Cirque du Soleil
Wie man aus genialen Songs eine schlechte Show macht

Trotz toller Musik und fantastischen Tänzern gelingt es Cirque du Soleil nicht, mit ihrem neuen Programm – eine Hommage an Michael Jackson –zu überzeugen. Das ganze erinnert an einen LSD-Trip durch Jacksons Neverland.

Evelyne Baumberger
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Eindrücke aus dem aktuellen Programm von Cirque du Soleil
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Eindrücke aus dem aktuellen Programm von Cirque du Soleil
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Eindrücke aus dem aktuellen Programm von Cirque du Soleil

Eindrücke aus dem aktuellen Programm von Cirque du Soleil

cirquedusoleil.com

Eine Poledancerin, deren grazile Figur in fünf Meter Höhe mitten im Zürcher Hallenstadion schwebt. Ein glitzernder Riesenhandschuh, der wie bei «Mummenschanz» von einem darin versteckten Menschen bewegt wird. Bunte Drachenfiguren, die an die chinesische Festkultur erinnern, jedoch Elefantenköpfe tragen; im Hintergrund Bilder von der afrikanischen Steppe. Ist es möglich, all dies in eine einzige Show zu packen? Ja. All dies und noch viel mehr. Doch «Michael Jackson – The Immortal World Tour» von Cirque du Soleil fühlt sich an wie eine Fahrt auf dem Karussell in Jacksons Ranch Neverland – auf LSD.

Tolle Akrobaten gehen unter

Die Verkitschung von Jacksons Werk begann schon vor seinem Tod und ist sicher teilweise ihm selbst zuzuschreiben. Die Show des Cirque du Soleil, der seit 30 Jahren für visuelle Feuerwerke voller kreativer Artistik bekannt ist, bringt die Entwicklung jedoch zu einem Höhepunkt. Verantwortet wird die Show von Jamie King, der unter anderem Konzerttourneen von Madonna,
Rihanna und Britney Spears konzipiert hat.

Was behauptet, eine Hommage zu sein, führt Jacksons Kunst und Weltsicht ad absurdum: etwa beim genialen Song «Scream», wo in den originalen Videoclips Kampfflugzeuge und eine Art Mudschaheddin-Soldaten hineingeschnitten werden – währenddessen die fantastische Performance der Akrobatinnen und Akrobaten auf der Bühne vor den Riesenscreens fast komplett untergeht. Zu «They Don’t Care About Us» wird einfach mal das Video von «Earth Song» gespielt, und zwischendurch hat auch der Latzhosen tragende Affe Bubbles seinen Auftritt.

Für die Artisten ist es ein Hohn, dass das Publikum am lautesten applaudiert, als an den Kostümen funkelnde LED-Lichter angehen und ihre Bewegungen vor dem dunklen Sternenhimmel kaum mehr sichtbar sind. Oder dass die Show ihre ergreifendsten Momente dort erlebt, wo die Tänzerinnen und Tänzer einen Song lang nichts tun, ausser rot leuchtende Herzen hochzuhalten («Will You Be There»). Dass Jacksons Musik Emotionen transportieren kann, war klar – von Cirque du Soleil jedoch hätte man mehr erwartet.

Dabei lassen die Kontorsionisten-Nummer oder die perfekt synchronen Choreografien der Truppe, auch der silberne Harlekin, der immer wieder auftaucht, grandioses tänzerisches und akrobatisches Können durchscheinen. Sie haben aber Mühe, sich vor den triefend kitschigen Videoclips zu behaupten. Die Zuschauer derweil haben keine Chance, diese Aneinanderreihung von beliebigen, möglichst bunten, glitzernden Nummern zu verdauen. Übrig bleibt nach diesem chaotischen Trip ein Gefühl der Ratlosigkeit und das Bedürfnis, sich mit einer Tasse grünem Tee in einen abgedunkelten Raum zu setzen und mit geschlossenen Augen der Stille zu lauschen.

Cirque du Soleil «Michael Jackson – The Immortal World Tour», heute, Hallenstadion Zürich.

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