«Oh nein, bei der nächsten Veranstaltung reden sie bloss», sagt eine ältere Dame in den Zuschauerreihen. Ihre Nachbarin bekräftigt: «Lesungen sind mir lieber.» Doch die Solothurner Literaturtage haben sich neben Lesungen das Debattieren auf die Fahne geschrieben. Zum Beispiel in der Reihe «Autoren im Dialog». Charles Lewinsky und Sacha Batthyany machen es sich in den Sesseln auf der Bühne bequem. In einer Art öffentlichem Werkstattgespräch sollen sie ohne Moderation miteinander diskutieren. Worüber, steht ihnen frei.

Das Format ist eine Blackbox mit beträchtlichem Risiko. Die Autoren kennen sich in der Regel nicht persönlich, haben aber wechselseitig ihre aktuellen Texte gelesen. Das Duo Lewinsky-Batthyany ist klug gewählt. Auf der einen Seite sitzt der gestandene Romanautor, der in seinem jüngsten Buch «Andersen» einen ehemaligen Folterknecht aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs erfindet, der mit der Erinnerung eines Erwachsenen als Kind in der heutigen Zeit nochmals auf die Welt kommt. Auf der anderen Seite sitzt der gestandene Journalist. Mit seiner autobiografisch motivierten Recherche debütierte Batthyany in der Welt der Literatur. In seinem Buch «Und was hat das mit mir zu tun?» geht er der Frage nach, wie ein Verbrechen aus der Nazizeit familienintern bis in die heutige Zeit hineinwirkt.

Manchmal auch freche Fragen

«Wie nur bringst du den Mut auf, so offen von dir selber zu schreiben?» Die Frage scheint Lewinsky unter den Fingern zu brennen. Er eröffnet das Gespräch, und damit ist der Ton gesetzt und die Veranstaltung gerettet: Es ist nicht der Journalist, der den Autor befragt. Und es sind keine Mutmassungen, die vorgetragen werden, sondern Fragen. Neugierige, interessante, manchmal auch freche Fragen dominieren die folgenden vierzig Minuten. Frech wie zum Beispiel diese: «Wie krank muss man sein, um auf eine solche Geschichte zu kommen?», will Batthyany von Lewinsky wissen.

Sacha Batthyany

Sacha Batthyany

Manche der Antworten, die man von Lewinsky zu hören bekommt, hat man in Interviews schon lesen können. Das Bild vom Tausendfüssler etwa, der sich auch nicht fragt, wie er seine Beine auf die Reihe kriegt. In seinen Fragen scheint sich der Autor mehr zu offenbaren. «Wenn man das erste Buch über sich selber schreibt, wie kann man dann ein zweites Buch schreiben?», will er etwa wissen. Oder: Wie ehrlich kann man zu sich selber sein? Wie gross ist die Verlockung, ein stimmiges Bild zu nehmen, das für die Geschichte gut ist, aber nicht der Wahrheit entspricht? Und wie schreibt man ein Buch, wenn man gleichzeitig über den US-Wahlkampf berichtet?

Sprachliche Hürden

Nicht allen Teilnehmenden der Reihe «Autoren im Dialog» gelingt es so gut, das Publikum zu fesseln. Die Französin Noëlle Châtelet und die Tessinerin Virginia Helbling kämpfen mit gleich mehreren sprachlichen Hürden. Das Gespräch wird auf Französisch geführt, darauf wollen sich nur knapp zwanzig Leute einlassen. Ausserdem hat Châtelet das Buch ihrer Gesprächspartnerin nicht gelesen, weil es nur auf Italienisch existiert. Und Helbling, die sich als Debütantin in einer Fremdsprache ausdrücken muss, hat von Anfang an schlechtere Karten.

Charles Lewinsky

Charles Lewinsky

Blutleer und mit zu viel Einvernehmen hangelt sich das Gespräch den Gemeinsamkeiten der beiden Autorinnen entlang, die sich beide mit Tabuzonen in weiblichen Biografien auseinandersetzen. Als zuletzt in der Fragerunde aus dem Publikum bekannt wird, wie die 42-jährige Helbling vor ihrem Romandebüt schon sechs Kinder zur Welt gebracht hat, denkt man: Von ihr hätte man gerne mehr erfahren.

Nur halbwegs gelungen

Nur halbwegs gelingt auch das dritte Gespräch mit Adolf Muschg und Feridun Zaimoglu. Das lässt sich schon in der Ausgangslage ahnen: Die beiden präsentieren sich am Lesepult frontal dem Publikum. Zwar hat es Unterhaltungswert, wie Muschg sich davor drückt, aus seinem sechs Jahre zuvor geschriebenen Roman «Kinderhochzeit» vorzulesen, mit dem sich Zaimoglu vorbereitet hat. Und es ist auch interessant zu erfahren, dass beide Autoren ihre Bücher «wie eine alte Haut» ablegen, wenn sie einmal geschrieben sind. Dennoch gleicht die Veranstaltung vor allem bei Muschg, der die meiste Redezeit beansprucht, eher einem gelehrten Vortrag denn einem Dialog.

«Das war jetzt doch noch interessant», urteilen die beiden Damen im Publikum, die bei Lewinsky und Batthyany sitzen geblieben sind, vermutlich, weil sie sich so für die nachfolgende Veranstaltung ihre Plätze sichern konnten. Es mag mit daran liegen, dass der Journalist und der ehemalige Unterhaltungsschreiber gewohnt sind, bei ihrem Auftritt das Publikum mitzudenken. Der Landhaussaal bei Batthyany und Lewinsky war jedenfalls randvoll.