Roman
Road-Trip-Krimi: Auf der Flucht mit einem Sträfling und Drogenschmuggler

Ein Drogenschmuggler spielt die Hauptrolle in Lisa Moores bewegendem Road-Trip-Krimi «Der leichteste Fehler». Er will nach einer halbsbrecherischen Flucht einen Neuanfang starten.

Julia Bänninger
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Die kanadische Autorin Lisa Moore.

Die kanadische Autorin Lisa Moore.

HO

«Die Welt war so von Farbe getränkt, dass seine Augäpfel juckten»: So fühlt sich der kürzlich aus dem Gefängnis ausgebrochene Sträfling Slaney, als er aus dem Fenster seiner Unterkunft blickt. Vier Jahre verbrachte er hinter Gittern und sah kaum etwas von der Aussenwelt, bis er sich zu seiner halsbrecherischen Flucht entschloss. Der 25-Jährige wurde seinerzeit wegen Drogenschmuggels verurteilt und will nach seinem Ausbruch einen Neuanfang starten. Oder eher: einen Neuversuch. Denn kaum hat Slaney die ersten Hürden nach der Flucht überwunden, schmiedet er mit seinem besten Freund Hearn Pläne für eine erneute gefährliche Reise von Kolumbien nach Neufundland, um mit einem Segelboot Marihuana zu transportieren.

Die Geschichte «Der leichteste Fehler» der kanadischen Autorin Lisa Moore wird zur Katz-und-Maus-Jagd. Man bekommt Einblick in die Perspektive des Sträflings wie auch des übergewichtigen Polizisten Patterson. Beide Figuren besitzen eine gewisse Sympathie und am Ende gerät die Leserin in Konflikt: Auf wessen Seite stellt sie sich?

Erfahrbare Atmosphäre

Was zunächst wie ein Action-Krimi klingt, ist eine poetische Zeichnung von Menschen und Orten der nordamerikanischen Gesellschaft. Slaney macht Halt in ungemütlichen Diners, schäbigen Bars und Tankstellen, die trotz aller Zerlumptheit eine melancholische Schönheit ausstrahlen. So ist die nach Bier und Rauch stinkende Bar der Schwester von Harold, den er aus dem Gefängnis kennt, sein erster Zufluchtsort. Die goldenen Flanken eines Pferdes, der Geruch nach gemähtem Gras und frischer Minze sowie glühende Holzkohle verschaffen der heruntergekommenen Atmosphäre Liebreiz. Die Menschen, denen Slaney auf seiner Reise begegnet, bewegen sich eher am Rande der Gesellschaft, und man schwankt zwischen Verachtung, Mitleid und Sympathie für die tragischen Figuren.

Slaneys Charakter ist derjenigen des immer schwitzenden Polizisten Patterson gegenübergestellt. Dieser versucht, den Dealern eine Falle zu stellen, wobei er wissentlich die knapp zwanzig-jährige Ada in Gefahr bringt, die ihn so sehr an seine eigene, entlaufene Tochter erinnert. Der innere Konflikt Pattersons ist nur eine von vielen Gefühlswelten, die Moore nicht beschreibt, sondern spürbar macht, zeichnet, andeutet. Sie spricht nicht von Sonnenschein, sondern von «Lichttropfen», und ein Schneegestöber ist eine «zitternde, körnige Leere».

Gewisse Charaktere sind so intim und detailliert gezeichnet, dass ihre Namenlosigkeit unbemerkt bleibt. Wie zum Beispiel das Mädchen, das Slaney in seinem Truck mitnimmt und ihm für eine Nacht Unterkunft gewährt. Wir dringen in ihre Welt ein, ohne je ihren Namen zu erfahren.

Moores bildhafte, beobachtende Sprache vermischt die wahrgenommene Realität mit traumhaften Einschüben, und aus einer nüchternen Beschreibung der Aussenwelt wird plötzlich ein Einblick in ein ganzes Schicksal. So geben Details wie ein Zigarettenstummel, ein Duft oder ein Wort den Impuls für Slaney, sich an ein Ereignis aus der Vergangenheit zu erinnern. Der Erzählstrang wechselt zwischen Gegenwart und Vergangenheit ab, was anfangs verwirrt. Doch mit der Zeit werden die Figuren immer deutlicher, ihre Hintergründe klarer.

Lisa Moore: «Der leichteste Fehler» Carl Hanser Verlag, 360 S.

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