Mein Lieblingswerk

Matthias Zehnder: «Es ist ein Bild, das Basel enthält, ohne es abzubilden»

Arnold Böcklins «Selbstbildnis im Atelier» von 1893, Tempera (?) auf Leinwand, 120 x 80.8 cm.

Arnold Böcklins «Selbstbildnis im Atelier» von 1893, Tempera (?) auf Leinwand, 120 x 80.8 cm.

Matthias Zehnder, Chefredaktor der bz, wählt Arnold Böcklins «Selbstbildnis im Atelier» von 1893 als Lieblingswerk aus dem Kunstmuseum Basel.

«Nach vielen Ortswechseln – Basel und Rom, Weimar und München, Florenz und Zürich – hat sich Arnold Böcklin wieder in Italien niedergelassen. In San Terenzo am Golf von La Spezia erholt er sich von einer schweren Krankheit. Die Rede ist von einem Schlaganfall, vielleicht handelt es sich aber auch um eine akute Kreislaufstörung, verursacht durch übermässiges Rauchen und Trinken.

Hier, am Golf von La Spezia, malt er im Auftrag der Basler Kunstkommission für die Öffentliche Kunstsammlung Basel sein letztes Selbstportrait. Böcklin ist 66 Jahre alt. Er malt sich im Bewusstsein, dass die Basler Kunstwelt sein Bild anschauen wird, dass die Basler im (heutigen) Kunstmuseum vor diesem seinem Bild stehen werden. Böcklin präsentiert sich auf dem Bild also so, wie er in seiner Heimatstadt gesehen werden will: als erfolgreicher Grandsegnieur der Kunst, der es nicht mehr nötig hat, seiner Heimatstadt zu gefallen, weil er längst in der ganzen Welt erfolgreich ist.

Bei den Baslern kommt die lässige Haltung nicht gut an. Man kritisiert den unschicklichen Anzug des Malers, die karierte Sommerhose, das zerknautscht eingesteckte Tüchlein. Mit anderen Worten: Böcklins Botschaft wird in Basel verstanden.

Arnold Böcklin (1827-1901) hatte es nicht einfach in seiner Heimatstadt. Lange war seine Malerei den Baslern zu bunt, zu gegenständlich und gleichzeitig zu phantastisch. Erst als er in 1859 in München mit «Pan im Schilf» grosse Anerkennung fand, versöhnte sich auch Basel langsam mit ihm. 1862 erteilt ihm die Kunstkommission den ersten grossen Auftrag zu «Jagd der Diana» – allerdings erst, nachdem die Herren sich anhand von Skizzen von der «Tauglichkeit» des Bildes überzeugt hatten.

Auf dem Selbstportrait von 1893 schaut Böcklin stolz in Richtung des Betrachters, er schaut ihn aber nicht an. Der Maler hat sich diesem Publikum zugewendet, als wolle er sich nach einer Störung umsehen. Sein Blick schaut in eine Ferne, er schweift über die Köpfe des vorgestellten Publikums hinweg, das vor dem Bild im Basler Kunstmuseum steht. Auf der Staffelei steht ein angefangenes Bild, darauf sind die Umrisse eines Selbstportraits im Profil zu sehen. Böcklin malt sich also beim Malen eines Selbstportraits.

Das Selbstportrait (heute würde man sagen: das Selfie) von Arnold Böcklin spricht mich an, weil sich daraus viel über seine komplizierte Beziehung zur Stadt Basel herauslesen lässt. Es ist ein Bild, das in sich viele Perspektiven beinhaltet: Den Blick von uns, den Betrachtern, auf das Bild, der Blick des abgebildeten Malers auf sein vorgestelltes Publikum, sein Blick auf sich selbst auf der Staffelei. Es ist ein Bild, das vor Augen führt, dass es die Wirklichkeit nicht gibt, dass es Wirklichkeit immer nur aus einer bestimmten Perspektive gibt. Es ist ein Bild, das Basel enthält, ohne es abzubilden.»

Meistgesehen

Artboard 1