Lieblingswerk

Massimo Ceccaroni: «Das Gesicht der Frau lässt bei mir viele Rätsel offen»

Andy Warhol (1928–1987): «Woman», um 1952/54. Tusche, Tempera und aufgeklebtes Blattsilber auf Papier. Blatt: grösste Masse: 36,8 x 37,3 Zentimeter. Kunstmuseum, erworben mit Mitteln der Max-Geldner-Stiftung 1997.Kunstmuseum Basel

Andy Warhol (1928–1987): «Woman», um 1952/54. Tusche, Tempera und aufgeklebtes Blattsilber auf Papier. Blatt: grösste Masse: 36,8 x 37,3 Zentimeter. Kunstmuseum, erworben mit Mitteln der Max-Geldner-Stiftung 1997.Kunstmuseum Basel

Massimo Ceccaroni wählt «Woman» von Andy Warhol (1928–1987) als sein Lieblingswerk aus dem Kunstmuseum.

«Als Andy Warhol 1987 verstarb, war ich noch keine 19 Jahre alt. Kunst spielte noch keine grosse Rolle in meiner Lebensvorstellung. Die Bilder von Andy Warhol, in erster Linie die mit den Pop-Art-Motiven, sprachen mich sehr an. Vielleicht waren es die Farben, die einem die Kindheit in Erinnerung rufen, oder die Comicfiguren und die Hollywoodstars. ‹Campbell’s Soup› und das Gesicht von Marilyn hätte ich am liebsten in allen Zimmern aufgehängt. Tatsächlich hängt ‹Marilyn›, geprägt von orangennem Hintergrund und den gelben Haaren, noch heute in meinem Wohnzimmer.

Erst später befasste ich mich mit den Zeichnungen von Warhol. In einem Buch, in dem verschiedene Werke vorgestellt wurden, sah ich zum ersten Mal das Bild ‹Woman›. Auch wieder ein Gesichtsprofil, aber fast ohne Farbe. Man hat das Gefühl, es selber malen zu können. Diese Einfachheit in der Zeichnung, die ich ganz bewusst wahrnehme, empfinde ich heute als Kunst. Das Gesicht der Frau lässt bei mir viele Rätsel offen. Der schwarze grosse Fleck im Hintergrund bringt mich sofort mit ihrer Gefühlslage in Verbindung. Sind es ihre Augen? Oder die Nase, die gar nicht da ist. Die aber bei jedem Blick auf das Bild eine andere Form einnimmt. Die Frisur scheint wild, aber wohlgeformt. Die Persönlichkeit der Frau ist spürbar. Andy Warhol lässt Platz für eigene Interpretationen.

‹Woman›. Auf den ersten Blick ein Bild voller Gegensätze, wie ich finde. Danach verändert sich aber vieles. Wie im Leben eines jeden Menschen. Lässt man sich Zeit bei der Betrachtung der Haare, der Augen und des Mundes, sieht man vieles. Nicht weil man mehr weiss, sondern weil man mehr erfahren will. Diese Spannung empfinde ich heute als unglaubliches Kunstwerk. Diese Freiheit in seinen Zeichnungen, die in den frühen 1950er-Jahren entstanden sind, spiegelt die Freiheit Warhols wider. Das Bild ist nicht nur die Darstellung eines Frauenkopfs, es soll dich motivieren, selber zu erkennen, wie ein Gesicht ohne markante Gesichtszüge so viel ausstrahlen kann.»

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