Mein Lieblingswerk

Meinrad Morger: «Das Bild ist auf eine geheimnisvolle Art zeitlos»

Giovanni Segantini: An der Tränke (Kühe im Joch), 1888, Öl auf Leinwand, 84.1 x 141.2 cm.

Giovanni Segantini: An der Tränke (Kühe im Joch), 1888, Öl auf Leinwand, 84.1 x 141.2 cm.

Der Architekt Meinrad Morger wählt Giovanni Segantinis Bild «An der Tränke (Kühe im Joch)» von 1888 als sein Lieblingswerk aus dem Kunstmuseum

«Ich habe das Werk «an der Tränke» von Giovannis Segantini von 1888, vor dem ich kurz nach meinem Umzug nach Basel 1980 zum ersten Mal im Kunstmuseum Basel stand, ausgewählt, weil die im Bild dargestellte Landschaft Surses zu meiner zweiten Heimat zählt.

Unsere in der Stadt St. Gallen wohnhafte Familie verbrachte ab den 1950-er Jahren während meiner ganzen Jugendzeit sämtliche Schulferien in Salouf bei Savognin. Jeder Pinselstrich im Bild ist mir heute noch tief vertraut: die Bergspitzen, die Alpen, die Weiden, die Dörfer, die Häuser, die Menschen, die Tiere, das Licht und der Himmel. Die Aussage des Gemäldes wird überlagert mit meinen eigenen intensiven Erinnerungen. Erinnerungen, die sich im Verlauf der Zeit durch die immer neuen Erlebnisse anreicherten und das Bild wie bei einem Palimpsest überschichteten.

Eine weitere für mich ebenso eindrückliche und wiederum ganz persönliche Erkenntnis, die dem Werk eine neue Dimension, eine neue Schicht gab, war die Begegnung mit der Kunst von Ernst Ludwig Kirchner anlässlich der Museums Eröffnung von 1992 in Davos. Beide grossen Künstler malten Bauern bei der Arbeit und visionäre Landschaften, die den überwältigenden Eindruck der Alpenlandschaft zu fassen vermögen.

Währenddem Giovanni Segantini für seine symbolistische Bildidee die offene Westflanke des Oberhalbsteins (Piz Toissa, Piz Curver) in die Horizontale ausdehnt, zieht Ernst Ludwig Kirchner etwa 30 Jahre später sozusagen hinter seinem Rücken die Ostflanke mit dem markanten Bergen (Piz Ela, Tinzenhorn) von Davos aus betrachtet expressiv in die Vertikale. Die durch die Künstler unterschiedlich manipulierte Morphologie der Landschaft wird mitunter zum wichtigen inhaltlich tragenden Bildmotiv.

Das Kunstwerk «An der Tränke» von Giovanni Segantini ist bei mir bei jeder erneuten Begegnung durch die enge, immerwährende und innige Beziehung zum landschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Bild-Kontext einer andauernden, bereichernden und verändernden Interpretation unterworfen. Es ist für mich auf geheimnisvolle Art von datierbarer Zeitlosigkeit.

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