Theater

Voller Klischees: Der Krampf der Geschlechter

Frau Schmitz nach der letzten Umoperation (hier Lambert Hammel statt wie zuvor Friederike Wagner), ihre Familie und einige Bürokomparsen.

Frau Schmitz nach der letzten Umoperation (hier Lambert Hammel statt wie zuvor Friederike Wagner), ihre Familie und einige Bürokomparsen.

Der neue Lukas Bärfuss am Schauspielhaus Zürich ist eine superklischierte Bürokomödie mit Genderproblematik.

Das ist der Witz an Frau Schmitz: Sie ist, wer man will. Für den Kollegen ist sie die nette Büronachbarin, die man mit Monologen zulabern kann. Für die Personalerin ein Rollenvorbild, eine Frau, die ihren Mann steht. Für den Chef eine Manipulationsmasse, die man einsetzen kann, wo es der Firma gerade passt. Stets steht diese Frau Schmitz (Friederike Wagner) still da, Aktentasche in der Hand, leises Lächeln im Gesicht. Sagt wenig; tut, was man ihr sagt. Die ideale Projektionsfläche für Wünsche, Begehren, Vorstellungen, Unterstellungen.

Frau Schmitz ist zuallererst eine Erfindung des Schweizer Erfolgsautors Lukas Bärfuss. Das gleichnamige Stück ist am Samstag im Schauspielhaus Zürich uraufgeführt worden; Bärfuss habe es eigens dessen Ensemble auf den Leib geschrieben, heisst es auf der Website. Regie führt die Theaterintendantin selbst, Regisseurin Barbara Frey, eine alte Weggefährtin Bärfuss’. In der neunten Reihe sitzt ein sichtlich verschmitzter Bärfuss und winkt fröhlich. Das Zürcher Premierenpublikum wird im Laufe des Abends relativ häufig lachen.

«The Office» fürs Theater

«Frau Schmitz» ist ein Witz, eine Komödie, eine Mischung aus der Fernsehserie «The Office», Martin Sutters Wirtschaftssatire «Business Class» und eine Parodie auf unseren Geschlechterkrampf in Zeiten der Unisex-WC-Debatte.

Denn die Frau Schmitz wechselt immer wieder das Geschlecht – erst sozial, dann biologisch. Sie wurde, so viel wird mit der Zeit klar, als Mann geboren, tritt aber als Frau in Frauenkleidung auf. Die Firma schickt sie jedoch als Mann im Anzug für eine Rettungsübung nach Pakistan – weil dort eine Frau von den Businesspartnern vermeintlich nicht ernst genommen würde.

Nach ihrer Rückkehr wechselt Frau Schmitz immer wieder die äusserliche Gender-Zugehörigkeit – je nach Ansprüchen der privaten Partnerin oder der Firma. Doch stets ist jemand nicht zufrieden, stets wird sie allein aufgrund ihrer entweder weiblichen oder männlichen Erscheinung diametral anders, neu eingeschätzt. Und wir erfahren, was wir schon lange wussten: Geschlecht ist auch ein soziales Konstrukt, von Anfang an mit Vorurteilen behaftet, ob positiv oder negativ.

Frau Schmitz ist kein allzu guter Witz. Denn nicht nur die titelgebende Figur bleibt eine Schablone – was so sein muss –, sondern alle anderen Figuren auch. Klischierte Bürotypen, die lauter Klischees von sich geben. Im seit Jahren vielparodierten Wirtschafts- oder Lifestylesprech geben sie lauter Plattitüden von sich: «Man muss offen sein für neue Formen.» «Es braucht neue Lösungen in einer sich schnell verändernden Welt.»

Für wirklich schlagfertige Dialoge sollte man sich lieber eine gute Fernsehserie anschauen: «The West Wing» zeigt einen fiktiven Büroalltag einiges subtiler, «The Office» dessen Absurdität einiges überdrehter. Und wer sich für die wechselnden Rollen, die der Kapitalismus dem Menschen aufdrängt, interessiert – darum geht es Lukas Bärfuss gemäss Programmheft offenbar auch sehr –, lernt einiges mehr aus einem Essay des Soziologen Richard Sennett.

Der Text enttäuscht

«Frau Schmitz» wird von Barbara Frey in der Tradition des absurden Theaters äusserst reduziert inszeniert. Das Personal sitzt in einer Stuhlreihe. Lichtkegel fallen auf diejenigen Schauspieler, die gerade miteinander sprechen. Kurze Trompetensoli und eine Leuchtaufschrift markieren Ortswechsel oder Zeitsprünge. Diese Einfachheit gefällt. Die Schauspieler geben ihr Bestes. Allein der Text hält nicht, was man sich von einem Lukas Bärfuss verspricht. Diese Frau Schmitz, sie genügt nicht.

Autor

Susanna Petrin

Susanna Petrin

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