Konzert

Wenn das Klassikkonzert vom Stuhl reisst

Im Musical Theater beeindruckten Nicolas Altstaedt und das Kammerorchester Basel

Im Musical Theater beeindruckten Nicolas Altstaedt und das Kammerorchester Basel

Star-Cellist Nicolas Altstaedt und das Kammerorchester Basel brillierten im Musical Theater mit Tschaikowsky, Jaggi und Beethoven

«Make Beethoven great again», so stand’s mit grossen Buchstaben über dem Konzert des KOB, des Kammerorchesters Basel, das am Montagabend im Musical Theater Basel zu hören war. Gross war sie, die 3. Sinfonie von Beethoven, für die allein der zweite Konzertteil reserviert war, gross und grossartig waren aber auch die anderen Programmpunkte vor der Pause.

Da gab’s als Ouvertüre eine Ouvertüre des Herrn Mozart, diejenige zur Oper – oder korrekter – Commedia per musica Le Nozze di Figaro; da spielte eine kleine Auswahl von Musikern des KOB Martin Jaggis Komposition Uruk, ein Werk für 6 Bläser und 18 Streicher; und da war doch noch ein Cellist. Der war tatsächlich grossartig! Und brillant – wie wir’s von ihm erwarten: Nicolas Altstaedt, der Alt-Star unter den Jungen. Er hatte in seiner Tasche das Opus 33 von Peter Tschaikowsky, die Variationen über ein Rokoko-Thema für Violoncello und Orchester.

Mit spitzbübischer Miene

«Great», dieser mittlerweile gesellschaftsfähige Ausruf der schlichten Bewunderung, mag so manchem im Publikum sogar über die Lippen gerutscht sein. Was Altstaedt uns da mit bübisch-frecher Mime erzählt – musikalisch – das hat so manchen mitgerissen, so manche konnte nicht mehr still sitzen – ein gutes Zeichen. So spielt er das Thema ganz schlicht und daraus lässt er unversehens die schwierigsten Passagen entstehen, da purzeln die Töne nur so von der Bühne herab, da tanzen die Finger auf den Saiten ganz weit bis zum Griffbrettende und darüber hinaus und le grand Nicolas blinzelt dabei immer wieder auffordernd und anspornend den Dirigenten an.

Giovanni Antonini, der Dirigent, lässt sich nie zweimal bitten, gibt die Energie weiter und aus der Erzählung von Altstaedt entsteht mit dem Orchester bald ein musikalischer Dialog. Und weil die Finger schon mal auf Trab waren, schenkte der vielfach ausgezeichnete Weltcellist dem Publikum noch rasch den dritten Satz aus Haydns erstem Cellokonzert. Allegro molto – so rasant hat er’s uns serviert, so hat sein Auftritt für ihn und das Publikum geendet: sehr heiter.

Uruk von Martin Jaggi gehört zu einem Zyklus, in dem der Komponist sich mit den ersten menschlichen Zivilisationen auseinandersetzt. Uruk hiess die Hauptstadt Mesopotamiens – um die 6000 Jahre alt, wahrscheinlich eine der ersten Metropolen, und dort entstand möglicherweise die abstrakte Schrift. Die Klangräume und -flächen, die Farben, die Strukturen, die Martin Jaggi in seiner Komposition von 2013 ausbreitet, zeichnen ein Timbre, das an frühklassische Sinfonien erinnert. Er durchwebt es mit Bläserklängen. Gerade die evozieren etwas Archaisches, sehr Fernes.

Die 18 Streicher und 6 Bläser des KOB hatten diese Inhalte musikalisch hervorragend und ungefiltert umgesetzt. Ein berührendes Erlebnis, bei dem sich wieder einmal bewahrheitet hat, dass man hört, was man weiss. Denn dank der informativen und kurzweiligen Einführung vor dem Konzert durch den SRF-Moderator Florian Hauser konnte der Zuhörer den Background und die Bilder in der Musik zumindest nachzuvollziehen versuchen.

Nach der Pause dann der Titan: Ludwig van und seine Eroica. Beethoven again, in seiner Vielfalt. In aller Kürze sei gesagt: herrliche Bläserklänge, zum Beispiel im zweiten Satz mit faszinierenden Oboentönen oder schön schnarrenden Hörnern im Scherzo. Konturreiche Paukenklänge, saftiger Streichersound.

Alles – von unserem Platz aus – etwas mild, zu wenig wild, mit eingezogenen Krallen und damit arm an Überraschungen. Wer das KBO kennt, weiss, dass es anders geht. Wir sind uns sicher: das Musical Theater bleibt ein Provisorium und die Akustik lässt Manches verlieren. Zu wenig gross.

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