Manchmal – ja, da kann man sich wohl aufregen, nicht bloss wundern vom Zugfenster aus: Kaum eine Wand ist frei von Spraydekor, und die Art der Darstellung wirkt – sagen wir mild – sehr durchzogen. Da und dort hat etwas das Zeug zur Kunst und besticht, doch das meiste wirkt beschränkt. Oft tun Sprayereien wirklich weh, völlig ungeachtet des Portemonnaies. Vom Zugtempo ausserdem verwischt, kommentieren viele dann die Wandbilder draussen genau so: «Verschmiert».

Zwei sehen mit ganz anderen Augen hin; sie achten darauf: Regula Laux und Jean-Marc Felix aus Laufenburg AG. Für sie ist das Genre unerhört faszinierend, seit Jahren schon. Deswegen sind sie oft unterwegs, in der ganzen Welt. Und schauen sich möglichst jede Wand an, sei sie besprayt, bekritzelt oder bemalt. «Jede Wand», sagen Regula Laux und Jean-Marc Felix, «ist eine Tür.» Das Wort stammt vom amerikanischen Philosophen Ralph Waldo Emerson (1803– 1882). Auch dieses schöne Zitat haben die beiden unterwegs entdeckt, auf einem Wandbild des deutschen Künstlerpaars Herakut: grosse Augen im knochig bleichen Gesicht einer Frau. Auf Brusthöhe liegt eine signalrote Tür. Und jetzt ist das Foto davon mit dem Satz «Every Wall is a Door» das Cover eines Bild-Text-Bandes, der in diesen Tagen erschienen ist, in zwei Ausgaben: Deutsch und Englisch.

«Every Wall is a Door»: Das Wandbild des deutschen Künstlerpaars Herakut ist der Namensgeber des Bildbands.

«Every Wall is a Door»: Das Wandbild des deutschen Künstlerpaars Herakut ist der Namensgeber des Bildbands.

Es handelt sich um eine «persönliche Momentaufnahme», wie die beiden in ihrer Einleitung schreiben. Das Buch hat darum die Kraft von Enthusiasten. Wie bei jedem gutgeführten Kunstbesuch glüht auch hier viel des Gezeigten dank engagierter Vermittlung. Die Journalistin und Kunstkennerin Regula Laux leitete bis Ende 2017 das Erwin-Rehmann-Museum in Laufenburg. Jean-Marc Felix, ursprünglich Kommunikationsfachmann, liess sich als Spätberufener ausbilden zum Fotografen. Beide teilen mit vier Augen ein und dasselbe Augenmerk, die Passion für Graffiti ... «Halt!», sagen sie sofort: «Für Urban Art oder Street Art – Graffiti wären die Spray-Buchstaben.»

Wir sitzen auf dem Balkon ihres Hauses, mit Blick auf die trägen sommerlichen Strudel des Rheins, denen der Nachbar des Paars dichterisch Form verliehen hat, der Schriftsteller Christian Haller. «Jede Wand ist eine Tür» – stimmt das wirklich? Künstlerisch unbedingt. Darum ist der qualitative Anspruch zentral auch bei der «Schmiererei». Tatsächlich trennen aber Welten die Bilder, wie bei allem, was der Mensch tut. Er kann mit gleichen Mitteln Hervorragendes schaffen – und alles unsäglich versemmeln. Der eine nimmt die Spraydose, und es wird gross. Der andere tut’s ihm nach, und es bleibt Geschmier.

Individuelle Welten

Dazu kennen Regula Laux und Jean-Marc Felix eine gute, auch eine etwas deprimierende Geschichte aus der Nähe: Auf dem Autobahnzubringer A5, kurz vor Aarau, malte Pollo 7 (der Künstler stammt aus Densbüren) eine riesenhafte Schnecke längs auf die Brücke. Untendurch rasten Lemminge. Ein hervorragendes Bild, in Ausführung wie Symbolik. Eines Nachts glaubte ein Pinsel, drei Buchstaben drüber malen zu müssen. Die Schnecke verschwand. Heute ist die Brücke mit Allerwelts-Dekor besprayt. Nicht Spraybilder verhunzen die Städte, das sind und bleiben nur die Ignoranten.

So akzentuiert würden die zwei derlei nicht formulieren, auch nicht derart pauschal. Sie sammeln – aber immer so, als handelte es sich um Einzelfälle. Oder besser gesagt: um individuelle Welten. Zweifellos ist das der redlichere bessere Zugang, nicht nur bei Street Art. Köstlich, wie viele Geschichten die zwei zu den 38 porträtierten Künstlern und Künstlerinnen erzählen können, die sie persönlich getroffen haben (150 Werke stellen sie insgesamt vor). «Frauen haben wir natürlich auch gesucht und gefunden», sagt Regula Laux, «aber in der Szene bewegen sich wenige Frauen». Möglicherweise sei die Furcht grösser, des Nachts auf Bahnböschungen zu kraxeln. Sicher bilden Frauen weniger Gangs als Boys.

