zu einem puren Leistungsfaktor ökonomisiert.

Wo stehen wir in Sachen Vorstufe zur Gesundheitsdiktatur heute?
Zeh: Wir haben längst angefangen, «Krankheit» mit «Schuld» zu identifizieren. Wir haben ein Set von Regeln errichtet, die angeblich ein «gesundes Leben» ausmachen: Sport, Ernährung, keine Genussmittel zum Beispiel. Wer also krank oder alt wird, ist selbst schuld, belastet die Gesellschaft finanziell und emotional und muss sich schämen. Das ist eine menschenverachtende Mentalität.

Generell: In welchem Zustand ist die westliche Gesellschaft der Gegenwart?
Zeh: Diese Frage ist ein bisschen sehr weit gefasst! Versuchen wir es so: Uns und unseren Gesellschaften geht es so gut wie noch nie in der Menschheitsgeschichte. Wir stehen an dem gefährlichen Punkt, das selbstverständlich zu finden und dabei die grossen Errungenschaften der Aufklärung zu vergessen und leichtfertig zu verspielen. Was wir brauchen, ist Dankbarkeit und Respekt gegenüber unserer Geschichte sowie Bescheidenheit gegenüber Gegenwart und Zukunft.

Ihr Schreiben entspricht immer wieder einer bewussten Einmischung. Stellung zu beziehen ist für Sie zwingend?
Zeh: Nein, zwingend ist das nicht. Ich bin einfach ein kommunikativer Mensch. Ich sage gern, was mir durch den Kopf geht.

Mangelt es in der literarischen Szene an diesem Engagement?
Zeh: Mir wäre es lieber, wenn es mehr davon gäbe. Das Wesen unserer modernen Gesellschaften ist die Kommunikation. Herrschaft wird heutzutage in grossen Teilen medial ausgeübt. Es ist wichtig, dass sich möglichst viele Menschen am Diskurs beteiligen, damit er pluralistisch bleibt und nicht von Meinungsmachern dominiert wird.

Verstehen Sie sich gerade mit «Corpus Delicti» als politische Autorin?
«Corpus Delicti» ist - abgesehen von meinen Essays - eigentlich der einzige politische Text, den ich bislang geschrieben habe. Mir lag und liegt das Thema so sehr am Herzen, dass ich gar nicht anders konnte, als es auch literarisch zu verarbeiten.

Welchen Einfluss auf den Gang der Dinge - falls überhaupt - hat Literatur?
Zeh: Die Literatur hat - neben vielen anderen wunderbaren Vorzügen - die Fähigkeit, Wirklichkeit weiterzudenken und zu verfremden. Vielleicht beeinflusst das den «Gang der Dinge» nicht direkt, aber es lässt ihn in immer wieder neuem Licht erscheinen. Und nur so funktioniert Erkenntnis: In dem wir nicht einen, sondern möglichst viele verschiedene Blicke auf die Welt werfen.

Im August erscheint bei Hanser der mit Ilija Trojanow verfasste Band «Angriff auf die Freiheit. Überwachungsstaat, Sicherheitswahn und der Abbau der Bürgerrechte». Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit für diesen Stoff?
Zeh: Ilija hat einmal einen Essay für die «Stuttgarter Zeitung» zu diesem Thema geschrieben. Ich fand den Text grossartig, und wir fingen an, uns auszutauschen. Dann haben wir beschlossen, dass es höchste Zeit ist, ein paar wirklich deutliche Worte dazu zu sagen - und zwar gemeinsam.

«Corpus Delicti» ist zuerst als Theaterstück für die RuhrTriennale 2007 in Essen entstanden, andere Ihrer Werke wie die Romane «Spieltrieb» und «Schilf» wurden für die Bühne bearbeitet. Welchen Reiz hat das Theater?
Zeh: Bislang sehe ich mich nicht als Dramatikerin, dazu habe ich zu wenig Erfahrung mit dem Schreiben von Theaterstücken. Aber ich würde gern weiter in diese Richtung arbeiten, weil es ein grosser Reiz ist, in immer wieder neuen Formen zu arbeiten.

Im Herbst gehen Sie mit der Band Slut und dem Projekt «Corpus Delicti - eine Schallnovelle» auf Tournee. Was muss man sich darunter vorstellen bzw. was haben Literatur und Musik in diesem Fall miteinander zu tun?
Zeh: Wir versuchen, Musik und Literatur einander so weit anzunähern, dass die beiden Ausdrucksformen ihre jeweiligen Standpunkte - auf der einen Seite das «Lied», auf der anderen die «Geschichte» - verlassen und gemeinsam etwas Neues erzeugen.

Mit welcher Motivation haben Sie sich für «Schilf» dem Krimigenre zugewandt?
Zeh: Ich hatte gar nicht das Gefühl, mich einem neuen Genre zuzuwenden. Alle meine Romane enthalten in gewissem Sinne Kriminalgeschichten. Für mich besteht das höchste Ziel des Schreibens darin, gesellschaftliche oder philosophische Fragen mit einer spannenden Geschichte zu verknüpfen.

Parallel zu Ihrem Jurastudium haben Sie auch die Ausbildung am Deutschen Literaturinstitut Leipzig abgeschlossen. Mit welchem Gewinn?
Zeh: Am Literaturinstitut habe ich gelernt, meine eigenen Texte mit den Augen eines Lesers zu sehen. Das ist sehr wichtig, wenn man an sich arbeiten und sich weiterentwickeln will.

Was hat Sie dazu bewogen, aus Leipzig in ein brandenburgisches Dorf bei Berlin statt in die nahe Stadt zu ziehen?
Zeh: Ich habe mich in ein Haus verliebt. Das Haus hat verlangt, von mir bewohnt zu werden, und ich habe mich diesem Befehl gebeugt.

Der Jurasüdfuss ist Neuland für Sie, zumal Sie an den Solothurner Literaturtagen bisher nie gelesen haben?
Zeh: Soviel ich weiss, gab es schon Einladungen zu den Solothurner Literaturtagen, aber oftmals kann ich aus zeitlichen Gründen nicht zusagen. Nun komme ich aus einem ganz besonderen Anlass in die Region.

Welchen Stellenwert hat für Sie der Solothurner Literaturpreis?
Zeh: Ein Literaturpreis ist ein grosses Schulterklopfen, ein lautes: Mach weiter so! Und das ist für eine Schriftstellerin, die doch meistens recht einsam vor sich hin arbeitet, eine wichtige Unterstützung.

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