Kolumne

«Max liest»-Kolumne: Ein teuflisch guter Roman

Max Rüdlinger Bild: CH Media

Max Rüdlinger Bild: CH Media

Unser Autor Max Rüdlinger schreibt in seiner aktuellen Kolumne über ein Buch aus Russland, dessen Besitz während der Sowjetzeit verboten war.

Michail Bulgakows «Der Meister und Margarita» war zu Zeiten der Sowjetunion nur als Samisdat erhältlich. Unter dem Begriff verstand man die Untergrundliteratur, die durch Abschreiben von Hand oder mit der Maschine weitergegeben wurde.

In der Ära Stalins wurde die Aufbewahrung und Verbreitung verbotener Texte mit bis zu 25 Jahren Lagerhaft bestraft. Die Praxis des Samisdat wurde aber auch schon im zaristischen Russland ausgeübt. So besass Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts fast jeder gebildete Russe eine Abschrift der Komödie «Verstand schafft Leiden» des Dichters Alexander Gribojedow.

Da verwundert es nicht, dass Bulgakow die Hauptschauplätze seines satirischen Romans nach diesem Dichter benannt hat. Bulgakow arbeitete dreizehn Jahre an dem Roman. Als er 1940 starb, hinterliess er ein unfertiges Werk, das von seiner dritten Frau Jelena Sergejewna Schilowskaja vollendet wurde. Die nächsten 25 Jahre versuchte sie, es zu publizieren.

Die erste vollständige Ausgabe erschien 1973. Ich besitze eine deutsche Ausgabevon 2005. Mehr als zehn Jahre harrte sie in meiner Bibliothek ihrer Entdeckung. Eine lange Durststrecke für ein Schriftwerk! Jetzt ist es so weit, dass ich schreiben kann, der Roman gehört ganz klar zu den hundert Büchern, die Sie vor Abgang von diesem Planeten gelesen haben sollten.

Der Teufel besucht in der Person des Schwarzmagiers Professor Voland mit höllischen Gefolge das Moskau der Dreissigerjahre. Bei allem Ungemach, welches durch die diabolische Bande entsteht, ist der Teufel kein ganz Böser. Zwar landen einige Leute im Irrenhaus, der Vorsitzende der Moskauer Literaturvereinigung kommt gar unter die Strassenbahn, aber dabei handelt es sich um Erstverschlechterungen, wenn eine kranke, bürokratisch-verfestigte Gesellschaft aufgemischt wird.

Dass es sich bei dem Teufel nicht um das absolut Böse handelt, darauf deutet auch das vorangestellte Faust-Zitat hin, wo Mephistopheles auf die Frage, wer er sei, antwortet: «Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.» Es gibt ja auch nichts Höllischeres, als da ist. Im Besonderen gilt das für die Zeit des Stalinismus.

Eine andere Geschichte ist die des Meisters, der den Roman im Roman verfasst hat, die Geschichte von Pontius Pilatus nämlich, der in Jerusalem unwillig Jesus Christus zum Tod am Kreuz verurteilt und darob Gewissensqualen leidet. Von den regierenden atheistischen Materialisten verfemt, landet der Meister in der Psychiatrie, woraus ihn seine Geliebte Margarita erlöst, die sich zu diesem Behuf mit dem Teufel eingelassen hat. In einer Gala Volands hatte sie als Ballkönigin aufzutreten und musste sich die ganze Nacht hindurch von der ganzen Gästeschar das Knie küssen lassen. Dafür war ihr vergönnt, noch einmal mit dem Meister in dessen Kellerwohnung zusammenzuleben.

Zum Schluss laufen die beiden Handlungsstränge– die Geschichte von Pontius Pilatus, die in Zwischenkapiteln erzählt wird, und die des Meisters und Margaritas – zusammen. Das Liebespaar wird nach dessen Tod in der Osternacht in ihr ewiges Haus geführt, und auch der depressive Pontius Pilatus erfährt seine Erlösung.

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