Urs Widmer Theater «Das Ende vom Geld»
Urs Widmer: «Die Business-Sprache ist ein potemkinsches Dorf»

Der bekannte Schweizer Autor Urs Widmer über sein neues Theaterstück «Das Ende vom Geld», uniforme Banker und ihre Sprache der Sieger.

Susanna Petrin
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Der Schweizer Autor Urs Widmer in seiner Schreibstube in Zürich.

Der Schweizer Autor Urs Widmer in seiner Schreibstube in Zürich.

Annika Bütschi

Herr Widmer, Ihr neues Stück zur Wirtschaftskrise feiert am Freitag Premiere. Verstehen Sie diese Krise eigentlich, kommen Sie draus?

Urs Widmer: Nein. Aber die Pointe ist: Die Ökonomie-Profis kommen ja auch nicht draus. Ich behaupte, dass es in diesem ganzen System nicht einen gibt, der wirklich drauskommt. Es weiss auch kein Mensch, wie viel Geld es objektiv gibt, geschweige denn, wo es ist. Während wir in diesen Sekunden sprechen, sind schon wieder weltweit 96000 Transaktionen gemacht worden. Die meisten rein spekulativ und von Maschinen. Das sind Vorgänge, die die Welt ruinieren – wenn sie sie nicht schon ruiniert haben.

Wie haben Sie für das Stück recherchiert? Haben Sie auch mit Leuten aus der Finanzwelt gesprochen?

Ja, ich beobachte diese Welt schon seit 40 Jahren. Die Ökonomie ist bereits in den frühen 80er-Jahren entgleist. Die grossen Anstösse kamen von Präsident Reagan in den USA und Margaret Thatcher in England, damals haben dort die Regierungen die Wirtschaft fast 100-prozentig liberalisiert. Da ging der Teufel los. Seitdem stecken wir in einer immer schneller drehenden Spirale, aus der keiner mehr rauszukommen scheint. Ich habe schon mal ein Ökonomiestück geschrieben, «Top Dogs», Mitte der 90er-Jahre. Dieses ist vergleichsweise harmlos, wenn man es mit den heutigen Zuständen vergleicht. Mein neues Stück ist radikaler.

Und die Dialoge in Ihrem Stück, haben Sie solche Gespräche tatsächlich schon belauscht?

Es gibt eine ganz spezifische Sprache der Ökonomie. Die habe ich mir sozusagen angelernt im Lauf der Jahre.

Wenn man das so liest, denkt man, diese Gespräche entsprächen einem Klischee; so spricht niemand.

Es wird mit Klischees hantiert, aber diese werden in Realität gesprochen. Diese Sprache ist wie ein potemkinsches Dorf! Sie wird vor die Fakten gestellt. Dann sieht alles ganz prima aus, und jeder kann diese wunderbaren Begriffe auch noch sagen. Wer mitspricht, spricht die Sprache der Sieger. Wenn jemand aber in einer Bank arbeitet, diese Sprache nicht spricht und vielleicht erst noch eine Hose in der falschen Farbe trägt, dann kommt diese Person nicht weit. Natürlich habe ich diese Art von Business-Sprech erhitzt und zugespitzt, ich bin ja Dramatiker.

Was interessiert Sie als Dramatiker an der Wirtschaftskrise?

Das ist ein angeborener Fehler von Dramatikern: Sie interessieren sich für die Krisenzustände – und nicht etwa für das still funktionierende Liebesglück zweier süsser Menschen. Dramatiker interessieren sich für Spannungen, Konflikte und innerhalb dieses Rayons für Fragen der Macht. Wer hat sie und wer übt sie wie aus? Seit Sophokles werden Sie in jedem Stück Fragen der Macht finden, mehr oder weniger ausgeprägt. Ich bin auch so einer.

Aber das Wirtschaftsdrama ist ein spezieller Typus. Es heisst, Sie hätten es sogar erfunden.

Ein bisschen hab ich es erfunden. Wirtschaftsdramen sind selten. Das Problem ist, dass die handelnden Personen in der Ökonomie sich alle verteufelt gleichen. Einer ist wie der andere.

Ist das so? Sehen Sie den Leuten auf der Strasse denn an, wer aus der Finanzwelt kommt?

Ja, laufen Sie mal über den Paradeplatz, da bekommen Sie schon den Blick dafür.

Sind denn andere Menschen so anders?

Ich denke, die Wirtschaftsmenschen sind tatsächlich anders als wir viele. Sie leben in einer eigenen aseptischen, isolierten Kunstwelt. Ein Problem der Finanzoberen ist, dass sie die richtige Welt gar nicht mehr sehen; sie haben keine Ahnung, wie es ist, wenn man mit 43000 Franken im Jahr eine Familie ernähren muss.

Wie haben Sie dieses Problem der entpersonalisierten, austauschbaren Wirtschafts-Akteure gelöst?

