Theater Roxy

Weisser Hase, hoch gehängt

yuri500_FOLLOW_THE_WHITE_RABBIT_1©Paula_Reissig

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Das Theaterkollektiv Yuri500 versucht im Theater Roxy in Birsfelden unserer Wahrnehmung auf die Spur zu kommen

Das junge Baselbieter Theaterkollektiv Yuri500 wagt sich in «Follow The White Rabbit» an ein gewichtiges Thema: die menschliche Wahrnehmung. Pate steht ihnen dabei der britische Autor, LSD-Forscher und Mystiker Aldous Huxley. In seinen «Pforten der Wahrnehmung» beschreibt er unsere Sinne als Filter, der die Aufgabe hat, unsere Sicht auf die Wirklichkeit soweit einzuschränken, dass wir überlebensfähig sind. Denn im Grunde hätten wir die Möglichkeit «jederzeit alles wahrzunehmen, was im Universum geschieht». Nur wären wir damit heillos überfordert.

Was uns, so Huxley, bleibe, sei, unser reduziertes Bewusstsein begrifflich zu fassen und auszudrücken. Also Sprache, Musik, Bild – die Kunst eben. So weit, so interessant, so komplex. Wie aber kommt so ein philosophisches Schwergewicht auf die Bühne?

Reizlose Collage 

Im Roxy in Birsfelden steht am Boden, was normalerweise an der Decke hängt: alle möglichen Modelle von Scheinwerfern. Die Zuschauer sitzen dieser Lampenausstellung mit Kopfhörern bestückt gegenüber. Knistern dringt ins Ohr. Ein Lichtkegel wandert über die Szenerie. Eine Frauengestalt mit rotem langem Haar wird sichtbar. Dunkelheit. Wir begreifen: Sichtbar ist nur, was im Licht ist.

Die Frau zitiert aus dem oben zitierten Huxley-Text. Sie brät sich einen Hamburger in der Hitze eines Lichtkegels. Sie warnt davor, den eigenen Sinnen zu trauen, denn diese hätten sie enttäuscht. Sie erklärt, dass Delfine mit ihrem Echolot die Welt ganz anders wahrnehmen als wir. Sie erinnert sich an Aufführungen der Matthäus-Passion, worauf Stellen aus dieser abgespielt werden – goldene Lichtkegel und Kunstqualm inbegriffen.

Dieselbe Frauengestalt kehrt mit dickem Babybauch wieder und erzählt von den ersten Stunden nach ihrer Geburt, von ihrem Schielen, von ihrem Leben als Schwindelpatientin.
Wir hören sie ihren Traum erzählen, in dem sie als Mann neben einem Mann sitzend eine Erektion bekommt. Wir hören auch, dass wir uns in einem Anbau beim alten Kino Roxy befinden und wir hören ebenso, dass wir unsere Sitznachbarn nicht kennen und dass der eben stattfindende Hörvorgang ein Phänomen molekularer Schwingungen im Hörgang ist.

Was mit einer grossen Frage begann, wird leider zu einer reizlosen Collage aus Bühnen- und Klangeffekten, persönlichen Anekdoten und philosophischem Beigemüse. Die ironisch-hippe Travestienummer zum Schluss macht diese nicht interessanter.
Huxley schrieb an anderer Stelle: «Wer so tut, als bringe er die Menschen zum Nachdenken, den lieben sie. Wer sie wirklich zum Nachdenken bringt, den hassen sie.» Er hat gekämpft um ein wenig Erkenntnis in einer undurchschaubaren Welt. Von diesem Kampf bleibt hier nur die ironische Pose übrig.

«Follow The White Rabbit»: Bis Sonntag, 22. Oktober. Theater Roxy, Birsfelden.

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