Schauspielhaus Zürich

Schneewittchen auf Speed: Herbert Fritsch inszeniert eine Märchenstunde der besonderen Art

Herbert Fritschs «Grimmige Märchen» bieten einen untrennbaren Mix aus Ernst und Nonsens, hochkarätigster Schauspielkunst und niederschwelligstem Jux.

Herbert Fritschs «Grimmige Märchen» bieten einen untrennbaren Mix aus Ernst und Nonsens, hochkarätigster Schauspielkunst und niederschwelligstem Jux.

Herbert Fritsch inszeniert «Grimmige Märchen» im Zürcher Schauspielhaus: Irrwitzig, brutal, furchterregend und grauenhaft komisch.

Zwischen «Es war einmal» und «Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute» passt in den Märchen der Brüder Grimm die ganze Welt. Und die ist grausam, brutal, pervers. Splatterfilme sind gar nichts dagegen. Glauben Sie nicht? Dann kennen Sie die Märchen nicht.

Nachhilfe erteilt seit Freitagabend Herbert Fritsch im Zürcher Schauspielhaus, wo seine «Grimmigen Märchen» Premiere feierten. Zwar kann grösser und anmächeliger ein Kissen gar nicht sein als das, das sich der Regisseur für seine Bühne selbst erdacht hat. Es beherrscht das Geschehen so sehr, dass sich all die Prinzen, Zauberer, Könige, Prinzessinnen und selbst Rotkäppchen und Rapunzel am oberen Rand den Kopf stossen.

Auf diesem steinharten Kissen gibt es eine Märchenstunde der besonderen Art. Mit Schauspielern in abstrusen, absonderlichen Kostümen und mit Kontaktlinsen, die Augen ersterben und Menschen einäugig werden lassen (Kostüme Victoria Behr). Mit Perücken, die das Rote Käppchen turmhoch über dem Kopf schweben lassen und in die Rapunzel seine ganze Haarpracht aufgewickelt hat. Auch König Drosselbart ist da, mit riesigem Mühlsteinkragen, auf dem er seine roten Haupt- und Barthaare drapieren kann. Und die Prinzessin im Kleid und mit Puffärmeln, dass es aussieht, als käme sie gerade aus ebendiesem Puff.

Wie Maschinen und Marionetten

Diese Wesen turnen nun auf dem Kissen herum – das mit Trampolin und überbordender Fantasie in neue Welten katapultiert. Welten, in denen Menschen klappern wie Maschinen, wippen wie Marionetten und erbeben wie Wackelpudding. Welten, in denen Brüderchen Eins Brüderchen Zwei ersticht, Mutter in Wut Brüderchen Eins das Messer in den Hals rammt und Brüderchen Drei erhängt und Vater auch nicht mit dem Leben davonkommt.

Welten, in denen Maria (!) dem Mädchen dreizehn Schlüssel hinterlässt und den letzten verbietet und – als es den doch benutzt – es auf dem Scheiterhaufen verbrennen will, den Schneewittchen anzünden soll. Ja, die Menschen sind böse, vor allem die Eltern, aber auch die Kinder so widerborstig, dass sie noch im Tode die Ärmchen aus dem Grabe strecken (Vorlage für eine bitterböse Nazi-Parodie).

Irrwitzig und körperbetont

Fritsch zeigt nicht ein Märchen, sondern etwa 60. Darunter blitzen die bekannten nur in Andeutungen vor, während die unbekannten in den Schnelldurchlauf und den Fleischwolf geschickt und miteinander verwurstet werden. Irrwitzig und körperbetont hat Fritsch das inszeniert; sein Ensemble spielt enthusiastisch, als wäre es auf Speed.

Florian Anderer, einziger Gast im Ensemble und in Fritsch-Werken im Dauereinsatz, wirkt zuweilen, als hätte er seine Knochen gegen Gummi eingetauscht und seine Mimik bei Harpo Marx geliehen. Schlicht grossartig auch Markus Scheumann. Ihm gebührt die Ehre, den Abend mit einem Ruck wiederzubeleben, als der zwischendurch in der Wiederholungsschleife hängt und im märchen- und grauenhaften Einerlei zu ersticken droht.

Als Schneewittchen-Verschnitt verwandelt Schneewittchen seinen Schuh – «Ruckediguck, das ist ein Schugg» – in ein Smartphone und lässt sich in einer famosen Improvisation minutenlang in ein Telefongespräch verwickeln. Da ist Fritsch voll in seinem Element, für das ihn Fans lieben und vergöttern: Im untrennbaren Mix aus Ernst und Nonsens, hochkarätigster Schauspielkunst und niederschwelligstem Jux. Und mit Einfällen zum Niederknien schön.

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