Mein Lieblingswerk

Thüring Bräm mag es kompromisslos

Barnett Newman: Day Before One, 1951, 334.7 x 127.3 cm.

Barnett Newman: Day Before One, 1951, 334.7 x 127.3 cm.

Komponist und Dirigent Thüring Bräm wählt Barnett Newmans Bild «The Day Before One» aus dem Jahr 1951 als sein Lieblingswerk aus dem Kunstmuseum.

«In einer Zeit, in der ein Informationsüberfluss von allen Seiten auf uns einströmt, wächst das Bedürfnis nach Konzentration und maximalem Ausdruck mit wenigen Mitteln. Seit meiner Gymnasialzeit hat mich die Reduktion aufs Wesentliche in der Malerei zum Beispiel bei Mondrian sehr berührt. Und da gab es im Kunstmuseum Basel ab 1959 plötzlich ein Bild, das mich damals vorerst sehr aufregte: eine grosse violett-blaue Fläche im Längsformat mit zwei engen Streifen oben und unten.

Ich dachte, ich könnte das auch malen, ging nach Hause und versuchte es und realisierte, dass es viel schwieriger war, als anfänglich gedacht. Eine so grosse Fläche mit der gleichen Farbe ebenmässig zu bemalen, bewirkt eine Art Trance, durch das lange Hinschauen beginnt sich die Fläche zu beleben: Es ergibt sich ein Hineinschauen in ein tiefes Etwas, das nur an den Rändern begrenzt wird. Es ist eine Art Entstehung der Welt aus dem Nichts (wie am Anfang von Joseph Haydns «Schöpfung»).

Da wurde ein Weg zur Konzentration gezeigt, der zugleich Ruhe und Aufregung beinhaltete mit äusserster Reduktion der Mittel. Da eröffnete sich Unendlichkeit und Begrenzung. Nicht ein äusserer bildlicher Eindruck wurde da abgebildet, sondern der Abgrund einer bodenlosen inneren Welt auf der Suche nach Sinn. Das Bild hat für mich in keiner Weise Staub angesetzt. Die Kompromisslosigkeit fasziniert mich auch heute noch.»

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