Mein Lieblingswerk

Ralph Ubl: «Aus alter Kunst wird neue Kunst»

Ralph Ubl, Professor für Neuere Kunstgeschichte, wählt ein Gemälde von Théodore Géricault als sein Lieblingswerk aus dem Kunstmuseum Basel.

«Lieblingsspeisen sind oft gewöhnliche Kost, Lieblingsschüler mitunter Sorgenkinder und Lieblingssakkos verbeult und fadenscheinig. Der Liebling verkörpert nicht das Ideal, sondern ist Objekt einer eigenwilligen Wahl und Anhänglichkeit. Das gilt auch für Lieblingsbilder. Meines ist kein Meisterwerk, nicht einmal eine eigenständige Leistung, sondern eine blosse Kopie.

Napoleons Raubzüge füllten den Louvre mit den Kunstschätzen Europas, unter ihnen Tizians Altarbild ‹Der Tod des Petrus Matyr›, das 1530 für eine venezianische Kirche geschaffen worden war. Nach Napoleons Niederlage kehrte es dorthin zurück und fiel 1867 einem Feuer zum Opfer. Die Kopie, die Théodore Géricault (1791 – 1824) im Louvre angefertigt hatte, wurde damit zu einem wertvollen Dokument dieses zerstörten Hauptwerks der Renaissance. Ihre Bedeutung geht aber weit darüber hinaus.

Géricault gehörte zur ersten Generation von Malern, die sich das Wesen ihrer Kunst nicht in der Werkstatt eines etablierten Malers aneigneten, sondern im Museum. Mit seiner bravourösen Pinselführung antwortet er auf die Herausforderung, ein Bild mit überlebensgrossen Figuren auf eine kleinformatige Leinwand zu übertragen, ohne die körperliche Eindringlichkeit des dramatischen Konflikts preiszugeben. An diesem Verhältnis zwischen den Grossformaten der Vergangenheit und den Klein- und Mittelformaten des bürgerlichen Zeitalters sollten sich nach Géricault noch viele Maler der Romantik und Moderne abarbeiten.

Als der Künstler mit 33 Jahren im Sterben lag, liess er diese Kopie in seinem Zimmer aufhängen. Nach seinem Tod wurde sie von seinem jüngeren Freund Eugène Delacroix erworben, der am Ende seines Lebens seinerseits eine Hommage auf Tizians Altarbild schaffen sollte. Zu diesem monumentalen Wandbild in der Kirche S. Sulpice pilgerten die modernen Dichter und Maler, von Baudelaire über Monet bis zu van Gogh und Cézanne.

Géricaults Kopie hat aus alter Kunst neue gemacht und junge Künstler dazu gebracht, alte Kunst neu zu betrachten. Kunsthistorisch ist es zweifellos ein bedeutsames Gemälde. Aber warum ein Lieblingsbild? Die Antwort ist persönlich und sentimental: Ich habe die Malerei in den Tizian-Räumen des Kunsthistorischen Museums in Wien lieben gelernt. Im Kunstmuseum Basel vermisse ich vor allem eines: die Venezianer. An deren Bedeutung für die modernen Meister, die in Basel so grossartig vertreten sind, erinnert Géricaults Kopie.»

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