Kultur

Neuer Roman von Reto Hänny: Schwer beladen über die Alpen

Fliegen als literarische Flucht ist auch im neuen Roman von Reto Hänny zentrales Thema.

Fliegen als literarische Flucht ist auch im neuen Roman von Reto Hänny zentrales Thema.

Mit «Sturz» legt Reto Hänny sein drittes Buch übers Fliegen vor. Es ist ein Jumbo, der das ganze Können des Bündner Autors geladen hat.

«Kann ich überhaupt fliegen?», fragte sich Louis Blériot, der erste Mensch, der fliegend den Ärmelkanal überquerte, in der Stunde seines Triumphes, «oder habe ich es nur als Kind gekonnt; wie alle». Als Kind konnte auch der Icherzähler in Reto Hännys neuem Roman fliegen. In der engen Bündner Berg­bauernstube düste der Bub mit ausgebreiteten Armen um den Tisch, angefeuert von Grossvater Neni, der als Geschichtenerzähler wusste, dass die Vorstellungskraft alles möglich macht.

Die Geschichte des Bubs, in Rückblicken auf Familientreffen in jeder Dekade seines Aufwachsens erzählt, ist umrahmt von der Geschichte der Luftfahrt, in die Blériot 1909 mit seinem Pionierflug einging. Beides wird von einem weiteren Rahmen zusammengehalten, der zeigt, wie ein Mann in ein Flugzeug steigt und über die Schweiz fliegt, südwärts.

«Übermalung» nennt der Autor seine Neuschreibung

All das ist bekannt aus Reto Hännys Buch «Flug», das 1985 im Suhrkamp-Verlag erschien und dessen zweite Fassung 2007 nachgereicht wurde. «Übermalung» nennt der Autor selber seine Praxis, bereits erschienene Bücher neu zu schreiben. Nun hat er das Buch «Flug» zum dritten Mal umgearbeitet, wobei es neu bei Matthes & Seitz erscheint und den Titel «Sturz» trägt. Das macht neugierig.

Der Schweizer Schriftsteller Reto Hänny.

Der Schweizer Schriftsteller Reto Hänny.

Was ist neu? Unter der aktuellen Flugscham scheint Hänny nicht zu leiden. Deutet dafür der Titel «Sturz» den ökologischen Kollaps an, der allen voran die Klimajugend umtreibt? Spekulation. Im 600-seitigem Opus ist der Bergwinter noch ein richtiger Winter; nicht die überhitzte Gegenwart, sondern die Vergangenheit spielt die Hauptrolle. Dabei beschäftigt sich der 1947 in Tschappina GR geborene Autor vor allem mit den 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahren. Die besten Teile der ersten Fassung – über die Zürcher Jugendunruhen der 1980er-Jahre, die er miterlebt hat – fehlen in dieser Version. Es ist nicht das Politische, das den Autor im Alter beschäftigt. Umso enttäuschender ist es, dass er seinen Text mit pseudopolitischen Details in der Gegenwart verortet. Da ist – ausgerechnet – die «blond getönte Haartolle» des 45. US-Präsidenten, der wie der siebte, «Indianerkiller» Andrew Jackson, gern «als Vertreter des kleinen Mannes auftritt».

Karl May als Fluchthelfer für den Jugendlichen

Und da sind – ebenso erwartbar – die Handys der Reisenden im Flugzeug. «Zwischen Gebirge und Azur, die gleissende Naht; nur im Westen, über dem Mittelland, suppt trüb der Nebel, draus aufsteigend, als im Emporwachsen auseinanderklumpender Pilz, der Kühldampf aus einem der Kernkraftwerke, der manche mehr ängstigt als ihr strahlendes Handy, von dem sie sich das Hirn sieden lassen.» Sätze, die im ersten Anlauf les- und begreifbar sind wie der oben zitierte, gibt es wenige in «Sturz». Hänny ist bekannt für seine Wortkaskaden, auf die man sich im freien Fall einlassen muss, ohne Halt zu suchen. Wer das kann, dem wird ein Leseerlebnis von grosser Wucht und Schönheit geschenkt. Hänny war nie ein Autor für den Massenmarkt. So mutet er der Leserschaft einiges zu.

Lange Aufzählungen von Todesarten, Studentenritualen, Frauentypen oder Dingen, die fahrende Händler zur Zeit seiner Kindheit in den Bergdörfern feilboten. Über mehrere Seiten geht es von «Aufschwänz-schnüren» über «Schellen, Rollen, Chlepfen, Treicheln, Töndeln, Plumpen» bis zu den «Zipfelkappen», worauf Hänny, der auch Ethnologe ist und sich als solcher für die alltäglichen Dinge interessiert, den ganzen Reichtum in ein poetisches Konzept münden lässt: «Die faszinierenden Dinge, deren konfuseste Aufzählung dem Kopf mehr Raum lässt als jede Beschreibung.» Anfänglich ist man fasziniert und lässt der Fantasie freien Lauf.

Doch immer öfter überspringt man Seiten, um nicht konfus zu werden und den Protagonisten weiter begleiten zu können. Renitent in der Schule und auch mit haarsträubenden Züchtigungen nicht zu bändigen, wird der Bub nach Ruch (Anagramm für Chur) geschickt. Dort hat er als Bauerntölpel nichts zu lachen. Er flüchtet sich in die Lektüre von Indianergeschichten; eine ganze Karl-­May-Bibliothek wird nacherzählt. Später, der Bub hats ans Gymnasium geschafft, kommen Filme, Musik von Bartók bis Free Jazz, dann die hohe Literatur, gipfelnd in Joyces «Ulysses», und schliesslich, den Bogen zu Louis Blériot schlagend, die Kunst. Segantinis Sennerin, die Augen mit der Hand beschirmend, schaut auf ihrem preisgekrönten Gemälde in den Himmel wie die Dame, welche die Künste des Flugpioniers verfolgt. Und während Blériot Loopings fliegt, gleicht Hännys «Sturz» dem Versuch, einen Jumbo in der Luft zu halten, der heillos überladen ist mit bildungsbürgerlicher Bagage.

Reto Hänny: Sturz. Matthes & Seitz, 594 Seiten.

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