Für einen kurzen Moment bleibt der Blick der Babulenka an der kreisenden Waschmaschine hängen. Zwischen Schock und Sehnsucht starrt sie auf die mechanische Bewegung, auf die verflossenen Adrenalinschübe, und man meint zu sehen, wie sich Seifenschaum und Kleidungsstücke vor ihrem inneren Auge in ein Roulette-Rad transformieren.

Die russische Matriarchin hat gerade alles verzockt und ihre gierigen Verwandten um das heiss ersehnte Erbe gebracht. Nun sitzt sie niedergeschlagen in einem Waschsalon und bereitet sich auf ihre Rückreise nach Moskau vor. Die Musik aus dem Orchestergraben (Sinfonieorchester Basel unter der hervorragenden Leitung von Modestas Pitrénas) dreht sich dazu in einer Art mahlenden Endlosmühle – halb im Wahn, halb verkatert.

Babulenkas Auftritt in «Der Spieler» von Prokofjew ist kurz, aber entscheidend und wird von der US-Amerikanerin Jane Henschel mit der richtigen Mischung aus Bestimmtheit und Vergnügungssucht gespielt. Von ihrem Grossneffen, einem pensionierten General, wird sie bereits für tot gehalten, da taucht sie quietschfidel im fiktiven Roulettenburg auf. Ab diesem Moment kommt die Oper in der Inszenierung von Vasily Barkhatov in Fahrt.

Nüchterne Hostel-Welt

Barkhatov hat den Stoff von einem mondänen Kasino in ein nüchternes Hostel verlegt (Bühne: Zinovy Margolin). Wie Entwurzelte in einer tristen Durchgangswelt warten die Figuren auf bessere Tage (manchmal auch sinnbildlich an einer Bushaltestelle), wenn endlich alle Schulden bezahlt sind und das Leben beginnen kann.

Erst, als Babulenka sie mit russischen Touristen-Mitbringseln ausstaffiert, erinnern sie sich an ihre Herkunft. Statt schönem Schein gibt es Normalität vortäuschenden Einheitsbrei, statt dunklen Spielhöllen den vereinzelten, fiebrigen Blick auf den Bildschirm. Denn Regisseur Barkhatov lässt seine Protagonisten online zocken. Ob auf dem Handy, Laptop oder Tablet wird so die Asozialität, Einsamkeit und vor allem der Kontrast von Illusion und Realität beim Zocken noch besonders unterstrichen.Doch trotz dieser originellen Idee, erfüllt der 35-jährige Barkhatov nicht die übergrossen Erwartungen, die er aufgrund seiner äusserst gelungenen, unter die Haut gehenden Inszenierung der Oper «Chowantschina» von Mussorgski zu Beginn der Spielzeit 15/16 am Theater Basel geweckt hatte. Im Vergleich zu diesem fulminanten, energiegeladenen Bühnenfeuerwerk ist «Der Spieler» eher ein psychologisierendes Kammerspiel, das die komplizierten Abhängigkeiten zwischen den Figuren in den Blick nimmt.

Schnelle Szenenfolge

Das mag auch an der Anlage der Oper selbst liegen. Prokofjew wollte nichts weniger, als die Form revolutionieren. Barkhatov erläutert im Programmheft im Interview mit Pavel Jiracek: «Prokofjew (wollte) einen völlig neuen Weg einschlagen – auch mit Hilfe des Deklamationsstils, der den Text Dostojewskis sehr wortgetreu übernimmt. Prokofjew hat dieses Werk mit den Mitteln des Kinos gedacht: eine Szene folgt der anderen, geschnitten wie die Cuts beim Film.»

Es ist – wohlgemerkt – die Schweizer Erstaufführung dieses 101-jährigen Stücks. Mitten im Ersten Weltkrieg kam die geplante Uraufführung in St. Petersburg nicht zustande. Erst 1929 wurde sie an der Brüsseler Monnaie-Oper nachgeholt. Bis heute wird das Stück nicht sehr häufig gespielt. Prokofjew hatte sich bereits länger für Dostojewskis Roman «Der Spieler» interessiert, in dem der Autor seine eigene Spielsucht thematisiert. Wiesbaden, wo Dostojewski alles verspielte und aus Geldnot «Der Spieler» entstand, ist denn auch Vorbild für Roulettenburg. Die untergehende Moral der Aristokratie im vorrevolutionären Russland und die Spannung der sich drehenden Roulettekugel wurde von Prokofjew mit einer wahnwitzigen Harmonik und parodistischen Motiven eingefangen, die bis heute frisch und dynamisch klingen. Seine Musik bringt die Spannung des Moments auf den Punkt und lässt die reiche und widersprüchliche Gefühlspalette der Figuren in Echtzeit oszillieren.

Musikalische Jackpots

Der General liebt Blanche und hat Schulden beim Marquis. Alexej liebt Polina, die Stieftochter des Generals. Polina hat Schulden beim Marquis und fühlt sich von ihm gedemütigt. Dmitry Golovnin ist ein mitreissender Alexej, der die konditionell anspruchsvolle Partie mit Bravour meistert. Die litauische Sopranistin Asmik Grigorian verkörpert Polina mit ungekünsteltem Spiel und begeistert mit ihrer dunkelgefärbten, kräftigen Stimme. Die Entwicklung der Beziehung dieser Beiden steht im Mittelpunkt der Oper.

Höhepunkt der Basler Inszenierung ist die Chorszene im vierten Akt. Während Alexej im Spielwahn versucht, Polinas Schulden beim Marquis wieder reinzuholen, werden seine virtuellen Mitspieler (Chor des Theater Basel) an die Hostel-Wände projiziert. Ein buntes Mosaik aus Hoffnung, Verzweiflung, Selbstbetrug und Selbstzerstörung.

In dieser Schlussszene ist es, als wäre Prokofjew selbst der Spieler, der mit der Musik zockt. Parallel zu Alexejs immer höheren Einsätzen, schraubt die Musik durch immer ambivalenter werdende Harmonien die Spannung nach oben. Prokofjew führt die Tonalität an ihre Grenzen und knackt in einem virtuosen Emotionsstrudel eine Reihe musikalischer Jackpots zwischen Ekstase und Absturz.