Im Süden von New Yorks Stadtteil Manhattan: Urban Art findet man hier reihenweise. Darunter die berühmte Houston Bowery Wall.

Im Süden von New Yorks Stadtteil Manhattan: Urban Art findet man hier reihenweise. Darunter die berühmte Houston Bowery Wall.

Aus dem klassischen Setting der Szene – aus dem Ghetto ran ans Objekt und im Sprung zurück ins Dunkle – stammen längst nicht alle, kokettieren aber offenbar gern damit. Von Kennern der Szene ist uns, wegen seiner Selbstironie, der folgende Satz in lebhafter Erinnerung: «Zehn Minuten Gefängnis wegen Sprayereien machen sich gut in einem Street-Maler-CV.» Viele kennen bürgerliche Wege. Clevere arbeiten cool auch gegen Checks im Auftrag. Die berühmtesten sind inzwischen Millionäre.

Eine weltweit grosse Nummer ist der unerkannt arbeitende Brite Banksy; sein Alter gibt Wikipedia mit 44 an. Unter anderem, sagt er, sei er beeinflusst von Lady Di, der in Paris verunglückten Princess of Wales. Banksys Schablonen-Graffiti werden aus Museen gestohlen. Oder gesammelt von Filmstars (Brad Pitt) und obsessiv Begeisterten (wie Jason aus London). Es gibt Banksy-Fanartikel und ein Banksy-Hotel. Angefixte kaufen ganze Häuser, um ein Wandbild in Besitz zu nehmen; das Bild ist manchmal teurer als der ganze Klotz.

Einstige Randquartiere ändern Image und Cachet dank Street Art, werden zu Hipstermeilen. Natürlich branden bald auch Busladungen von Touristen an. Wie bei den Wynwood Walls in Miami. Die werden umzäunt und streng bewacht, damit nachts keiner die Kunst mit Spray entweiht.

All das weiterhin mit Underground-Groove zu umhüllen, wäre in jeder anderen Sparte längst ein gröberer Etikettenschwindel. «Subversiv» ist offenbar ein speziell überdehnbares Label. Man denke an den Ché, die Allerwelts-Ikone, inzwischen gar für Jung-Katholiken. Oder an Parallelen im Musik-Business (Ghetto-Gangsta-Rap mit Millionen-Dollar-Bling und dem uralten Bunny-Wildcat-Bums-Fallera).

Vom Hobby zum Joint Venture

Bemalte Wände als Türen zu so vielen Zonen, in so viele Schichten und Nischen des modernen Lebens und seiner babylonisch konfusen Gesellschaft – es ist wirklich faszinierend. Türen, die stets zu neuen Zwischenwänden, neuen Türen führen. Ähnlich hat sich das Thema auch für Regula Laux und Jean-Marc Felix ausgewachsen: von einem privaten Metier zu einer ersten Ausstellung im Erwin-Rehmann-Museum. Dann sozusagen zu einem Joint Venture mit der Baufirma Erne AG, die ihren Hauptsitz in Laufenburg hat. Die neue, eben angelaufene Werbekampagne der Firma nutzt Street-Art-Werke auf den Blachen und Wandabsperrungen ihrer Bauplätze landauf, landab.

Der Betrachter, die Betrachterin des Bildbandes werden auch ohne solche Nebenanschauung tief eintauchen können in eine Kunst, von deren Vielfalt und Kreativität die beiden Autoren überzeugt sind. Im Ohr behält man gleichwohl auch den Satz von Szene-Beobachtern: «Man muss Besseres gesehen haben, damit sich das Gros der Werke entlang der Bahndämme relativiert.» Die präsentierten Werke stammen aus Kuba, Deutschland, den USA, Portugal, Italien, aus der Schweiz ... sogar aus Venedig. Und das ist zuletzt nochmals so eine wunderliche und wunderbare Anekdote:

Jean-Marc fragte kühn in der Lobby des Hotels in Venedig, wo man an den Palazzi denn auch Spraykunst, nicht bloss bis zum Abwinken Renaissance bewundern könne? Natürlich bedauerte der Mann an der Réception, so höflich wie elegant. Er selber sei auch Street-Art-Künstler. Aber aus Respekt vor der «Serenissima» habe er auf die Karriere verzichtet und sei Concierge geworden.

Every Wall is a Door – Urban Art: Künstler. Werke. Storys. Regula Laux und Jean-Marc Felix. Hardcover, 200 Seiten. Benteli-Verlag. Salenstein, 2018.