Sich selbst sein – auch zu zweit

Jeanne-Claude – Künstlerin, Kunstpartnerin und Ehefrau von Christo – ist tot. Sie starb überraschend im Alter von 74 Jahren an einer Hirnblutung.

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Jeanne Claude

Jeanne Claude

Keystone

Sabine Altorfer

Man kannte sie nur gemeinsam: Jeanne-Claude und Christo. Wenn sie Projekte erläuterten, Reden hielten oder alle paar Jahre mal ein neues Grossprojekt enthüllten: Sie kamen immer zu zweit. Aber auch wenn sie sich wie siamesische Zwillinge verhielten, alle Werke als Gemeinschaftsarbeiten deklarierten, so wirkten und agierten sie doch unterschiedlich.

Jeanne-Claude mit ihrer roten Mähne - und oft mit einer roten Seidenbluse - fiel nicht nur auf, sondern wirkte auch offen, umgänglich, nahm mit ihren Blicken Kontakt auf zu den Leuten und war sich nicht zu schade, um auf die Website hinzuweisen, «wo man alles von uns kaufen kann». Christo dagegen gab sich zurückhaltend, war der Kunsttheoretiker, der Intellektuelle, der sich hinter seiner dunklen immergleichen Brille verschanzte.

Nun ist Jeanne-Claude an einer Hirnblutung in New York gestorben, im Alter von 74 Jahren. Christo sei tief betroffen vom Tod seiner Frau, sagte Wolfgang Volz, der für das Paar seit Jahrzehnten alle Fotos macht.

Jeanne-Claude und Christo waren eine Einheit, aber wer war Jeanne-Claude selber. Man weiss in der Öffentlichkeit wenig von ihr. Geboren ist sie am 3. Juni 1935 in Casablanca. Am gleichen Tag und - wie das Paar gerne selber erzählte - zur selben Stunde wie Christo in Bulgarien. Jeanne-Claude Denat de Guillebon wuchs zuerst bei ihrem Vater auf, später in privilegierten Verhältnissen bei der Mutter in Tunis und Paris. Sie war Flight Attendant, bevor sie durch Christo zur Kunst kam. Im Mai 1960 kam Sohn Cyril auf die Welt. Zwei Jahre später folgte die Hochzeit. Das Zusammentreffen mit Christo sei höhere Fügung gewesen, das betonte die Künstlerin immer wieder.

In breiten Kreisen nannte man vor allem Christo als Urheber der verrückten Open-Air-Projekte. Er selber sprach immer von wir, das Gemeinschaftswerk - als Paar zusammen mit den Mitarbeitern - galt Christo und Jeanne-ClaudE: Populärere zeitgenössische Künstler gibt es heute wohl kaum. Das brauchte allerdings seine Zeit. 1968 verhüllten die beiden ihr erstes Gebäude: die Kunsthalle Bern. Die Künstler und Ausstellungsmacher Harald Szeemann stiessen damit auf viel Widerstand und Unverständnis. Heute ist man stolz in Bern, dass hier die Christo-Premiere stattgefunden hatte. Und wer die Polemiken von damals mit der Euphorie der Hunderttausenden von begeisterten Menschen vor dem verhüllten Reichstag in Berlin vergleicht, der merkt: Hier hat sich das Verständnis für eine ungewohnte Kunstform völlig geändert. Und zwar nicht nur bei Insidern, sondern beim Volk. Eigentlich erstaunlich, den anbiedernd waren sie nie, sondern stets radikal - aber eben auch poetisch, besessen von der Idee, dem Streben nach Schönheit.

Respekt brachte ihnen auch der Umstand ein, dass sie nie öffentliche Gelder für ihre Kunstwerke wollten. Sie finanzierten ihre Projekte mit dem Verkauf von Lithografien, Fotografien, Büchern, Souvenirs. Es war nicht die Bürokratie der Kultursubventionierung, die sie geschreckt hat, damit hatten sie bei ihren oft Jahre dauernden Bewilligungsverfahren genügend Routine. Sie wollten keine Abhängigkeit: «Wir wollen machen, was wir wollen, und so, wie wir es wollen.» Das war das Credo der Generalunternehmung Jeanne-Claude und Christo.
Christo versprach in New York, er wolle die künstlerischen Arbeiten fortsetzen. Darunter ein Projekt, bei dem hängende Stoffbahnen über den Arkansas River gespannt werden sollen. Für diese gigantische Idee, für die Bewilligung und das nötige Geld hat das Paar seit Jahren gekämpft.

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