Am schönsten ist es da, wo Geheimnisse lauern. Wenn man durch einen Wald läuft und plötzlich auf einer versteckten Lichtung steht, im Gartenbeet eine mysteriöse Blume entdeckt, ein seltener Vogel auf dem Balkon erspäht. Oder durch das Baselbiet fährt und da plötzlich drei Betonskulpturen in der Landschaft stehen. Das Unerwartete in der Natur beglückt den Menschen und hier, auf einem kleinen Stück Land oberhalb von Häfelfingen, scheint das Glück vollkommen.

Das liegt in erster Linie an Daniela Settelen-Trees. Die Kunst- und Gartenhistorikerin ist mit vollster Seele Kuratorin des Hofguts Mapprach, und wer einmal mit ihr unter den Balken im alten Gutshaus sass, weiss: Diese Frau setzt sich ein. Seit 1695 wird hier Landwirtschaft betrieben, erst als Sennerei unter dem Theologen Johannes Stöcklin-Huber und ab 1747 unter dem Handelsherrn Johann Heinrich Zaeslin, der sich auch schon den Wenkenhof in Riehen geleistet hat. Nebst seines wirtschaftlichen Nutzens besteht Zaeslin auf der «Ergötzlichkeit» seines Hofes, wie er in seinem Testament schreibt. Auf dem Hofgut Mapprach solle nicht nur für das leibliche, sondern auch für das geistige Wohl gesorgt werden, eine Verbindung von Nutzen und Zierde. Als er stirbt, wird das Gut in eine bis heute bestehende Familienstiftung überführt.

Hier braucht es Kunst

Über 250 Jahre später: Daniela Settelen-Trees hat sich Zaeslins Worte zu Herzen genommen und veranstaltet unter dem Konzept «AgriCulture» in den Sommermonaten Ausstellungen, Konzerte und Lesungen auf dem Gut. Sie startet 2012 mit einer Ausstellung des Basler Künstlers René Küng. Im Vernissagenpublikum befindet sich auch ein junger Architekt, der sich der Kunst verschrieben hat: Florian Graf, in Binningen geboren, in Zürich an der ETH als Jahrgangsbester abgeschlossen und dann doch die Unsicherheit als Künstler gewählt. Er interessiert sich für Küng und diesen ungewöhnlichen Ort im äussersten Zipfel des Baselbiets. An der Vernissage geht er auf Daniela Settelen-Trees zu, sagt ihr: «Hier braucht es Kunst.» Sie habe sofort gewusst: «Das passt guet». Die Kuratorin bot ihm an, etwas für das Hofgut zu konzipieren, er lehnte erst ab und sagte später dann doch zu, zu sehr hatte ihn dieser Ort fasziniert.

Das Hofgut Mapprach steht seit Jahrhunderten für Nutzen und "Ergötzlichkeit".

Hofgut Mapprach

Das Hofgut Mapprach steht seit Jahrhunderten für Nutzen und "Ergötzlichkeit".


Und heute, sechs Jahre nach dieser ersten Begegnung, hat Florian Graf seine Faszination in Kunst gefasst: «Out and About» lautet der Titel der Ausstellung, er verweist auf das überall und nirgends sein, das Lustwandeln und Rumstreunen, die grosse Idee und den kleinen Gestus. Florian Graf ist ein Künstler, der ständig out and about ist, man trifft ihn überall und kriegt ihn doch nie ganz zu fassen, er befasst sich mit Rollen, in die er wie jeder Künstler gesteckt wird, aber auch ganz bewusst schlüpft.

2015 schrieb er ein Buch, in dem er die Dienste von 54 «Künstler-Rollen» anbot. Jeder Typ war Florian Graf mit wechselnden Features. Vom unterhaltsamen Narr bis zum einfühlsamen Heiler waren die unterschiedlichsten Rollen vertreten, und jede konnte man beim Künstler bestellen.

Auch im Hofgut Mapprach will er wieder Rollen einnehmen, die des Einsiedlers, des Schamanen oder heilenden Hirten. «Was diese Rollen verbindet, ist einerseits die Abgeschiedenheit und andererseits die Gastfreundschaft», sagt er in einem Interview in der Publikation zur Ausstellung.

Eden und Schlaraffenland

Er wird die meiste Zeit der Ausstellungsdauer in der rustikalen Schirmhütte am Ende des Pfades am Wisenberg verbringen, den seine Werke säumen. Dort will er zeichnen und mit Leuten ins Gespräch kommen, «eröffnen und öffnen», wie er sagt.

Eine schöne Bezeichnung für die Kunst Florian Grafs, die immer etwas eröffnet, also zeigt, aber auch öffnet, also über die simple Darstellung hinweg in einen Raum weist, der sich nicht einfach so ersehen lässt. Vertrauten Formen verleiht er Geheimnisse, wie zum Beispiel dem grossen Vogelhaus, das neben dem Pfad am Weiher prangt, ein formschönes, aber unheimliches Ding, das bei näherem Hinsehen an einen Kindersarg erinnert. Oder die beiden Giesskannen, deren Hälse ineinander verschlungen sind.

Eine aufwendige Symbiose, die nur funktioniert wenn beide gleich viel Wasser in gleich rasantem Tempo führen und geben. Hört der eine auf, macht er den anderen leer. In dieser Umgebung lassen solche Arbeiten sofort die Gedanken kreisen: Was sagen sie über unsere Beziehung zur Natur aus, zu Ressourcenverschwendung und Umweltverhalten?

Foto: Gina Folly

"Bio Diversity (Standing, Flying, Blooming)"

Foto: Gina Folly

Dasselbe gilt für die drei Betonskulpturen, die wie erstarrte Lebewesen den steilen Weg zur Schirmhütte weisen.

Während ein paar Meter weiter der Bauer des Hofes den Traktor besteigt, um seine Felder zu beackern, steht man also in dieser Idylle und wird von einem Künstler aus ihr heraus und in sich hinein gerissen. Darin liegt der Zauber dieser einzigartigen Verbindung, die Graf mit Mapprach eingegangen ist: Sie birgt nicht einfach ein Geheimnis, sondern unseren Weg dahin. Das mag schmalzig klingen, ist vor Ort aber eine ganz wundersame Erkenntnis. Und wem das nicht genug ist, der soll hoch zur Schirmhütte: Nach den Betonfiguren, kurz bevor die Hütte auftaucht, steht ein Wanderwegweiser. Statt «Läufelfingen 2km» liest man: Eden, Schlaraffenland, Elysium, Arkadien, Nirvana, Olymp. Er zeigt in alle Richtungen.

«Out and About» Hofgut Mapprach, Zeglingen BL. 12. August bis 8. September. Vernissage 11. August, 15 Uhr.