Solothurner Literaturtage
Viele gute Texte statt wenige literarische Topshots

An der heutigen Medienkonferenz wurde bekannt: Das diesjährige Programm der Solothurner Literaturtage steht unter dem Motto «Stimmen. Voix. Voci. Vuschs». Und das Motto ist am Festival Programm.

Anna Kardos
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Lukas Bärfuss M. Marx

Lukas Bärfuss M. Marx

Aargauer Zeitung

Es strahlt die Sonne, es strahlen die neonfarbenen Buchstaben auf dem Programmheft und es strahlt auch Reina Gehrig, interimistische Geschäftsleiterin der Solothurner Literaturtage. Nach dem letztjährigen Gewitter um den überraschenden Rücktritt von Bettina Spoerri und unschönen Äusserungen einiger Beteiligter, ist die Geschäftsleitung an der diesjährigen Medienkonferenz sichtlich entspannt.

Und ein wenig scheint es, als hätte die Entspanntheit auch vom Programm 2014 Begriff erfasst. Statt internationaler Topshots der Literaturszene finden sich unter den diesmal eingeladenen Autoren besonders viele Schweizer Namen. «Wir wollen ja kein Fotoshooting veranstalten, sondern Lesungen», erklärt Geschäftsleitungs-Mitglied Franco Supino den Umstand. Es zählt also nicht der Name, sondern der Text. Nicht das Renommee, sondern das Wort, die Stimme.

Das Motto ist Programm

«Stimmen. Voix. Voci. Vuschs», so lautet denn auch das Motto der diesjährigen Literaturtage. Und die Parole wurde von der Programmkommission spielerisch in verschiedene Richtungen weiter gedacht. Naheliegend sind da «Spoken word» und Performance-Veranstaltungen (zB. mit Rapperin Big Zis oder Jazz-Kolumnist Peter Rüedi und Sängerin Elina Duni), die einen Programmschwerpunkt bilden. Doch eine Stimme kommt in Solothurn selten allein. Vielmehr tönt da ein ganzer Chor. Er beginnt bei Autoren, die ihre Stimme dezidiert politisch einsetzen (etwa Lukas Bärfuss oder Adolf Muschg, welcher mit Micheline Calmy-Rey und Roger de Weck diskutieren wird), er reicht über Hör-Literatur in Form von Lesungen im Dunkeln (mit der blinden Autorin Yvonn Scherrer, die den Zuhörern in Blindenschrift vorlesen wird), und er endet bei der Kolumne als einer Stimmlage des Journalismus «mit meh Dräck», etwa von Constantin Seibt (Tages-Anzeiger) oder Peter Schneider. Letzterer wird auch live über die diesjährigen Literaturtage bloggen.

Lustvoll erscheint das Programm. Und einladend. Hier soll kein Branchenpublikum seine Privatparty feiern. Nein, willkommen sind alle – von der Leserin bis zum Lyriker, vom Verleger bis zu den Kindern im Erstlesealter, für die das Jugendprogramm dieses Jahr sogar auf alle drei Festival-Tage erweitert wurde. So können in Solothurn Gross und Klein der Literatur frönen. Frönen sollen aber auch alle anderen: Wem die klassische Wasserglas-Lesung zu steif ist, darf «Late Night» in Manuel Stahlbergers Konzert-Lesung schlendern. Wem zeitgenössische Lyrik stets ein Rätsel war, der findet Rat im Palais Besenval, wo der diesjährige Poesie-Schwerpunkt einzelne Gedichte für Nicht-Kenner sowie für Lyrik-Liebhaber lupenrein aufdröselt. Und wer wissen will, was an Neuerscheinungen es lohnt zu lesen, besucht die Lesungen der wunderbaren, Irin Claire Keegan, der so jungen wie klugen Schweizerin Dorothee Elmiger oder der feinsinnigen Erzählerin Gertrud Leutenegger

Kein Solothurn ohne Diskussion

Dass in Solothurn über Literatur diskutiert wird, liegt in der Natur der Dinge. Dass der Diskurs eigens gefördert wird, ist (und war) dem Festival aber stets ein besonderes Anliegen. Nach dem letztjährigen Think-Tank zur Zukunft der Literatur geht Solothurn heuer noch einen Schritt weiter. An jedem der drei Festivaltage entwirft ein Literaturexperte sein Zukunftsszenario «2034» – und konfrontiert einen Autor damit. Am Sonntag, 1. Juni wird der Experte Pius Knüsel sein. Ob er auch der Literatur einen Infarkt bescheinigt? Im Wortgefecht mit Raphael Urweider wird das Publikum es erfahren.

Solothurner Literaturtage. Von Donnerstag, 29. Mai bis Sonntag, 1. Juni. Genaues Programm siehe unter: www.literatur.ch

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