Ich habe Kunstfiguren erfunden, Typen. Der Banker etwa ist ein typischer Banker, dem ich von mir beobachtete Züge zuschreibe. Aber er ist nicht eine Person, er ist nicht Herr Ospel oder Herr Ackermann. Banker oder Grossindustrielle haben natürlich eine Psychologie, doch diese gehorcht, solange sie funktioniert, den Anforderungen ihres Gewerbes. Darum wirkt die ganze Person wie ein Klischee. Austauschbar.

Fast täglich erscheinen neue Analysen und Bücher zur Krise. Was tragen Sie Neues dazu bei?

Kein Mensch kann das alles bewältigen, wir sind ja alle überinformiert. Es gibt hochkundige, sehr kritische Begleiter dieses Systems, zum Beispiel den Nobelpreisträger Joseph Stiglitz. Diese sind ebenso radikal wie ich – und viel kompetenter.

Und wozu braucht es nun noch Ihr Stück, was trägt es bei?

Wahrscheinlich nichts. (lacht) Ein Stück ist immer ein Spiel, dieses ist ein ernstes Spiel. Aber ein Stück, das News bringt, aufklärt, Leuten die Masken abreisst oder den Zuschauern die Augen aufreisst – das kann es nicht geben, dazu bewegt sich die Welt zu schnell. Es ist keine fünf Jahre her, da war in der Schweiz Jean Ziegler der Einzige, der, wenn er von Banken sprach, von Banditen und Halunken sprach. Er hat, so viel ich weiss, mehrere Verleumdungsklagen eingefangen. Heute sagt das jedermann. Als ich «Das Ende vom Geld» vor rund zwei Jahren schrieb, hatte ich bei manchen Passagen das Gefühl: Uiui, die sind hochprovokativ, vielleicht hab ich das mit zu grellen Farben gemalt. In der Zwischenzeit denke ich: Mein Gott, nein, so ist es.

Was kann ein aktuelles Theaterstück vielleicht besser als ein Buch oder ein Zeitungsartikel?

Das Theater ist ein sinnlicher Ort, wo wirkliche Menschen zusammenkommen, physisch: mit ihrem Herzen, ihrem Kopf und ihrem Schnupfen auch noch. Mein Theater ist wesentlich aggressiver als meine Prosa, denn es eignet sich wunderbar dafür, Aggressionen zu behandeln. Glücklicherweise kann jedoch auf der Bühne geschehen, was will: Sie wissen, dass Ihnen als Zuschauer nichts passieren kann. Sie sind sogar fast schon beleidigt, wenn die auf der Bühne nicht sterben.

Das Schauspielhaus in Zürich hat «Das Ende vom Geld» abgelehnt, angeblich, weil das Haus befürchtete, das Stück werde zum heutigen Zeitpunkt gar nicht mehr aktuell, die Wirtschaftskrise vorbei sein.

Darauf will ich nicht mehr weiter herumreiten. Frau Frey hatte offenbar andere Interessen. Es ist schade, dass dieses Stück nicht in der Bankenstadt Zürich spielen kann, aber auch St.Gallen ist eine gute Wahl. Da ist die Hochschule für Ökonomie, da sind auch alle sehr geldorientiert und auf Geld fixiert.

Hat es Sie in den Fingern gejuckt, das Stück zu aktualisieren?

Ich habe das mit den St. Gallern besprochen, aber wir haben es schliesslich sein gelassen. Es macht wenig Sinn, nun noch schnell einen Wegelin reinzuschreiben. Wir haben ganz unwesentliche Sachen geändert, zum Beispiel in einem Dialog Sarkozy durch Hollande ersetzt. Ausserdem wird nun die originale Schweizer Fassung aufgeführt, die ich zuerst geschrieben habe. In einem gewissen Sinn findet jetzt die Uraufführung statt.

Schweizer Uraufführung: Urs Widmers «Das Ende vom Geld»

Seine Tragikomödie «Top Dogs» über geschasste Manager feierte 1996 grosse Erfolge. Jetzt doppelt der bekannte Schweizer Autor Urs Widmer (74) viele Jahre später mit einem weiteren Wirtschaftsdrama nach: «Das Ende vom Geld». Das neue Stück sei radikaler, schwärzer, sagt Widmer. Darin werden am letzten Tag des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos ein Banker, seine Geliebte, ein Unternehmer, ein Bundesrat, ein Bischof, eine NGO-Delegierte und ein Chinese durch ein Unwetter von der Umwelt abgeschnitten. Nicht nur die Telefonverbindungen sind gekappt, bald geht auch die Nahrung aus. Eine Figur ist unsympathischer als die andere. Noch schlimmer wirds, wenn der letzte Tropfen Champagner getrunken ist und die WEF-Teilnehmer merken, dass Kreditkarten nicht munden. Dann verwandeln sich diese Mächtigsten rasch zu ohnmächtigen Tieren, die überlegen, ob sie die Geliebte lieber frittiert oder gebraten verspeisen sollen.
Widmers Stück wurde vergangenen März in Darmstadt uraufgeführt.
Die Premiere der Schweizer Stückfassung findet nun diesen Freitag, 11. Januar, am Theater St. Gallen statt. (spe)

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